Arbeit Wenn der Mindestlohn gerade so zum Leben reicht

Zum 1. Januar stieg der Mindestlohn auf 9,82 Euro. Die Ampelkoalition will ihn noch dieses Jahr auf zwölf Euro erhöhen, Arbeitgeber üben Kritik. Doch reicht der Mindestlohn zum Leben? MDR THÜRINGEN hat nachgefragt.

Eine Frau schaut in die Kamera.
Die Erfurter Hotelfachfrau lebte jahrelang vom Mindestlohn. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

22 Cent: So viel mehr Mindestlohn gibt es seit dem 1. Januar 2022. Arbeitgeber müssen nun also mindestens 9,82 Euro brutto die Stunde zahlen. "Das ist niedlich", sagt eine Erfurterin, die in der Gastronomie jahrelang für den Mindestlohn gearbeitet hat, und schüttelt den Kopf. "Durch die Steuer wird es am Ende wieder abgezogen. Da hat man nichts davon."

In der Gastronomie zahle kaum ein Arbeitgeber mehr als Mindestlohn

Die 30-Jährige möchte ihren Namen hier nicht nennen. Sie erzählt, dass in der Gastronomiebranche kaum ein Arbeitgeber mehr als den Mindestlohn zahle. "Das ist nicht gerechtfertigt", sagt sie. Schon gar nicht für diesen Job.

Der Mindestlohn reicht gerade so zum Leben.

Michael Rudolph Vorsitzender DGB Hessen-Thüringen

Diese Meinung teilt sie mindestens mit den Gewerkschaften. "Der Mindestlohn reicht gerade so zum Leben, aber die gesellschaftliche Teilhabe ist stark eingeschränkt. Wenn der Kaffee beim Bäcker schon zum Luxus wird, brauchen wir über Schwimmbad, Kino und anderes gar nicht zu reden", sagt Michael Rudolph, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Hessen-Thüringen.

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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 22.01.2022 16:00Uhr 00:41 min

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Dass dieser Lohn gerade so zum Leben reiche, das bestätigt die gelernte Hotelfachfrau, die ein Zimmer in einer WG bewohnt. "Wenn man allein keine komplette Wohnung zahlen muss, geht es." Doch schon wenn sie sich mit Mindestlohn hier in Erfurt eine Wohnung suchen müsste, "wäre das sehr, sehr schwierig". Man müsse beim Wocheneinkauf aufpassen, dass man nicht zu viel ausgebe und auch sonst dürfe man keinen hohen Lebensstandard haben. Sie selbst habe kein Auto und die gestiegenen Energiekosten verteilten sich auf die sechs Parteien ihrer WG. So sei sie jahrelang mit dem Lohn ausgekommen.

Löhne unter zwölf Euro müssen der Vergangenheit angehören.

Michael Rudolph Vorsitzender DGB Hessen-Thüringen

"9,82 Euro pro Stunde sind zu wenig. Die Gewerkschaften fordern daher, den Mindestlohn auf zwölf Euro anzuheben", sagt Michael Rudolph. "Löhne unter zwölf Euro müssen der Vergangenheit angehören. Sie erzeugen Erwerbsarmut und nehmen vielen Beschäftigten im Niedriglohnsektor die Möglichkeit einer ausreichenden Rente im Alter."

Ampel: Mindestlohn von zwölf Euro noch in diesem Jahr

Laut dem Koalitionsvertrag der Ampelpartner SPD, Grünen und FDP soll der Mindestlohn von zwölf Euro denn auch kommen, und zwar, so versprach Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), noch in diesem Jahr. Nach einem entsprechenden Gesetzentwurf sind ab Oktober zwölf Euro angedacht. "Das ist absolut machbar", sagt Michael Rudolph.

Ein Anstieg auf zwölf Euro würde zu einer massiven Störung der Tariflohnstruktur führen.

Ute Zacharias Sprecherin des Arbeitgeberverbandes Thüringen

"Dazu haben wir eine ganz klare Position: Die Politik muss sich aus Lohnfindungsprozessen heraushalten", sagt dagegen Ute Zacharias, Verbandssprecherin des Arbeitgeberverbandes Thüringen. "Ein Anstieg auf zwölf Euro würde zu einer massiven Störung der Tariflohnstruktur führen."

