Corona in der Lungenklinik | Woche 6 Corona-Station Neustadt: "Es gibt leider keinen Grund für Entwarnung"

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche. Diesmal geht es darum, warum er Omikron keineswegs für harmlos hält und warum über die Corona-Maßnahmen nicht auf der Straße entschieden werden darf.

Dr. Frieder G. Knebel an seinem Schreibtisch 13 min
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Diesmal erzählt Dr. Frieder G. Knebel, wie die Absprachen in Bezug auf Corona laufen, warum er Omikron keineswegs für harmlos hält und warum über die politischen Maßnahmen nicht auf der Straße entschieden werden darf.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 07.01.2022 15:00Uhr 12:43 min

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Wir haben Sie denn jetzt nach den Feiertagen die Klinik vorgefunden? Wie ist die Lage?

Momentan zieht es sehr entspannt aus. Über die Feiertage ist die Intensivtherapie zwar immer voll, weil diese Patienten ja nicht entlassen werden können oder beurlaubt. Das geht naturgemäß nicht, weil sie einfach zu schwer krank sind. Aber die Normalstation hat natürlich eine geringere Belegung. Das bringt eine erhebliche Entlastung.

Wir hatten eine Station geschlossen und die andere Station hat die Arbeiten übernommen. Das ging relativ gut, so dass eigentlich eine recht entspannte Lage ist jetzt. Mit dem neuen Jahr wird langsam alles wieder belegt. Wir hatten schon Übernahmen aus anderen Krankenhäusern, haben auch wieder Früh-Reha Patienten aufgenommen. Das geht dann immer relativ schnell.

Wir hatten beim letzten Mal gesagt, dass Sie jetzt schauen, was Omikron mit sich bringt. Wie werden Sie denn als Arzt beziehungsweise als Klinik darauf vorbereitet? Kriegen Sie da regelmäßig vom RKI oder vom Gesundheitsministerium irgendwelche Informationen? Oder müssen Sie sich da komplett selber informieren?

Nein, es gibt ganz viele Kommunikationswege, weil es ganz viele Daten gibt, die man ständig abgleichen muss. Beispielsweise über die Kleeblattstruktur, wir sprachen schon mal darüber, das ist ja diese Verlegungs-Struktur. Die trifft sich natürlich regelmäßig per Web, auch das ist klar. Ich meine, man trifft sich natürlich nicht mehr persönlich heute, die Zeiten sind ja vorbei und diese Webtreffen werden auch dazu genutzt, dort verschiedene Informationen oder Daten auszutauschen, woraus dann jeder seine Informationen nehmen kann, die für ihn wichtig sind.

Und dann kommt natürlich auch mal einen Tipp, wenn es eine neue Leitlinie oder ähnliches gibt. Die Beteiligten schreiben sich das auch untereinander. Das betrifft den medizinischen Teil, dann gibt es immer einen administrativen Teil. In diesem ist es so, dass gerade die Krankenhausgesellschaft viele Informationen verteilt, dann die Fachgesellschaften, die regelmäßig Nachrichten schicken mit ganz verschiedenen Sachinhalten, was wichtig ist, was sich geändert hat und so weiter.

Dann gibt es natürlich auch die Partner, also die Krankenkassen, zum Beispiel mit ihrem medizinischen Dienst und auch das Ministerium zum Beispiel macht immer mal ein Treffen, das ist nicht so ganz regelmäßig, aber vor Weihnachten gab es da das letzte Treffen, wo nochmal aus allen Krankenhäusern Ärzte und leitende Kader eingeladen waren, um sich abzustimmen, was erwarten wir, was könnte das sein und wie es über die Feiertage die Sicherstellung gewährleistet.

Ich gehe davon aus, dass wir jetzt mit den nächsten Netzwerktreffen auch irgendwann das Thüringer Ministerium wiedersehen werden und dort nochmal ein Abgleich bekommen, was jetzt passiert. Wir haben ja jetzt die Lage gesehen, Dienstag, Mittwoch sind die Zahlen wieder ein bisschen nach oben gegangen bundesweit. Und es bleibt dort auch abzuwarten, wie sich das jetzt entwickelt, wobei noch nicht ganz klar ist, welchen Anteil hat jetzt Omikron an dem, was die letzten zwei Tage gelaufen ist.

Gerade im medizinischen Bereich haben Sie gerade alle Hände voll zu tun und es hat keiner Zeit um den heißen Brei herum zu reden. Wie klar und offen ist denn die Kommunikation mit dem Ministerium in solchen Runden?

