Die Rekruten vom Hain Bundeswehr: Wie junge Menschen in Thüringen zu Soldaten werden

127 junge Menschen aus ganz Deutschland haben sich am Dienstag nach Gera auf den Weg gemacht, um zum "Bund" zu gehen: In der Bundeswehrkaserne starten die Rekruten in die Soldaten-Grundausbildung. Freiwillig. Was bewegt junge Menschen, zur Bundeswehr zu gehen und den Soldatenberuf zu ergreifen - gerade jetzt?

"Ich war schon immer davon begeistert. Von diesem Zusammenhalt der Truppe, einfach für Deutschland zu dienen. Deutschland zu schützen." Ein Satz, der sitzt. Ein Satz, den Marius kein Vorgesetzter vorgegeben hat. Denn es gibt sie: junge Menschen, die für Deutschland, ihr Vaterland, kämpfen wollen. Mit allen Konsequenzen.

Entscheidung für Soldatenberuf in Jahren gereift

Die hat Marius durchaus bedacht. Mit seinen 27 Jahren ist er kein jugendlicher Abenteurer mehr, der mal eben den Kick beim "Krieg spielen" sucht. Er ist ein junger Mann mit einem hochqualifizierten Job, der sich im Zivilen ein gutes Leben machen könnte. Doch seit zehn Jahren hat er den Gedanken im Kopf, Berufssoldat zu werden. "Wann, wenn nicht jetzt? Ich werde nicht jünger, irgendwann bin ich den Anforderungen nicht mehr gewachsen", sagt Marius.

Fünf Stunden dauert die Fahrt von seinem Zuhause bis zur Bundeswehrkaserne in Gera-Hain. Zeit genug, um nachzudenken. Gerade jetzt, wo Krieg nicht nur ein Wort ist, sondern Realität hier bei uns in Europa. "Ich glaube, es wäre falsch, wenn man keine Angst davor hätte. Aber nicht die Angst, dass ich sagen würde: Ich würde deswegen nicht zur Bundeswehr gehen. Ich denke mal, darauf wird man ausgebildet", sagt Marius entschlossen.

Flur einer Bundeswehr-Kaserne
Wichtig in den ersten Tagen: sich in der Kaserne zurechtzufinden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Befehlston ist laut und fordernd

Und das intensiv. Von 5 bis 22 Uhr dauert der Dienst in der ersten Woche. Die Rangzeichen müssen gelernt werden, wo in der Kaserne was zu finden ist, wer wie gegrüßt wird. Die Basics des Soldatenlebens. Mancher der 127 Rekruten ist gerade mal 17 Jahre alt. Der Stresspegel ist hoch, der Befehlston laut und fordernd. Eine Situation, mit der nicht jeder zurechtkommt.

Nach vier Tagen haben bereits acht Leute das Handtuch geworfen. Eine Abbrecherquote von 15 bis 20 Prozent ist normal, sagt Major Tim Harz. Er leitet die 3. Kompanie, in der die Grundausbildung absolviert wird. Die Gründe für die Aussteiger sind so verschieden wie die Menschen selbst: Heimweh, zu hoher Druck, zu wenig Leistung. Wer damit am Anfang gut umgehen kann, bleibt meist.

Major Tim Harz
Verantwortlich für die Grundausbildung: Kompaniechef Major Tim Harz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch der gefühlt raue Umgangston ist keine Schikane, so der Major: "Für uns ist es eigentlich relativ normal, dass wirklich Mängel oder Fehlverhalten eindeutig angesprochen werden und das dann vielleicht etwas autoritärer rüberkommt." Klare Ansagen, die im Einsatz lebenswichtig sein können.

Vor dem Einsatz aber steht die Ausrüstung. 126 Teile bekommt jeder Soldat - von der Unterhose über Socken und Handschuhe bis hin zu Klappspaten und Schlafsack. Die "Shoppingtour" dauert. Alles muss perfekt sitzen, vor allem die Schuhe. Später im Einsatz wird niemand eine Extrabehandlung bekommen, weil der Schuh drückt.

Ein Rekrut durchwühlt seine auf dem Boden liegende Ausrüstung und Kleidung.
Ist alles da? 126 Teile Kleidung und Ausrüstung hat ein Soldat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Abend heißt es dann erstmals: Spind einräumen! Akkurat gefaltete Hemden, auf Kante gelegte Hosen. In jedem Zimmer liegen Fotos eines Musterspindes. Unter Zeitdruck werden die 126 Teile aus der Tasche gezogen, beschriftet, in den Spind geräumt. Marius bleibt gelassen: "Das mach ich zu Hause auch selbst. Allerdings hab ich da auch nicht so viele Sachen."

Dienstbeginn um 5 Uhr

Dienstbeginn am nächsten Morgen um 5 Uhr. Wieder verabschiedet sich ein Rekrut nach Hause. Der Sporttest steht an, die "Kraft-Leistungs-Feststellung". Marius hat vorab geübt. "Wahrscheinlich hat das jeder hier", vermutet er. Damit liegt er wohl falsch. Auch in der Turnhalle: Zeitdruck, klare Ansagen, straffe Forderungen. Pendellauf, Klimhangzüge, 1.000-Meter-Lauf. Die Truppe feuert sich gegenseitig an. Jeder kommt letztlich ins Ziel. Wenngleich auch nicht in der geforderten Zeit. Für die 1.000 Meter sollen die Rekruten höchstens sechs Minuten brauchen.

Eine Flecktarn-Tasche liegt auf dem Boden, im Hintergrund Soldaten beim Lauftraining
Der Sporttest steht an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Hier ist viel Luft nach oben", sagt der Ausbilder. Die Rekruten der neueren Durchgänge seien unsportlicher. Liegt es am Winter, an Corona, am mangelnden Ehrgeiz? Marius ist mit seiner Leistung vorerst zufrieden. Nach den ersten vier Tagen der Grundausbildung ist für ihn klar: "Ich steh immer noch zu der Entscheidung. Definitiv. Ich habe mir das lang genug überlegt. Und deswegen werde ich das jetzt auch durchziehen!"

MDR (dr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. März 2022 | 19:00 Uhr

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