Barmer Pflegereport 2021 Pflegenotstand in Sachsen brisanter als angenommen

Schon jetzt fehlen in Sachsen Tausende Pflegekräfte. Ob in Krankenhäusern, Altenheimen oder im Betreuten Wohnen. Der Pflegenotstand könnte sich hierzulande allerdings weiter verschärfen. Der aktuelle Barmer-Pflegereport 2021 beschreibt einen alarmierenden Zukunftstrend. Demnach werden bis 2030 etwa 3.000 Pflegekräfte mehr benötigt als bisher berechnet. Krankenkasse und Wissenschaft fordern angesichts dieser Aussichten, die Pflege neu zu denken.

Ein Pfleger hält Hand einer Seniorin
Bis 2030 werden in Sachsen 3.000 Pflegekräfte mehr benötigt als bisher angenommen. Bildrechte: dpa

Der Pflegenotstand in Sachsen wird nach Berechnungen der Krankenkasse Barmer brisanter als bislang angenommen. Bis zum Jahr 2030 werden etwa 3.000 Pflegekräfte im Freistaat mehr benötigt als bisher berechnet. Das geht aus dem am Donnerstag vorgestellten Barmer-Pflegereport 2021 hervor. Gründe sei ein deutlich höher prognostizierter Anstieg Pflegebedürftiger aufgrund der demografischen Entwicklung, des vereinfachten Zugangs zu Leistungen und der immer längeren Verweildauer in der Pflege.

38.000 Pflegebedürftige mehr als berechnet

Laut Report werden bis 2030 mit rund 348.000 Pflegebedürftigen zu rechnen sein, etwa 38.000 Menschen mehr als bislang angenommen. "Die Analysen zeigen einen alarmierenden Zukunftstrend und die Zeit drängt", sagte Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen.

Es müssen rasch die Weichen für eine verlässliche und qualitativ hochwertige Pflege gestellt werden.

Fabian Magerl Geschäftsführer Barmer Sachsen

Magerl verwies dabei auch auf die ab Mitte März geltende berufsbezogene Impfpflicht für das Gesundheitswesen und Pflege. Mögliche Konsequenzen seien in die Analyse noch nicht eingerechnet.

Tausende Pflegekräfte mehr benötigt

Den aktuellen Reportergebnissen zufolge werden in Sachsen 2030 etwa 73.000 Pflegekräfte gebraucht, darunter 34.000 Pflegefachkräfte, 13.000 Pflegehilfskräfte und 26.000 Pflegehilfskräfte ohne Ausbildung. 2019 waren es 60 000. "Das ist eine Steigerung um mehr als 20 Prozent", erklärte Magerl.

Dabei ist in der Pflege jetzt schon alles auf Kante genäht.

Fabian Magerl Geschäftsführer Barmer Sachsen

Vor diesem Hintergrund müsse der Pflegeberuf deutlich attraktiver werden, so der Krankenkassen-Chef. Auch Jörg Klewer, Studiendekan der Fakultät Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Westsächsischen Hochschule Zwickau, fordert mehr Attraktivität.

Neben besserer Bezahlung vor allem in der Altenpflege, müssten die Kompetenzen erweitert und dafür die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, fordert Klewer. Um Teile des Pflegeberufs zu akademisieren, wie vom Wissenschaftsrat empfohlen, gibt es in Sachsen allerdings nicht genügend Studienplätze. Die Folge: Pflegekräfte würden sich in anderen Bundesländern ausbilden lassen und oftmals dort bleiben, so Klewer.

Gesellschaftliche Aufwertung gefordert

Barmer-Chef Magerl fordert daher als zentrales Anliegen, mehr Menschen für eine pflegende Tätigkeit zu begeistern. Neben einer angemessenen Bezahlung seien bessere Arbeitszeitmodelle nötig, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichterten. Darüber hinaus sollte das Thema Pflege schon während der Schulzeit umfassend behandelt werden, ergänzte Pflegewissenschaftler Klewer.

Darüber muss so gesprochen werden, wie über Fußball.

Jörg Klewer

So könnte ein breiteres Wissen über Pflegebedürftigkeit, Pflegeversicherung und persönliche Vorsorge entwickelt werden, glauben Klewer und Magerl.

Pflegende Angehörige unverzichtbar

Mit der wachsenden Zahl an Pflegebedürftigen wird laut Report auch die Zahl der Angehörigen, die sich um die Pflege kümmern, steigen. Es müsse daher nicht nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern auch explizit die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gefördert werden, sagte Klewer.

Schätzungen zufolge werden rund drei Viertel der pflegebedürftigen Menschen von ihren Angehörigen versorgt. Deren Zahl lag laut einer Erhebung des Verbands der Ersatzkassen bereits 2019 in Sachsen bei mindestens 188.000. "Mehr als 40 Prozent der pflegenden Angehörigen sind noch im erwerbsfähigen Alter. Diese Menschen sind ein unverzichtbarer Pfeiler des Pflegesystems“, so Fabian Magerl. Sie müssten frühzeitig unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden

Die Krankenkasse hatte als Grundlage für den Pflegereport 2021 die Daten von bundesweit mehr als 9,13 Millionen Versicherten ausgewertet, aus Sachsen waren 320.000 dabei.

MDR (bb)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 27. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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