Mit Frau Ministerin Heike Werner muss ich sagen, ist es schon so, dass die Probleme klar angesprochen werden, egal ob das jetzt persönliche Treffen sind oder Webkonferenzen. Ich habe nicht den Eindruck, dass da nicht offen geredet wird.

Es ist natürlich politisch immer so, dass man aus der Politik die Infos aufnimmt und logischerweise nicht sofort antworten kann, sondern das ist ja politisch und diplomatisch üblich, das erstmal mitzunehmen und zu schauen und zu prüfen und sich möglichst nicht zu Aussagen hinreißen zu lassen. Das ist natürlich hier nicht anders, also das ist wie ein Interview mit einem Politiker, der gerade aus der Sitzung kommt. Da gibt es zwar liebe Worte, und das ist ja auch alles nett, aber es wird wenig gesagt, man kann nicht viel mitnehmen davon.

Aber wenn Sie jetzt Wünsche und Forderungen ans Ministerium in diesen Runden aussprechen, bekommen Sie dann zeitnah eine Antwort? Oder müssen sie da viel nachfragen und nachhaken?

Das betrifft ja meist organisatorische Fragen und das Ministerium ist natürlich daran interessiert, dass die Sicherstellung im Corona-Geschehen und in der gesamten Gesundheitsversorgung nahtlos funktioniert. Was die Corona Politik anbelangt - dort gibt es immer mal hier und da ein Holpern. Beispielsweise in der Datenübermittlung, in den Absprachen, in den Festlegungen über die Kriterien der Verlegung und so weiter. Aber da ist ja als fachlicher Leiter der Professor Bauer in Jena für Thüringen zuständig und dieser spricht dann auch mal fachliche Sachen an oder wo wir uns abgleichen müssen. Das betrifft aber weniger das Ministerium. Von dort wird das zwar unterstützt, aber das Ministerium kann diese Fachlichkeit nicht leisten, das ist ja normal.

Was beobachten Sie in Ihrem Haus bezüglich der Reaktionen darauf? Sie haben ja nun ganz direkt mit der Krankheit zu tun. Gibt es Verständnis für die Maßnahmen oder ist es Zeit für Entwarnung?

Es gibt eigentlich zwei große Themen im Gesundheitswesen. Das eine ist "Was leisten wir uns?“, also was ist die der Leistungsinhalt? Und die zweite Frage ist immer "Wie finanzieren wir das?“ Über die Finanzierungsfrage besteht sicher weitestgehend Einigkeit, dass also diese Beitragsfinanzierung über alle Teilnehmer am Geschehen klar ist. Beim Leistungsgeschehen gibt immer wieder Unklarheiten und Abstimmungsbedarf.

Da sind einmal die Patienten, um die es eigentlich geht mit ihren Patientengruppenvertretern und dann die Leistungserbringer und letztlich die Politik und die Krankenkassen und Bereiche, die das bezahlen und die haben natürlich alle eine unterschiedliche Sicht auf die Dinge. Daraus resultiert dann auch das, was wir heute sehen in Bezug auf Corona. Die Politik derzeit, in Bezug auf Corona, versucht, Sachen zu steuern, die eigentlich nicht zu steuern sind: die Idee der Kontaktbeschränkung, die Idee der Impfung, die Idee, die Leute, die in der Pflege arbeiten und nicht geimpft sind, mit Berufsverbot zu belegen oder die Idee, anderen, die zur Impfung gehen 500 Euro Prämie zu zahlen und so weiter.

Aus solchen Steueransprüchen entstehen natürlich viele Widersprüche, die vielleicht in dem guten Willen gar nicht bedacht sind, die aber dann bis in das Umfeld jedes Einzelnen durchschlagen und die ja sogar über die Feiertage auch Familiendiskussionen hervorgebracht haben. Die eine Hälfte der Familie ist geimpft, die andere Hälfte nicht und dann geht es schnell um solche Fragen. "Was machst du und warum? Was ist alles schlecht, welcher Impfstoff ist böse und welcher ist gut?" Also da gibt es ja viele Ideen, viele Gerüchte, viel Wahres, viel Falsches.

