Der Redakteur | 01.02.2022 Wohin mit meinem Corona-Protest?

Zwischen radikalen Gruppen, anonymen Spendensammlern und "ganz normalen Menschen", die sich in der Mehrheit sehen - bei "Fakt ist" ging es am Montag um dieses Spannungsfeld bei Corona-Demonstrationen.

Demonstranten laufen in Erfurt vom Angerbrunnen zum Anger
Corona-Demonstration in Erfurt Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

"Wir sind ganz normale Leute!" Das sind Sätze, die in diesen Tagen auf vielen Demonstrationen zu hören sind. Dass dies keine angemeldeten Demonstrationen sind, ist nicht überraschend. Die Termine kreisen einfach in den Chatgruppen, werden geteilt und weitergeleitet. Die Initiatoren bleiben in vielen Fällen völlig im Dunkeln.

Doch wie kommen die Termine eigentlich zustande? Die Quelle der meisten Termine ist eine Website, die nicht auf .de oder .com endet, sondern auf .top. Seit 18.Mai 2020 ist die Seite online, zuvor wurden – in den Anfängen der Corona-Demonstrationen – Terminlisten von den gleichen Personen (erkennbar u.a. an den Mailadressen) über githubusercontent.com erstellt, stets verbunden mit der Bitte um Spenden.

Auf der aktuellen Website, die auch eine große Kartenübersicht der kommenden Termine bereithält, kann jeder völlig unproblematisch einen Termin für jeden beliebigen Ort eintragen. Dazu wählt man eine der vielzähligen Protestformen von "Kundgebung" bis "Eis essen" aus und kann natürlich auch hier direkt und anonym spenden. Fertig ist der Demonstrationstermin, der dann in Listenform oder einzeln zum Beispiel bei Telegram oder Whatsapp geteilt wird.

Empfänger der Spenden unklar

Wer die Spenden bekommt, das ist unklar, die Gesamtspendensumme ebenso und der Besuchszähler hat die 34 Millionen überschritten. Ob er echt ist, lässt sich nicht feststellen. Es gibt auch weder ein Impressum noch eine andere direkte Spur, nur die Server, die auf "Carl" und "Tina" laufen.

Voll automatisiert ist die Eintragung eines Termins allerdings nicht, das heißt: Es schaut sehr wohl noch jemand ("das Team") über die Anmeldung einer jeden "Organisation", wobei der eingetragene Name in den meisten Fällen "unbekannt" lautet. Aus dieser händischen Prüfung kann man schließen, dass es auf der Seite nicht alleine darum geht, Spenden zu sammeln.

"Ich bin einfach nur genervt"

Nun hat die Corona-Zeit bei jedem Spuren hinterlassen, wir sind genervt, wollen irgendwohin mit unserem Frust und dank der sozialen Netzwerke geht jeder Demo-Termin schnell viral. In den meisten kleinen Orten ist ohnehin selten etwas los, seit Corona schon gar nicht. Wenn dann noch thematische Schwerpunkte gesetzt werden und die Verbreitung der Termine zum Beispiel in den Kreisen des medizinischen Personals geschieht, so wie kürzlich in Erfurt, ist natürlich klar, dass sich dort reihenweise Gleichgesinnte treffen. Wer auch immer das losgetreten hat, kann sich entspannt zurücklehnen.

Radikale Interessengruppen sind dabei

Doch wer profitiert davon und wie? Es sind Interessengruppen am rechten Rand, auch wenn sie nicht offen mitlaufen, die aber in ihren Chats dann die Videos posten mit dem Tenor, dass jetzt sogar "die" Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte auf die Straße gehen gegen die "Corona-Diktatur".

In sächsischen Chatgruppen bei Telegram werden den Demonstranten die Ziele unterstellt, von der Rücknahme der Impfpflicht, der Beendigung der Corona-Maßnahmen, über die Absetzung der Regierung, bis zur "Gerichtlichen Aufarbeitung des Corona-Unrechtes" [sic].

Studiogäste sehen Radikale als Minderheit

Aber wollen das die eingangs zitierten "ganz normalen Leute" und wie soll das ablaufen? Unsere Studiogäste jedenfalls nicht. Barbara Mößner und Stephanie Hummel haben sich entschieden, zu "Fakt ist!" zu gehen, um zu zeigen, dass bei den Demonstrationen eben nicht radikale Gruppen in der Mehrheit sind, sondern ganz normale Menschen, die ihre Sorgen teilen.

Illustration Antikörper 19 min
Bildrechte: imago images/Science Photo Library
19 min

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 01.02.2022 16:40Uhr 18:34 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-corona-protest-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Besonders mit dem Blick auf das, was die vielen Maßnahmen mit den Kindern machen. Dass es eben unverständlich ist, dass ein einzelner Puppenspieler nicht in den Kindergarten kommen darf, während quasi zeitlich anderswo die Stadien voll sind.

Man hat sich gefreut, dass man nicht alleine ist.

Barbara Mößner aus Erfurt, Gast bei "Fakt ist!"

Barbara Mößner hat Menschen getroffen, die wie sie nicht wissen, was mit der Arbeitsstelle wird, wenn Anfang März ihr nun verkürzter Genesenenstatus ausläuft. Diese willkürlich empfundenen Entscheidungen sind es, die sie wütend machen, aus der Kategorie "gut gemeint aber schlecht gemacht". Schließlich stecken dahinter ja wohl vielleicht sogar begründbare wissenschaftliche Erkenntnisse, die man doch aber bitte hätte auch kommunizieren können und außerdem müssten sich die Menschen darauf einstellen können.

Eine Pflegerin und eine Bewohnerin des Pflegeheims schauen zusammen aus einem Fenster eines Pflegeheims. 35 min
Bildrechte: dpa
35 min

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 01.02.2022 16:40Uhr 34:55 min

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Anmeldung unkompliziert

Das Problem ist, gerade in Pandemiezeiten gibt es eben kaum Gelegenheiten, zu denen sich Menschen austauschen können, nicht einmal Betriebsversammlungen können real stattfinden. Doch eine Versammlung legal anzumelden, ist erstaunlich einfach. Für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich: Alles passt auf eine Seite, zumindest in der Stadt Erfurt.

Soll heißen: Ansprechpartner für die Anträge sind die Kreise und kreisfreien Städte. Es folgen Gespräche zur Organisation der Veranstaltung, auch die Polizei wird eingebunden, man ist also im Gespräch im Vorfeld, keine schlechte Idee in diesen emotional aufgeladenen Zeiten, in denen die jeweils "andere" Seite gern stigmatisiert wird.

Ein solcher Dialog ist bei den anonym angemeldeten Demonstrationen über die besagte Plattform natürlich nicht möglich, die der Polizei durchaus bekannt ist, weshalb eine gewisse Einsatzplanung möglich ist. Die Kölner Kollegen werden sich für ihre Langfristplanung schon mal den 17.1.2922 vorgemerkt haben, für diesen Tag wurde auf der Domplatte eine Demonstration angemeldet, wenn es kein Tippfehler ist. Treffpunkt ist 19.00 Uhr. Corona ist dann aber hoffentlich kein Thema mehr.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Mittag | 01. Februar 2022 | 16:20 Uhr

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