Afghanistan Die dramatische Flucht der Familie Afzali

In Afghanistan gibt es im Moment wohl nur wenige Geschichten, die gut ausgehen. Die Taliban verbreiten wieder Angst und Schrecken im Land, immer wieder gibt es Berichte über Hinrichtungen und Anschläge. MDR THÜRINGEN hat eine Familie getroffen, die in letzter Minute nach Deutschland fliehen konnte.

Die Familie Afzali in ihrer Unterkunft mit einem Laptop.
Familie Afzali in ihrer Erfurter Unterkunft (Rahmatullah Batoor rechts) Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Zumindest diese afghanische Geschichte ist gut ausgegangen. Rahmatullah Batoor kann seine Familie in der Containerunterkunft für Geflüchtete in Erfurt in die Arme schließen. Vater, Mutter, Bruder und Schwester ist im August die Flucht aus Kabul gelungen. Familie Afzali lebt jetzt in drei kleinen Zimmern in den Wohncontainern, die mit dem Allernötigsten ausgestattet sind.

Mit seinen Eltern und Geschwistern sitzt Rahmatullah auf dem Boden im Wohnzimmer der Containerunterkunft. Ein Tisch, ein selbstgekaufter Teppich, ein paar Kissen. So beginnt das neue Leben der Familie in Deutschland. "Sie konnten nichts mitnehmen", erzählt Batoor. "Jeder einmal Ersatzkleidung, Handys und die Pässe natürlich." Zeugnisse, Uni-Abschlüsse, Computer, all das hatten sie wie viele Afghanen versteckt, vergraben, vernichtet, als die Taliban immer mehr Landesteile einnahmen. Ihre Flucht war überstürzt, als Kabul Mitte August fiel und die Taliban die Stadt binnen Stunden ins Chaos stürzten.

Wiedersehen völlig ungewiss

Damals hatte MDR THÜRINGEN schon einmal über die Familie von Rahmatullah Batoor berichtet. Der junge Mann hat in Erfurt studiert, arbeitet in einem Thüringer Ministerium. Seine Familie lebte in Afghanistan. Als Angehörige der verfolgten Minderheit der Hazara mussten sie um ihr Leben fürchten, als die Taliban vorrückten.

Batoor, der damals aus Angst nur anonym und unter geändertem Namen ein Interview geben wollte, versuchte in diesen Augusttagen alles, um noch eine Ausreisemöglichkeit für seine Familie zu organisieren. Er telefonierte, schlief kaum, wartete auf Lebenszeichen seiner Angehörigen. Doch eine Flucht schien damals aussichtslos. Ob der 30-jährige seine Familie jemals wiedersehen würde, war völlig ungewiss.

Die Familie Afzali in ihrer Unterkunft mit einem Laptop.
Wenn sie zusammensitzen, tauschen sie ihre Erinnerungen aus. Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Dramatische Flucht in letzter Minute

Während Rahmatullah Batoor hilflos in Erfurt wartete, saß seine Familie in Kabul fest. Die Fahrt zum Flughafen durch die chaotische Stadt mit ihren Taliban-Checkpoints war lebensgefährlich. Durch die Menschenmenge vor dem Flughafen bis an die Tore zu kommen, aussichtslos. Gerüchte machten die Runde, dass Selbstmordattentäter in die Stadt einsickerten. "Meine Geschwister wollten trotzdem versuchen, zum Flughafen zu kommen", erzählt Batoor. "Meine Eltern wollten bleiben. Meine Mutter hatte Angst. Irgendwann haben sie gesagt: entweder alle zusammen oder keiner."

Wir wussten, dass es riskant ist und dass es keine Garantie gibt. Als wir dann am Flughafen waren, haben wir nicht daran geglaubt, dass wir es rein schaffen.

Ateka Afzali

So machte sich die Familie auf den Weg. Und sie schafften es tatsächlich bis zum Flughafen. Warteten stundenlang an dem breiten Abwasserkanal vor den Absperrungen, genau an der Stelle, an der sich nur zwei Tage später ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte und mehr als 170 Menschen in den Tod riss. Rahmatullah Batoors Bruder Abbas Afzali hat die Stationen dieser Flucht gefilmt. Batoor zeigt die Videos und Fotos auf Laptop.

Die Familie Afzali in ihrer Unterkunft mit einem Laptop.
Die Familie schaut sich oft die Videos und Fotos von der Flucht an. Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Die Menschenmengen vor dem Flughafen, das Militär auf den Absperrungen. "Am Flughafen war es so chaotisch, dass man nicht wusste, ob man dort lebend herauskommt", erzählt Rahmatullahs Schwester Ateka. "Wir wussten, dass es riskant ist und dass es keine Garantie gibt. Als wir dann am Flughafen waren, haben wir nicht daran geglaubt, dass wir es rein schaffen. Aber glücklicherweise haben wir es geschafft und jetzt sind wir hier." Die junge Frau lächelt. Ihr Bruder übersetzt. Sie schafften es wie durch ein Wunder in den Flughafen und in eine der letzten deutschen Militärmaschinen.

Warten auf ein Lebenszeichen aus Afghanistan

Zu Hause in Erfurt wartet Rahmatullah Batoor auf ein Lebenszeichen. Schließlich stellt sein Bruder ein Foto vom Gelände des Flughafens in die Familien-WhatsApp-Gruppe. "Ich bin gerade Auto gefahren", erzählt Batoor. "Ich bin ausgestiegen und habe geweint." Ein weiteres Video zeigt das Innere des Flugzeugs. Die Menschen sitzen dichtgedrängt auf dem Boden. "Als ich diese Bilder gesehen habe, an diesem Tag konnte ich nur weinen", sagt Rahmatulla Batoor. "Einerseits weil ich froh war, andererseits war ich auch sehr traurig. Froh weil sie in Sicherheit kommen werden, und sehr traurig weil sie alles verloren haben und ihre Zukunft ungewiss ist."

Schwieriger Neuanfang in Erfurt

Seit Ende August sind Mutter, Vater, Bruder und Schwester jetzt in Erfurt und besuchen inzwischen Deutschkurse. Doch einfach macht es ihnen die deutsche Bürokratie nicht. "Mein Vater hat in Afghanistan für eine schwedische Nichtregierungsorganisation gearbeitet", erzählt Rahmatullah Batoor. Als Ortskraft würden ihn die deutschen Behörden hier nicht anerkennen.

Der Familie droht nun ein langes Asylverfahren. Doch zumindest sind sie zusammen. Und am Leben.

Quelle: MDR THÜRINGEN/gh

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 16. November 2021 | 19:00 Uhr

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