Und die endgültige Entscheidung über das, was wahr und nicht wahr ist, was gut, was böse ist, was richtig was falsch ist, die ist sowieso schwierig zu treffen. Letztlich muss jeder Einzelne für sich entscheiden, was er macht. Dass dann aber heute eben Leute auf die Straße gehen zu Protestmärschen oder was auch immer und dass dann Politiker aufrufen zu einer Gegendemonstration und letztendlich die Lager mehr oder minder aufeinander treiben wollen auf der offenen Straße, das halte ich dann schon für bedenklich. Solche Dinge halte ich nicht für sonderlich gut, sondern es sollte sich schon auf die Fachlichkeit bezogen werden. Und es sollte den Leuten vorbehalten sein, dort Entscheidungen zu treffen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigen und die auch über die nötigen Daten verfügen.

Omikron jetzt in diesem Kontext ist eine neue Variante. Viren-Mutationen entstehen jeden Tag. Das ist nicht nur bei Corona so, das ist etwas völlig Alltägliches, völlig Normales und das ist ständig im Gange. Auf jeder Zelle eines Menschen leben etwa zehn Fremdlebewesen. Viren, Bakterien, Pilze und und und und. Die setzen sich ständig mit dem Körper auseinander und der Körper hat ständig mit denen Kontakt und trainiert sein Immunsystem.

Omikron ist irgendwo entstanden und ein Ergebnis einer solchen Mutation. Nach der bisherigen Erkenntnis hat das ein paar neue Auffälligkeiten, zum Beispiel eben Nachtschweiß. Das gab es bisher nicht. Dafür fällt das Riechvermögen und das Geschmacksvermögen nicht so deutlich aus. Aber deswegen ist das nicht besser oder schlechter, sondern es ist nach wie vor ein Corona-Virus aus dieser Gruppe, also Covid19 oder Sars-CoV-2 und das ist natürlich genau so lebensbedrohlich, wenn es denn zu einer schweren Infektion kommt, wie bei jedem anderen Virus auch und insbesondere bei den Covid-Viren.

Das Immunsystem teilt sich in zwei große Lager: da ist die erste Abwehr über Immunglobuline und der zweite Anteil ist insbesondere die zelluläre Abwehr. Und Omikron, wenn es denn jetzt Fuß fasst, hat die Fähigkeit entwickelt, diese erste Abwehrreihe relativ einfach austricksen oder umgehen zu können. Und das ist schon bedenklich.

Inzwischen gibt es aber schon wieder neue Varianten, eine davon ist jetzt in Frankreich gefunden worden bei einem Bürger, der aus Zentralafrika kam und wo auch jetzt wieder Untersuchung anlaufen. Da kann man aber noch nicht viel sagen, aber Omikron ist eben eine Variante von vielen, aber deswegen nicht besser oder schlechter oder leichter oder schwerer als andere, sondern es ist alles nach wie vor ernst zu nehmen. Es gibt noch lange keine Entwarnung.

Ich habe das Gefühl, dass trotz vieler Informationen die Verwirrung immer größer wird. Müssen Sie und ihre Kollegen oft Fragen beantworten?

Es kommen immer mal Mail-Anfragen mit Fragen wie "In meiner Verwandtschaft oder mein Mann oder meine Frau oder mein Kind oder meine Eltern liegen dort und dort und sie sind doch die Lungenklinik - was sagen Sie dazu?"

Dann versuchen wir natürlich eine kleine Beratung auch mal telefonisch zu machen. Aber ich bitte das nachzusehen, wenn man die Befunde nicht kennt, dann kann man natürlich nur sehr allgemein zu dem Thema Stellung nehmen und kann nichts zu diesem konkreten Behandlungsfall sagen.

Man muss auch nochmal klarstellen: Corona ist nicht nur eine Erkrankung der Lunge. Das ist am Anfang mal so eine Idee gewesen, die ist aber schnell verworfen worden. Corona ist eine systemische Erkrankung des gesamten Körpers, das betrifft alle Organe. Die Menschen, die jetzt auf Intensivstationen liegen oder die Corona haben und auf anderen Stationen behandelt werden, oder die, die Corona haben und das Glück haben, leichte Verläufe zu haben – die sind alle trotzdem krank und müssen aufpassen, dass da nichts passiert.

Aber eine Beratung per Fernsprecher per Web oder per Mail Ist für die Behandlung nicht zielführend. Das müssen die Kollegen vor Ort machen und dafür sind die da, das können die auch. Das wissen, die auch und das machen die auch. Wichtig ist hier das Vertrauen in die jeweilig vorhandenen Strukturen zu haben und mit denen die Dinge offen und ehrlich und transparent abzusprechen.

Vielen Dank, Herr Dr. Knebel. Bis nächste Woche.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 07. Januar 2022 | 12:00 Uhr

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