Industrie Haustarifvertrag rettet Autozulieferer Valeo in Mühlhausen vor dem Aus

Aus Mühlhausen gibt es gute Nachrichten aus der Automobil-Zuliefer-Branche. Beim französischen Konzern Valeo, der hier Kupplungs- und Bremsleitungen herstellen lässt, sind 175 Arbeitsplätze gerettet worden. Davon sollten 100 bereits in diesem Jahr gestrichen werden. Das ist vom Tisch. Ebenso wie die Pläne, das Werk 2024 komplett zu schließen. Auch, weil sich der Betriebsrat gemeinsam mit der Industriegewerkschaft Metall engagiert hat.

Fünf Männer in einer Halle
Auf den ausgehandelten Haustarif ist der Betriebsrat stolz. Zu den insgesamt sieben Mitgliedern gehören: Thomas Arnold, Uwe Kowalczyk, Uwe Mock, Sven Meyer und Swen Zahn (v.l.). Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Der Betriebsrat stand vor zwei Jahren vor einer anscheinend unlösbaren Aufgabe. "Da wurde uns mitgeteilt, dass im Jahr 2022 100 von 212 Stellen abgebaut und 2024 der Standort Mühlhausen ganz geschlossen werden soll", erinnert sich Betriebsratsvorsitzender Sven Meyer. Begründet worden sei das mit Sparmaßnahmen und Auftragsrückgängen.

Autozulieferer Valeo in Mühlhausen
Der Mühlhäuser Automobil-Zulieferer gehört seit 2017 zum französischen Konzern Valeo und hat derzeit 175 Mitarbeiter. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Das wollte der Betriebsrat jedoch nicht hinnehmen und hat zusammen mit der IG Metall mit der Firmenleitung verhandelt. Den Betriebsrat gibt es erst seit 2017; damals hat Valeo den Automobilzulieferer im Mühlhäuser Gewerbegebiet übernommen.

Neuer Tarifvertrag: Erstmals Urlaubs- und Weihnachtsgeld

"Wir haben mit der Werks- und Firmenleitung einen Zukunftstarifvertrag verhandelt und damit den Mühlhäuser Standort gesichert", sagt Meyer nicht ohne Stolz. Ausgehandelt wurde unter anderem eine Wochenarbeitszeit von 35 Stunden, drei Jahre Kündigungsschutz, Schichtzuschläge und erstmals Urlaubs- sowie Weihnachtsgeld.

Eine Frau und zwei Männer in einem Büro.
Immer im Gespräch mit Personalchefin Katrin Seifert: Swen Zahn (l.) und Sven Meyer vom Betriebsrat. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Die Werksleitung sei ein guter Verhandlungspartner gewesen. Kostenlose Getränke und Obst gebe es für die Kollegen nun ebenfalls.

Streik unter Corona-Bedingungen

Der Arbeitskampf sei unter Corona-Bedingungen nicht ganz einfach gewesen, sagt Meyer. Es seien keine Versammlungen und Streiks möglich gewesen. Die Haustarifverhandlungen seien ausnahmslos digital durchgeführt worden; nur die Unterzeichnung nach neun Monaten Verhandlungsdauer sei in Präsenz erfolgt.

Wir gehen so miteinander um, wie man in der Gesellschaft miteinander umgehen sollte: auf Augenhöhe.

Betriebsratschef Sven Meyer

Für eine Mitgliederversammlung habe man den Festplatz in der Industriestraße in Mühlhausen genutzt. Er selbst habe damals mit Megaphon auf einem Pickup gestanden. "Laute Streiks" seien mit Corona-Regeln nicht möglich gewesen. Stattdessen hätten sie eine T-Shirt-Aktion "Tarif-Niveau ist unser Niveau" gestartet.

"Extrem gute Balance" zwischen Werkleiter und Betriebsrat

Werkleiter Jörg Schäfer-Martini ist seit 2019 für den Standort Mühlhausen zuständig. Dass er sich auf die Zusagen des Betriebsrates verlassen kann, ist für Schäfer-Martini genauso wichtig wie die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat. "Kurze Dienstwege, schnelle Telefonate" zeugten von einer "extrem guten Balance zwischen betriebswirtschaftlichem Denken und Fürsorge für die Mitarbeiter".

Ein Mann am Schreibtisch
Jörg Schäfer-Martini leitet den Standort seit drei Jahren. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Verlässlichkeit und Vertrauen seien für Geschäftsführung wichtig, es werde wenig Politik gemacht. Klares Ziel sei: Fortbestand und Wachstum. Dafür sei der Haustarifvertrag eine gute Basis.

Neue Technologien im Blick

Die Produktstruktur verändere sich, weil das manuelle Getriebe immer weniger nachgefragt werde. Schäfer-Martini ist überzeugt: Der Standort Mühlhausen ist gut und die Mitarbeiter motiviert. Allerdings sei die Komponente "Kunde" nicht immer planbar.

"Wir haben hart gerungen in der Sache und dadurch auch in Mühlhausen ein komplett neues Produkt bekommen".

Werkleiter Jörg Schäfer-Martini

Abseits der Kupplung und abseits der Bremse soll auch die Zukunft des Mühlhäuser Standortes liegen. Das Zauberwort heißt "GBA - Gearbox Aktuator". Mit diesem neuen Produkt werden in Mühlhausen Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe getätigt und der Übergang von manueller Kupplung zum batteriebetriebenen Antrieb vorbereitet.

Eine Halle von innen des Autozulieferer Valeo
Blick in die moderne Produktionshalle von Valeo in Mühlhausen. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Trophäe von der IG Metall Ost

Für ihren Mut und ihr Engagement sind die Mühlhäuser zudem vor kurzem ausgezeichnet worden. Bei der Betriebsrätekonferenz in Leipzig gab es von der IG Metall Ost eine Trophäe.

Die 1.000 Euro Prämie werden an zwei Tierschutzprojekte gespendet. Werkleiter Jörg Schäfer-Martini legt noch einmal 500 Euro für ein Kinderhilfsprojekt oben drauf. "Man macht das ja nicht für eine Auszeichnung, sondern weil man was bewegen möchte. Trotzdem sind wir sehr stolz" Sven Meyer über die Ehrung der IG Metall Ost

Valeo-Standort Mühlhausen Aktuell werden 1.500 verschiedene Produkte am Standort Mühlhausen hergestellt. Dies sind vor allem manuelle Getriebe und Bremsleitungen: insgesamt sieben Millionen Leitungen pro Jahr. 70 Prozent davon sind Leitungen für Kupplungen und 15 Prozent Bremsleitungen.

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MDR (fra)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 17. August 2022 | 18:05 Uhr

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