Homeschooling und Schulcloud Wie weit ist die Digitalisierung an Thüringer Schulen?

Die verschärften Corona-Maßnahmen schließen flächendeckende Schulschließungen aus. Doch was wäre, wenn die Infektionszahlen weiter steigen und uns keine andere Möglichkeit bleibt? "Der digitale Unterricht funktioniert", sagte Bildungsminister Helmut Holter zum Schuljahresbeginn. Doch was ist tatsächlich in Sachen Digitalisierung an Thüringer Schulen passiert?

Als Ministerpräsident Bodo Ramelow am Freitag in der digitalen Regierungserklärung die neuen Corona-Maßnahmen vorstellte, fiel das Wort "Schule" überhaupt nur, weil kurz vor Ende ein Journalist explizit danach fragte. "Die Grundlinie […] ist, dass Schulen nicht als Pandemieabwehr geschlossen werden", antwortete Ramelow, um dann doch eine Einschränkung zu machen: Gesundheitsämter könnten in konkreten Fällen Quarantäne anordnen und Schulen schließen.

Die Bundes- und Landesregierung halten also weiter an dem bisherigen flächendeckenden Präsenzunterricht fest, obwohl die Forderungen nach Wechselunterricht zuletzt lauter wurden und Schulen nachweislich Infektionsherde sind. Erst im Oktober hatte der Gothaer Landrat Onno Eckert dem Land mangelnde Verantwortung vorgeworfen, weil das Bildungsministerium die Schließung einer Schule abgelehnt hatte, an der sich mindestens 50 Schüler und Lehrer infiziert hatten.

Homeschooling bisher mehr Problem als Lösung

Möglicherweise ist das Festhalten am Präsenzunterricht auch den Erkenntnissen des Winters und Frühjahres geschuldet, als das Homeschooling oft mehr Problem als Lösung war. Viele Lehrer waren überfordert und es fehlte an digitalen Endgeräten, die die Schüler mit nach Hause nehmen konnten. Wenn es Endgeräte gab, fehlte es auf dem Land häufig an einem DSL-Anschluss und wenn dieser vorhanden war, musste ja auch noch die Schulcloud mitspielen, die aufgrund fehlender Serverkapazitäten allzu oft überlastet war, wenn sie nicht von Cyberangriffen lahmgelegt wurde.

Ein Mädchen sitzt verzweifelt an einem Schreibtisch vor ihrem Laptop
Die Thüringer Schulcloud funktioniert mal besser und mal schlechter. Bildrechte: IMAGO / photothek

Kurzum: Die digitale Infrastruktur in Thüringen war für schulische Belange "ungenügend" bis "mangelhaft", auf jeden Fall aber "versetzungsgefährdet". Allerdings sollte man für diese Probleme bis zu einem gewissen Grad auch mildernde Umstände geltend machen. Die Schulcloud, die 2017 als Pilotprojekt mit nur 20 Schulen gestartet wurde, war bei Pandemiebeginn noch im Entwicklungsstadium und war nie als flächendeckende Homeschooling-Plattform gedacht gewesen.

Trotzdem bleibt die Frage: Welche Lehren wurden im Sommer gezogen?

Thüringer Schulcloud weiterentwickelt

Im Juni 2021 hatte sich Thüringen dazu entschieden, die Schulcloud bis 2026 weiterzuführen. Aus dem Digitalpakt fließen in den nächsten fünf Jahren insgesamt 17 Millionen Euro in die Weiterentwicklung. Geplant sei, die Plattform als genuiner Bestandteil des Unterrichts zu nutzen, teilte ein Sprecher des Bildungsministeriums MDR THÜRINGEN mit.

