Zehntausendfache Auflage Wie Corona-Kritiker in Anzeigenblättern Stimmung machen

Anzeigenblätter landen kostenlos in fast jedem Briefkasten. So werden auch Menschen erreicht, die keine Tageszeitung beziehen oder sich nicht im Internet informieren. Umso bedenklicher, wenn in den Blättern Stimmung gegen die Corona-Politik gemacht werden kann.

Zeitungen liegen auf einem Tisch
Nicht nur das "Neue Gera", sondern auch die "Südthüringer Rundschau" in Hildburghausen und der "Kurier" in Altenburg bieten Corona-Skeptikern in Anzeigen oder Leserbriefen eine Plattform und machen sogar mit eigenen redaktionellen Beiträgen Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Januar erregte ein Anzeigenblatt mit hunderten Annoncen von mutmaßlichen Impfgegnern große Aufmerksamkeit. Wie sich herausstellte, waren sie gefälscht. Doch das ist kein Einzelfall. Anzeigenblätter werden gezielt von Kritikern der Coronamaßnahmen genutzt, um ihre Thesen zu verbreiten, wie der MDR im Politmagazin exakt berichtet.

Ein Beispiel ist der "Kurier" im thüringischen Altenburger Land. In einem Text Anfang Februar mit dem Titel "Bitte wacht auf!" heißt es: "Mit Propaganda, Freiheitseinschränkung, einer Nötigung zu Masken und Geninjektion findet gerade das größte Verbrechen der Menschlichkeit statt (…)". Oben links wird die Veröffentlichung als "Anzeige" gekennzeichnet. Verschwörungstheorien und Falschaussagen über die Corona-Pandemie veröffentlicht der "Kurier" seit einigen Monaten regelmäßig. Die Artikel werden als Leserbriefe oder als Anzeigen deklariert. Das ist kein Einzelfall – und das hat Gründe.

Anzeigenblätter bieten Plattform für extreme Ansichten

Nicht nur der "Kurier" in Altenburg, sondern auch die "Südthüringer Rundschau" in Hildburghausen und das "Neue Gera" bieten Corona-Skeptikern in Anzeigen oder Leserbriefen eine Plattform und machen sogar mit eigenen redaktionellen Beiträgen Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen. Dabei überschreiten die Anzeigenblätter keine strafrechtlichen Grenzen. Diese könnten beispielweise Verletzungen von Persönlichkeitsrechten und der Menschenwürde sein, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Michael Haller. Strafrechtlich verfolgt werden könnten ebenfalls Beleidigungen, üble Nachrede, Volksverhetzung, Geschäftsschädigung oder die Leugnung des Holocausts. Andere Tatsachenbehauptungen seien jedoch von der Meinungsfreiheit gedeckt. Ebenso die Entscheidung des Verlegers bestimmte Lesermeinungen oder Anzeigen abzudrucken.

Reichsbürger und Rechtsextremisten nutzen Anzeigenblätter für sich

Und auch dem Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, Stephan Kramer, sind die beschriebenen Anzeigenblätter bereits negativ aufgefallen. "Hier publizieren öfter Reichsbürger und Rechtsextremisten, aber eben auch führende politische Vertreter der Alternative für Deutschland, die ja in Thüringen mit ihrem Landesverband als erwiesene rechtsextremistisch eingestuft ist", sagt der Behördenchef. "Diese Akteure nutzen im Grunde genommen diese Publikation dazu um ihre Ideen und vermeintlichen Fakten an die Bürgerinnen und Bürger zu bringen und um teilweise damit natürlich auch für politische Kontroversen zu sorgen. Und das gelingt Ihnen leider auch immer öfter."

Großer Einfluss vor allem in strukturschwachen Gegenden

Mit einer Auflage von 54.000 erreicht das Anzeigenblatt "Kurier" im Landkreis Altenburger Land nach eigenen Angaben rund 151.000 Leser. Die Bedeutung des "Kuriers" als Informationsmedium für die Region rührt auch daher, dass die kostenlose Wochenendzeitung bis Juni 2021 als einzige Zeitung im gesamten Landkreis Altenburger Land verteilt wurde. Sein Pendant, das Anzeigenblatt "Osterland Sonntag" sowie die kostenpflichtige Tageszeitung "Osterländer Volkszeitung" wurden bis zu diesem Zeitpunkt nicht an die Bewohner von Schmölln zugestellt.

Mit einer Auflage von fast 50.000 in Gera und in Hildburghausen mit 25.000 erreichen die kostenlosen Anzeigenblätter auch dort sehr viele Menschen. Anzeigenblätter haben eine große Bedeutung, das unterstreicht der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Benjamin Bigl: "Die Zahlen über die regelmäßige Nutzung deuten an, dass die Blätter bei bestimmten Zielgruppen und in einigen Regionen einen nicht zu unterschätzenden Einfluss haben – ich nehme an, vor allem in strukturschwachen Gegenden." Bigl war im vergangenen Jahr an der Studie Medienkompetenz in Sachsen beteiligt. Dabei habe sich gezeigt, "dass sich Menschen in Landkreisen mit schlechterer digitaler Infrastruktur oft ihre Informationen noch klassisch auf Papier wünschen. Das sind auch Regionen, wo die Medienkompetenz der Bevölkerung oft weniger ausgeprägt ist als im sachsenweiten Durchschnitt.

Daher ist es umso wichtiger, dass Verschwörungsmythen und falsche Tatsachen keinen Eingang in Anzeigenblätter finden.

