Ersatz für DDR-Tatras Straßenbahn-Kauf in Gera: Die Odyssee zum Kompromiss

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Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Nach mehr als zwei Jahren Streit zwischen Stadtrat, GVB und Verwaltung kam es nun zu einer Einigung: So sollen rund 39 Millionen Euro in sechs Bahnen und den Umbau der Straßenbahnwerkstatt fließen. Geplant waren ursprünglich zwölf Bahnen. Bis zu diesem Kompromiss war es ein langer Weg.

Zwei Straßenbahnen  stehen am Zentralen Umsteigeplatz in der Innenstadt von Gera.
Bis die neuen Straßenbahnen über Geras Schienen rollen, kostet auch die Instandhaltung der fast 40 Jahre alten Tatra-Bahnen die Stadt viel Geld. Bildrechte: dpa

"130 Jahre Straßenbahn in Gera - mobil im Takt seit 1892", so wirbt eine Tatra-Bahn derzeit für das Jubiläum. 130 Jahre alt sind die ältesten Tatras im Bestand des Geraer Verkehrsbetriebs glücklicherweise noch nicht. Doch die Bahnen aus DDR-Zeiten haben ihre besten Zeiten hinter sich und entsprechen nicht mehr den modernen Anforderungen an Fahrgastkomfort und Barrierefreiheit.

Dennoch dauerte es zweieinhalb Jahre, bis der Geraer Stadtrat am 11. Mai einen rechtssicheren Beschluss fasste, der den Kauf sechs neuer Straßenbahnen möglich machte. Zur Erinnerung: Ein Stadtratsentscheid von November 2020 endete im Rechtsstreit mit dem Landesverwaltungsamt, nachdem die Behörde die Beschlussvorlage für rechtswidrig erklärt hatte. Erst ein knappes Jahr später konnten sich die Parteien gütlich einigen, nachdem Gera seine Fördermittelrichtlinie angepasst hatte.

Vorläufiger Schuldenerlass

Noch viel erstaunlicher am aktuellen Beschluss aber ist: Nach zahllosen stundenlangen, hitzigen Debatten war dieser Beschluss mit lediglich zwei Enthaltungen eine recht eindeutige Angelegenheit weniger Minuten. "Sie sehen mich ganz froh", erzählt ein sichtlich entspannter GVB-Geschäftsführer Thorsten Rühle. Denn der Stadtrat genehmigte auch, dass der Verkehrsbetrieb jährliche Schulden in Höhe von 850.000 Euro bis 2036 nicht an die Stadt zurückzahlen muss. Damit soll der Eigenanteil für den Bahnenkauf gestemmt werden.

Dass Gera nun doch noch Straßenbahnen kaufen kann, machte die Arbeitsgemeinschaft Nahverkehrsplan möglich, die aus Vertretern aller Stadtratsfraktionen besteht und die Anfang des Jahres die Arbeit aufnahm. "Denen habe ich unsere Nöte erklärt. Welche Kapazitäten brauchen wir, wo müssen wir Kosten sparen, wie funktioniert ein Takt, wie viele Menschen passen auf einen Quadratmeter Straßenbahn. Die haben sich da richtig reingefuchst in ihrer Freizeit, die könnte ich jetzt hier anstellen, die kennen sich richtig gut aus", schwärmt der Geschäftsführer. Zugute kam der AG wohl auch, dass es die Ansage gab: Politische und persönliche Befindlichkeiten haben Pause!

Sechs statt zwölf Bahnen, 38 statt 30 Meter lang

Die Arbeitsgruppe kam in Abstimmung mit GVB und Stadtverwaltung zu dem Ergebnis, dass 38 Meter lange Straßenbahnen am sinnvollsten sind - obwohl damit fast fünf Millionen Euro zusätzliche Kosten durch den notwendigen Umbau der Straßenbahn-Werkstatt entstehen. Die ist nämlich zu kurz. Mit dem Stadtratsbeschluss kann der GVB nun sechs Straßenbahnen von 38 Metern Länge kaufen, mit der Option, drei weitere nachzubestellen.

Doch Moment… War 2019 und 2020 nicht mal die Rede von zwölf 30 Meter langen Bahnen?