Kommission entscheidet über Mindestlohn-Erhöhung

Die Kritik ist deutlich. Denn normalerweise ist es so, dass die sogenannte Mindestlohnkommission, die mit Vertretern von Gewerkschaften und Arbeitgebern besetzt ist, die Erhöhungsschritte des Mindestlohns vorgibt. Ute Zacharias: "Da kann man davon ausgehen, dass das auch keine einfachen Verhandlungen sind. Das ist ein Kompromiss und von allen Seiten stemmbar." Die nächste Erhöhung steht demnach am 1. Juli an: Dann soll der Mindestlohn auf 10,45 Euro steigen.

Zwölf Euro hätten von Anfang an kommen müssen.

Hotelfachfrau aus Erfurt

Das sei zu wenig, finden nicht nur Gewerkschaften und die Ampelkoalitionspartner, sondern auch die Kellnerin aus Erfurt: "Zwölf Euro hätten von Anfang an kommen müssen." Doch das würde den Druck auf die Firmen erhöhen und das Lohngefüge durcheinanderbringen, sagt Ute Zacharias. So bekämpfe man Armut nicht. "Wenn man über Armutsbekämpfung redet, muss man über Qualifizierungsmaßnahmen reden."

Michael Rudolph Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen
Michael Rudolph Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen: "9,82 Euro pro Stunde sind zu wenig." Bildrechte: imago images / Hartenfelser

Aber, so Michael Rudolph, "die meisten Beschäftigten in Niedriglohn sind qualifiziert". So wie die Erfurter Hotelfachfrau. "Am Anfang, nach der Ausbildung, ist der Mindestlohn ganz schön", sagt sie. "Ich wusste schon mit zwölf, dass ich einmal Hotelfachfrau werden will. Ich mache meine Arbeit mit Leidenschaft. Ich bin ein Energiebündel." Doch die Arbeit ist hart. Nach Stunden auf den Beinen, in denen sie nette und weniger nette Gäste bedient hat, immer freundlich war, immer fit und nicht müde, sei sie "fix und fertig". Und dann hat man am Monatsende so wenig Geld in der Tasche, dass es gerade zum Leben reicht?

Wenige Chefs wertschätzen die Arbeit.

Hotelfachfrau aus Erfurt

"So ist das in der Gastrobranche. Jahrelang wurde gesagt, Kräfte findet man überall. Wenige Chefs wertschätzen die Arbeit. Wenn man gesetzlich nicht mehr als den Mindestlohn bezahlen muss, kann man sich darauf ausruhen", sagt sie.

Viele Menschen arbeiten zum Mindestlohn

Auch in anderen Branchen ist das so. "Dort, wo die Sozialpartnerschaft schwach ist und die Arbeitgeber sich weigern, Tariflöhne zu zahlen, arbeiten viele Menschen zum Mindestlohn." In Thüringen verdienten etwa 35 Prozent der Beschäftigten unter zwölf Euro in der Stunde. Besonders Frauen seien von niedrigen Löhnen betroffen. Michael Rudolph: "Etwa 40 Prozent von ihnen arbeiten in Thüringen für unter zwölf Euro."

In Branchen, in denen mehr Frauen arbeiteten, häufiger Mindestlohn

Von einer Erhöhung würden die Beschäftigten in den klassischen Niedriglohnbranchen profitieren. "In Thüringen wären dies zum Beispiel Beschäftigte im Hotel- und Gaststättengewerbe, in Kultur und Freizeit oder Friseurinnen und Kosmetikerinnen", sagt Michael Rudolph. Gerade in Branchen, in denen mehr Frauen arbeiteten, werde häufiger Niedriglohn gezahlt.

Ein Kneipenwirt zapft Bier
Auch in der Gastronomie fehlt es an Personal. Bildrechte: dpa

Doch vielleicht ändert sich das in der nächsten Zeit, nicht nur, weil möglicherweise zwölf Euro Mindestlohn beschlossen werden, sondern weil schlicht und einfach das Personal fehlt. Die gelernte Hotelfachfrau sagt: "Allein schon durch den Personalmangel, den Corona verursacht hat, wird sich einiges in der Gastronomie ändern. Schon deswegen, weil die Mitarbeiter mehr wertgeschätzt werden."

Neue Arbeit, neuer Chef, angemessene Bezahlung

Sie selbst hat seit Oktober 2021 einen neuen Chef und eine neue Arbeit in einem Restaurant in Weimar und sagt lächelnd: "Jetzt habe ich es geschafft." Denn endlich werde sie angemessen bezahlt. Sie bekomme 13 bis 14 Euro Stundenlohn plus Zuschläge. Und die Bahnfahrt zwischen Erfurt und Weimar zahle auch ihr Chef. "Damit bin ich komplett zufrieden."

Quelle: MDR(caf)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. Januar 2022 | 09:00 Uhr

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