Benjamin Bigl Kommunikationswissenschaftler

Auch Kommunikationswissenschaftler Michael Haller betont, dass für ältere Menschen, und für diejenigen, die sich keine Tageszeitung leisten könnten, das Anzeigenblatt eine wichtige Informationsquelle darstelle. Dass Anzeigenblätter wie der Kurier in Altenburg durchaus in Teilen der Bevölkerung beliebt seien, erklärt er mit der politischen Einstellung einiger Menschen vor Ort. Ihre Meinung würde von den sogenannten "Mainstream-Medien" nicht inhaltlich abgedeckt. Diese Lücken würden einige Anzeigenblätter für sich ausnutzen.

Viele lehnen die Mainstream-Medien ab, weil sie finden, dass ihre Sicht der Dinge von diesen gar nicht beachtet wird, sozusagen ausgegrenzt bleibt.

Michael Haller Kommunikationswissenschaftler

Oberbürgermeister Neumann: "Unseriös, spaltend, einseitig und weit unter der Gürtellinie"

Dennoch gibt es in Altenburg auch Kritik am "Kurier". Beispielsweise von Oberbürgermeister André Neumann (CDU). Dabei bezieht sich auf einen Bericht, in dem es um die als "Spaziergang" bezeichnete Corona-Demonstration in Altenburg geht. In der Ausgabe Mitte Dezember wird eine Aussage Neumanns durch ein Zitat eines Demonstranten falsch wiedergegeben: "Gut, dass sich die Polizei deeskalierend verhielt und die ,Stöckchen‘ bzw. ,Knüppel‘ nicht erhoben, obwohl der Altenburger Bürgermeister André Neumann und die Qualitätsmedien der Staatsgewalt dazu aufgefordert hatten, diese in brandstiftender Weise gegen die Menschen zu erheben."

Neumann meldet sich daraufhin über Facebook zu Wort und beklagt die Berichterstattung des Kuriers als "unseriös, spaltend, einseitig und weit unter der Gürtellinie". In den rund 80 Kommentaren unter dem Statement Neumanns pflichten viele Altenburger der Kritik bei: Das Blatt sei rechtslastig, könne nicht mehr als journalistisches Erzeugnis verstanden werden und beteilige sich durch seine Berichterstattung aktiv an der Mobilisierung für die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen.

SPD, Grüne und Linke sind keine Anzeigenkunden mehr

Während die Sparkasse oder die VR-Bank im Altenburger Land sowie viele regionale Unternehmen weiterhin im Anzeigenblatt werben, haben sich die Ortsverbände von SPD, Grünen und Linken 2020 darauf verständigt, keine Anzeigen mehr im Kurier zu schalten. Zur Kommunal-, Landtags- und Europawahl hätte die Linke im Kurier für mehrere Tausend Euro Anzeigen gekauft. "Danach haben wir uns die Frage gestellt, wen wir da eigentlich mit unserem Geld finanzieren", sagt Ralf Plötner, der für die Linke im Kreisrat des Altenburger Landes und im Thüringer Landtag sitzt. Er fordert auch von anderen Unternehmen, auf Distanz zum Kurier zu gehen: "Alle, die mit dem Kurier Anzeigenverträge haben, sollten sich kritisch anschauen neben welchen Schlagzeile die Anzeigen eigentlich stehen."

"Schwarze Schafe in allen Mediengattungen"

Jörg Eggers vom Bundesverband der Anzeigenblätter hält einen Generalverdacht für unzulässig. "Sicher gibt es einige wenige schwarze Schafe, die politisch motiviert berichten. Dass sich journalistische Beiträge Fehler einschleichen können, kommt bei allen Mediengattungen vor. Nach all dem, was wir wissen, ist das auch bei Anzeigenblättern jedoch die Ausnahme." In der Pandemie hätten die kostenlosen Blätter eine besonders wichtige Funktion erfüllt: "Wir erreichen alle Altersgruppen und alle Schichten mit Informationen über die Coronalage oder etwa Impfangebote. Auch Menschen, die in digitale Blasen abgetaucht sind."

Eggers ist es wichtig, festzuhalten, dass keine der hier genannten Anzeigenblätter zu seinem Verband gehören. "Wer bei uns Mitglied ist, orientiert sich an den Grundsätzen des deutschen Pressekodex. Da wird ausgewogen und fundiert berichtet, Werbung und redaktioneller Teil klar voneinander getrennt." Um gegen digitale Fake News vorzugehen, ist der Verband etwa eine Kooperation mit dem unabhängigen Recherchezentrum Correctiv eingegangen. Seitdem veröffentlichen die Blätter, die dem Verband angehören, regelmäßig Rechercheergebnisse zu aktuellen Themen wie Klimawandel oder der Coronapandemie.

Wer steckt dahinter?

Kommunikationswissenschaftler Bigl empfiehlt, sich auch bei Anzeigenblättern darüber zu informieren, wer hinter Verlag und Redaktion steckt und zwischen Werbung und Journalismus zu unterscheiden. Letzteres sei allerdings nicht immer so einfach "vor allem dann, wenn ein und dieselbe Person Anzeigen einwirbt und journalistisch anmutende Texte verfasst." So verschwimmen die Grenzen zwischen Nachricht und Meinung sowie zwischen Unternehmensaktivitäten und Journalismus.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 23. Februar 2022 | 20:15 Uhr

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