Laut Rühle kann der GVB auch mit neun längeren Bahnen statt zwölf kürzeren die Nachfrage befriedigen und perspektivisch alle alten Tatras aus den 80er-Jahren ausmustern. Allerdings ist die Finanzierung der Zusatzbahnen noch nicht geklärt. Mit den ersten sechs Bahnen, die nun ausgeschrieben werden dürfen, könnten immerhin 19 von 27 Bahnen aus DDR-Zeiten aussortiert werden.

Bangen um Fördermittel

Allerdings haben die jahrelangen Grabenkämpfe zwischen Stadtratsfraktionen, Stadtverwaltung und Verkehrsbetrieb die Kosten explodieren lassen. 2022 sind sechs neue lange Bahnen teurer als zwölf kürzere 2020. So hätte eine 30-Meter-Bahn damals etwa 3,2 Millionen Euro gekostet, durch den Ukraine-Krieg und die Materialengpässe sind es nun fünf Millionen Euro. Die 38-Meter-Bahn verteuerte sich von fünf auf 5,7 Millionen Euro. Rund 39 Millionen kosten nun sechs lange Bahnen samt Werkstattumbau.

Bezahlt werden soll das Ganze mit Hilfe von Fördermitteln. Der GVB-Chef hofft, dass das Land wie einstmals zugesichert den Kauf zu 50 Prozent unterstützt und Gera besondere Aufmerksamkeit bekommt, nachdem zuletzt bereits Erfurt und Jena beim Straßenbahnkauf unterstützt wurden. Auf die Anfrage von MDR THÜRINGEN gibt sich das Infrastrukturministerium zurückhaltend. Die Zusage galt für Fördermittel der abgelaufenen Förderperiode, das sei nun nicht mehr machbar für den GVB. Man sei jedoch bestrebt, Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) einzutreiben.

Nach MDR-Informationen geht es um insgesamt 37 Millionen Euro, die dann auf alle Thüringer Städte mit Straßenbahnen verteilt würden. Gera bekäme bestenfalls etwa 19 Millionen Euro. "Da sind noch viele Wenns und Abers. Aber wir waren noch nie so nah dran an neuen Bahnen wie jetzt, ich bin optimistisch", sagt Rühle - der von sich selbst sagt, dass er nicht unbedingt zu Euphorie neigt.

Menschen vor einer Straßenbahn
Tatra-Bahn in Gera: Einige Jahre müssen die alten Bahnen noch durchhalten. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Enger Zeitplan für Ausschreibung

Mit der Ausschreibung muss der GVB bis zur Fördermittelzusage warten, bestenfalls kommt die spätestens Ende Juni. Dann könnte der Verkehrsbetrieb die Ausschreibung noch in diesem Jahr starten, wenn alle Anträge ausgefüllt sind. "Das ist noch nicht in Sack und Tüten, diese Art der EU-Förderung ist neu für uns, da sind viele Auflagen zu erfüllen und Nachweise zu bringen", sagt Rühle. Wie viel Kohlendioxid wird gespart, wie hoch ist die Effizienzsteigerung, wie viele Fahrgäste können befördert werden - all solche Fragen müssen detailliert beantwortet werden.

Je länger sich die Ausschreibung verzögert, desto später kommen die neuen Bahnen und desto teurer wird auch die Instandhaltung der fast 40 Jahre alten Tatra-Bahnen. Vier Jahre dauert es durchschnittlich von Ausschreibung bis Zuschlag - die erste neue Bahn könnte bestenfalls Ende 2026 kommen, möglicherweise aber auch erst ein Jahr später. Dazu kommt, dass die Auftragsbücher bei den Herstellern voll sind.

Allein Stadler habe 600 Vorbestellungen, weil derzeit viele Städte im großen Maße investierten, so der GVB-Chef. Rühle rechnet mit 360.000 Euro zusätzlich für kleine und größere Reparaturen in jedem Jahr, das die betagten Tatra-Damen über Geras Gleise schnaufen. Kann die Ausschreibung in diesem Jahr nicht starten, müsste der GVB außerdem 1,4 Millionen Euro in eine gesetzlich vorgeschriebene Hauptuntersuchung für vier Tatra-Bahnen stecken - Geld, das der Betrieb eigentlich nicht hat.

MDR (fh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 20. Mai 2022 | 02:10 Uhr

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