Darüber hinaus seien die Kinderkrankheiten aus dem Winter allesamt behoben worden. So hätten zu Spitzenzeiten (während der dritten Welle) 85.000 Menschen gleichzeitig die Cloud genutzt, erklärte Bildungsminister Helmut Holter im Juli. Eine beeindruckend große Zahl, die angesichts von thüringenweit rund 249.000 Schülern und Schülerinnen sowie etwa 17.000 Lehrer und Lehrerinnen, die die Cloud potenziell nutzen könnten, jedoch ziemlich zusammenschrumpft. Doch laut Ministerium sei die Kapazität "so skalierbar, dass alle denkbaren Szenarien innerhalb weniger Tage abgedeckt werden können."

Medienkompetenz der Lehrkräfte in der Kritik

Außerdem habe es im vergangenen Schuljahr eine Schulungsoffensive von Lehrkräften durch das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (THILLM) gegeben. Rund 3.000 Lehrer seien dabei in technischen und methodisch-didaktischen Aspekten der Digitalisierung geschult worden. Wohl zu wenige, wenn es nach Landesschülersprecherin Lotta Moraweck, geht.

Sie warf vielen Lehrern mangelnde Medienkompetenz vor. Vor allem ältere Lehrer seien unwillig, auf digitale Technik umzusteigen, so Moraweck. Das Ministerium sah darin vor allem eine unfaire Altersdebatte: "Wir stellen nicht fest, dass wir eine resistente Lehrerschaft haben", erklärte ein Sprecher.

Mehr mobile Endgeräte und bald Breitband für alle Schulen

Moraweck kritisierte auch, dass es nach wie vor nicht für jeden Schüler ein mobiles Endgerät gebe. Das sieht auch das Ministerium so: Natürlich könnten nicht alle Schüler ausgestattet werden, aber zumindest die, die kein geeignetes Gerät in der Familie hätten. Durch den Digitalpakt Schule seien für 17,4 Millionen Euro 32.000 Geräte über die Schulträger an Schülerinnen und Schüler verteilt worden. Weitere Geräte werden derzeit über Landesmittel finanziert. Im Haushalt sind weitere zehn Millionen Euro dafür vorgesehen.

"Der digitale Unterricht funktioniert", sagte Holter zum Schuljahresbeginn, zumindest dann, wenn Breitband in den Regionen anliege. Hier gebe es in Thüringen noch "weiße Flecken", zu denen nach Plänen des Wirtschaftsministeriums spätestens 2023 keine Schulen mehr gehören sollen. Dann sollen sie flächendeckend mit Breitband versorgt sein.

Fazit: Wenige Probleme gelöst, aber viele verringert

Unterm Strich lässt sich festhalten, dass Thüringen bei der Digitalisierung der Schulen viele Probleme angepackt, aber wenige wirklich gelöst hat: 3.000 Lehrer und Lehrerinnen einmalig fortgebildet zu haben, ist ein Anfang, aber da es sich bei den Fortbildungen laut Bildungsministerium teilweise um Crashkurse handelte, ist gerade in puncto Medienkompetenz der Lehrkräfte noch einiges zu tun.

Die anhaltenden Probleme mit der Breitbandabdeckung hemmen die Digitalisierung außerdem. Selbst wenn 2023 alle Schulen einen DSL-Anschluss haben sollten, löst das noch nicht das Problem, dass auch die Schüler und Schülerinnen auf dem Land einen Internetzugang brauchen.

Zweifellos verbessert hat sich die Versorgung mit mobilen Endgeräten. Hier können inzwischen wohl alle Schüler und Schülerinnen aus ärmeren Familien versorgt werden. Davon abgesehen bleibt die Frage, ob nicht jedes Kind Anspruch auf ein solches Gerät haben sollte, eine politische Diskussion für die Zukunft, die im Landtag entschieden werden müsste.

Und was die Schulcloud betrifft, läuft diese inzwischen deutlich stabiler und zumindest ausreichend für die normale Nutzung. Ob sie einen weiteren Winter mit komplett geschlossenen Schulen standhielte, ließ das Thüringer Bildungsministerium offen. Aufgrund der bundesweiten "Grundlinie" sei das eine "hypothetische Diskussion".

Quelle: MDR

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