Corona, Krieg - und dann? Biobauern beklagen zu wenige Öko-Lebensmittel in Thüringer Kantinen

Die Öko-Landwirtschaft in Thüringen erlebte im ersten Pandemiejahr einen Aufschwung beim Absatz ihrer Produkte. Im zweiten Jahr habe sich dieser Trend teilweise bestätigt, berichtet Stefan Janssen, Chef des Thüringer Ökoherz im Interview. Der Krieg in der Ukraine wirke sich auch auf die Biolandwirte aus, jedoch seien sie vermutlich auch hier weniger betroffen als konventionelle Betriebe.

Stefan Janssen, Geschäftsführer des Thüringer Ökoherz eV., Dachverband für ökologischen Landbau Thüringen
Stefan Janssen, Geschäftsführer des Thüringer Ökoherz eV., Dachverband für ökologischen Landbau Thüringen Bildrechte: MDR/Thüringer Ökoherz e.V.

22 Prozent mehr Absatz habe das erste Pandemiejahr den Thüringer Ökobauern im Durchschnitt beschert, sagt Stefan Janssen vom Dachverband Thüringer Landbau, dem Thüringer Ökoherz. Herausfordernd sei eher die Suche nach geeigneten Saisonarbeitskräften gewesen oder nach Verpackungsmaterialien für den relativ hohen Bedarf.

Er vermute, dass die Konsumenten viel mehr zu Hause gekocht hätten als sonst - durch den Lockdown seien sie weniger auf das Angebot öffentlicher oder Betriebskantinen angewiesen gewesen.

Bioprodukte gebe es inzwischen überall in Supermärkten, und die Pandemie habe nun gezeigt, dass die Menschen sich doch häufiger für eine Öko-Herkunft ihrer Lebensmittel entscheiden, wenn sie die Wahl hätten. 

Kundin im Bioladen
Während der Pandemie haben die Kunden 22 Prozent mehr Bio-Lebensmittel gekauft als vorher. Bildrechte: imago images/Shotshop

Von daher ist das doch ein sehr interessanter Effekt, der sich da gezeigt hat, dass wenn die Leute wirklich die freie Entscheidung haben, alles zur Auswahl haben, dass sie sich doch dann häufiger noch für Öko-Herkünfte bei den Lebensmitteln entscheiden, als wenn man halt nur in Kantinen Essen eins, zwei oder drei wählen kann.

Stefan Janssen von Thüringer Ökoherz

Bio-Lebensmittel in Kantine und Schulküche selten

Die Verwendung von Öko-Lebensmitteln in Kantinen und beim Schulessen sei in Thüringen noch relativ gering, sagt Janssen. Länder wie Dänemark seien hier viel weiter. Das große Problem sei, dass besonders das Essen in Schulen oder Kindergärten möglichst günstig sein solle. Das werde oft über vorverarbeitete Lebensmittel ermöglicht.

Inzwischen arbeite Ökoherz mit einem Biokartoffelerzeuger und einer sozialen Einrichtung zusammen, sodass diese die Kartoffel vorbereiten und sie dann wirtschaftlich tragbar in den Kantinen verkauft werden können.

Äpfel mit Bio-Siegel
In Kantinen und Schulküchen kommt noch zu wenig Bio-Obst und Bio-Gemüse auf den Tisch. lautet die Kritik. Bildrechte: dpa

Janssen sagt, dass Ökoanteile bis zu 30 Prozent in vollwertigem Kantinenessen auch ohne gravierende Preissteigerungen ermöglicht werden könnten. In anderen Bundesländern gebe es bereits staatliche Vorgaben, was den Anteil von regionalen und bestenfalls ökologischen Lebensmitteln betrifft. Hier müsse sich in Thüringen noch einiges bewegen.

Regionale Lebensmittel verbrauchen weniger Energie

Wie wichtig Aspekte der Regionalität sein können, zeige der Ukrainekrieg. Natürlich, so Janssen, sei auch ökologische Landwirtschaft von den Folgen, vor allem den erhöhten Energiepreisen betroffen. Doch generell seien die Abhängigkeiten von äußeren Faktoren bei den Ökobauern durch ihre geschlossenen Betriebskreisläufe deutlich geringer im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft.

Natürlich fragten sich auch Ökobauern, ob sie im Sommer genug Diesel für ihre Mähdrescher zur Ernte haben werden. Dafür entfielen großflächige Düngeeinsätze. Insgesamt, so schätzt Janssen, sei der Ressourceneinsatz, also der Energieverbrauch, im ökologischen Landbau um 20 bis 60 Prozent geringer.

Ferkel
Die Schweine vor der Haustür, statt sie kilometerweit durch halb Europa zu karren. Bildrechte: imago images/Countrypixel

Daher hoffe er, dass die Auswirkungen des Krieges auf die ökologisch wirtschaftenden Betriebe insgesamt "hoffentlich nicht ganz so gravierend" sein werden. Er vermute, dass auch konventionelle Bauern sich nun umstellen werden und weniger düngen. Schließlich sei gerade Kunstdünger ein hoher Kosten-Faktor in der normalen Landwirtschaft. Damit müsste es allerdings zu einer Angleichung des Ertrags zwischen öko- und konventionellem Anbau kommen.

Öko-Ziele wegen Krieg aufgeben?

Mit Skepsis sieht Janssen gegenwärtige Forderungen aus Politik und Landwirtschaft nach einem vorläufigen Einstellen von Öko-Zielen innerhalb der EU. Bis 2023 sollen alle Betriebe vier Prozent ihrer Anbauflächen brach liegen lassen. Später, bis 2030, soll ein Viertel als Ökofläche betrieben werden. Diese Ziele nun mit Verweis auf eine mutmaßliche Lebensmittelknappheit durch den Krieg anzuzweifeln, halte er für falsch.

Regal mit diversen Bioprodukten
Noch sind die Regal gut gefüllt. Damit das so bleibt, gibt es die Forderung nach Einstellen von Öko-Zielen. Das sieht Jannsen kritisch. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Also wir haben in den letzten Jahren erkannt, dass unsere bisherige Art der Lebensmittelerzeugung und auch der landwirtschaftlichen Produktion halt einfach so nicht mehr weiterführbar ist aus Umweltgesichtspunkten. Und dass wir in sehr große Probleme hineinlaufen, wenn wenn das dabei bleibt.

Was ist Thüringer Ökoherz? Der Thüringer Ökoherz e.V. ist der Dachverband und Förderverein des ökologischen Landbaus in Thüringen.

Mehr zu unserer Serie "Corona - und dann?"

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 11. Juni 2022 | 06:10 Uhr

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