Radsport Leon Brunnert vom SSV Gera: 14-Jähriger holt Doppel-Gold bei Gehörlosen-Meisterschaft

MDR THÜRINGEN-Regionalkorrespondentin Franziska Heymann
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Leon Brunnert hat geschafft, wovon mancher Nachwuchsradsportler sein Leben lang nur träumen kann: Er darf das Trikot eines Deutschen Meisters tragen. Der 14-Jährige gewann bei der Gehörlosen-Meisterschaft Anfang Mai zweimal Gold.

Radrennfahrer Leon Brunnert schaut in die Kamera.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit einem wilden "Wheelie" düst Leon durch den Tunnel unter der Geraer Radrennbahn. Der Siebtklässler fährt sein mattgraues Rennrad gern mal auf dem Hinterrad, "auch wenn das nicht gut ist für die Räder", grinst er. Bevor es zum Training auf die Straße gen Eisenberg geht, albert Leon mit seinen Mannschaftskameraden herum und spricht mit seinem Trainer Gerald Mortag.

Der dreimalige Mannschaftsweltmeister und Olympia-Silbermedaillen-Gewinner betont, dass er Leon wie die anderen behandelt, "dass er nicht denkt, er ist etwas Besonderes oder kann was nicht, was andere können." Das würde dem Jungen mit den blonden Wuschelhaaren unter dem grauen Helm wohl auch nicht gerecht.

Junge seit Geburt fast taub

Leon Brunnert ist seit Geburt quasi taub, ohne Hörhilfe könne er fast gar nichts hören. Im Interview für das MDR THÜRINGEN JOURNAL zeigt er seine Hörprothese, ein Cochlea-Implantat. "Das Implantat ist wie ein Magnet ins Ohr reinoperiert. Es verstärkt mein Hören, weil meine Hörschnecken fehlten oder umgefallen sind", erklärt der 14-Jährige. "Manchmal hupt ein Auto, das höre ich, aber so ganz kleine Geräusche, wie das Klacken am Fahrrad, das höre ich nicht", beschreibt Leon den Unterschied zu hörenden Menschen.

Meister auf der Straße und im Zeitfahren

Den äußeren Teil der Hörhilfe nimmt der Nachwuchs-Radfahrer eigentlich nur zum Schlafen ab. Am ersten Mai-Wochenende war Leon aber auch ohne Hörprothese auf dem Rennrad unterwegs, nämlich bei der Deutschen Gehörlosen Radsportmeisterschaft (DM) in Landshut. "Man darf dort nur gehörlos fahren, das ist so vorgegeben." Probleme habe er damit nicht. Im Zeitfahren und beim Straßenrennen wurde der Geraer jeweils Deutscher Meister der U17, wie im Übrigen auch schon 2019 in der Schülerklasse.

Eine Gruppe von Radrennfahrern fährt auf der Geraer Radrennbahn
Leon Brunnert führt die Gruppe an - hier auf der Geraer Radrennbahn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weil es in seiner Altersklasse kaum Konkurrenz gibt, durfte Leon in den Eliterennen der Herren mitfahren und wurde dort zweimal Vierter. "Das war aufregend und schön, etwas zu gewinnen, weil sonst gewinnt man nicht so schnell etwas."

Leons Trainer Gerald Mortag war selbst nicht mit bei der DM, ist aber mit der Leistung seines Schützlings zufrieden: "Nach Aussagen des Bundestrainers war das sowohl im Zeitfahren als auch im Straßenrennen im Vergleich zu den Erwachsenen eine sehr, sehr gute Leistung."

Absprachen vor den Rennen

Seit knapp vier Jahren sitzt Leon für den SSV Gera im Fahrradrennsattel. Vorher spielte er Fußball, aber "Ich bin eher Einzelsportler, Teams sind nicht so meins." Dreimal pro Woche trainiert er, am Wochenende stehen die Wettkämpfe an – dann misst er sich mit Hörenden. Und während andere Radsportler zwischendurch Anweisungen der Trainer entgegennehmen können, ist Leon das nicht möglich – er hört sie einfach nicht.

 Trainer Gerald Mortag erklärt Leon Brunnert etwas
Bevor es für Leon ins Rennen geht, müssen sich sein Trainer und er gut absprechen. Denn Lippenlesen während des Rennens ist kaum möglich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lippenlesen ist bei dem Tempo der Rennradfahrer nicht möglich, darum bleiben nur genaue Absprachen vor den Rennen. "Da muss ich mir immer ganz schön viel merken.", schnauft der 14-Jährige. "Ich soll pfiffig fahren, Windschatten fahren, nicht anderen so viel Windschatten geben.", zählt er einige Anweisungen auf. Aber eigentlich sei das nicht schlimm mit den Anweisungen. "Ich merke mir das und mach das dann halt."

Noch Schwächen am Berg

Trainer Mortag sieht den Umgang mit Leon entspannt: "Man muss laut und deutlich sprechen. Manchmal habe ich bei Leon das Gefühl, dass er das, was er nicht hören soll, hört - auch wenn es nicht so laut gesprochen ist. Und manche Sachen, die er hören soll, die hört er nicht", erzählt er mit einem Schmunzeln. Der Trainer bezeichnet seinen Schützling als fleißig und wissbegierig, "Er fragt schon nach, warum machen wir das heute so oder so".

Schwächen habe der schlaksige Siebtklässler noch am Berg. "Aber er ist schnell, kann sprinten, kann sich im Feld bewegen. Ich sehe nicht, dass er gewisse Dinge nicht kann. Leon kann sich trotz Einschränkungen gut durchsetzen." Im ersten Jahr in der Jugendklasse mit 15- und 16-Jährigen sei es eh schwer mitzuhalten.

Radrennfahrer Leon Brunnert steht in einer Gruppe mit seinen Team-Kollegen
Bevor es zum Training auf die Straße gen Eisenberg geht, albert Leon mit seinen Mannschaftskameraden herum. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorbild Robert Förstermann

Leons Vorbild ist "Mr. Oberschenkel" Robert Förstemann, der seit 2019 im Tandem mit blinden Radsportlern fährt. Das findet der 14-Jährige gut. Wie weit nach oben es für den pfiffigen Schüler noch geht, wird sich zeigen: Die langen Strecken mag er nicht so gern, Zeitfahren dagegen sehr. Und damit es künftig auch am Berg leichter rollt, scheucht seit Trainer ihn und die anderen Nachwuchs-Radsportler nun erstmal gen Eisenberg.

MDR (jw)

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Nachmittag | 28. Mai 2022 | 13:17 Uhr

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