Der Redakteur | 12.11.2021 Warum fahren Busse und Bahnen auf dem Land so selten?

Während der ARD-Themenwoche "Stadt, Land, Wandel" hat Wolfgang Silz aus Heideland bei Eisenberg eine Idee, um den öffentlichen Nahverkehr in Thüringen zu finanzieren: Man könnte dafür einen Teil der Grundsteuern verwenden, um das Angebot zu erhöhen. Aber liegt es am Geld, dass Busse und Bahnen zu wenig und oft unkoordiniert fahren? Oder sind es die unterschiedlichen Zuständigkeiten? Und: Wer macht eigentlich welchen Fahrplan?

Mal wieder steht ein komplexes System einer einfachen Lösung im Wege. Warum fährt der Regionalzug nicht immer zehn nach um und schön im Takt, sondern manchmal sieben nach und manchmal fünf? Das liegt daran, dass wir ganz viele Fixpunkte haben im Lande. Das sind zunächst die großen Knotenpunkte wie Berlin, Frankfurt oder München.

Im besten Falle bekommen wir den viel zitierten "Deutschlandtakt" hin, das heißt also alle halbe Stunde macht sich ein ICE auf den Weg von Frankfurt nach Berlin. Und einer von Berlin nach München und einer von München nach Köln. Nun wollen aber die Ingolstädter gerne den Berliner Zug bis München nutzen und dort in den nach Köln umsteigen und der ICE von Frankfurt weckt anderswo Begehrlichkeiten.

Entfernungen, Fahrzeiten und Knotenpunkte

Damit das alles funktioniert, müssten die großen Knotenpunkte von den Fahrzeiten her gleich weit voneinander entfernt sein. Sind Sie aber nicht und somit werden nicht mehr alle Wünsche wahr. Denn einem vollkommenen Takt stehen rein physikalische Dinge wie Geschwindigkeit und Strecke im Wege - und an der einen oder anderen Stelle müsste der Zug deshalb schon losfahren, bevor er ankommt.

Nun ist es klugerweise so, dass der Fernverkehr den Anfang macht bei der Planung und dann die Länder ihrerseits den Regionalverkehr planen und auch mit den Nachbarn vernetzen, schließlich fahren unsere Regionalbahnen auch gern nach Leipzig oder Göttingen. Und da haben wir schon wieder Knoten mit neuen Abhängigkeiten. Und neuen Zuständigkeiten.

Susanna Karawanskij, DIE LINKE 17 min
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Nahverkehr ist Ländersache

Denn der regionale Zugverkehr ist Ländersache, die Züge werden von den Ländern bestellt und auch bezahlt. Zumindest zu einem großen Teil. Die Fahrpläne dafür werden vom Thüringer Landesamt für Bau und Verkehr im Referat Schienenpersonennahverkehr entwickelt und zwar mit dem FBS, dem Fahrplanbearbeitungssystem, einer Software aus Dresden. Die Planer sind bestrebt, Takt und Anschlüsse zu garantieren, aber selbst wenn sie das perfekt hinbekämen, sind die Züge damit noch längst nicht auf dem Gleis.

Kurze Strecken - lange Planung

In diesem Herbst wird bereits an dem Fahrplan gearbeitet, der ab Dezember 2023 gilt. Die Angebotsplaner des Landesamtes sind dazu in ständigen Gesprächen mit den Eisenbahnverkehrsunternehmen im Nahverkehr, also Abellio, Erfurter Bahn oder DB Regio und erarbeiten das Grundkonzept. Da geht es letztlich auch um Kapazitäten beim rollenden Material und dem Personal.

Ein roter Nahverkehrszug
Ob eine Station mit dem Regionalzug oder hunderte von Kilometern mit dem Fernverkehr: Der Weg zu einem Fahrplan ist lang. Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

Viele Züge auf wenigen Gleisen

Im Frühjahr 2022 erfolgt dann die sogenannte Trassenanmeldung bei der DB Netz AG. Das heißt, die regionalen Bahnen legen ihre mit dem Aufgabenträger, also dem Land, abgestimmten Fahrpläne vor.

Nun ist das natürlich nicht der Erstkontakt mit dem Schienennetzbetreiber, aber Fahrpläne machen eben auch noch die schon erwähnten Fernverkehrsplaner, dazu Fremdbahnen wie ÖBB oder Flixtrain und der Güterverkehr.

Am Ende legen dann die Netzbetreiber alle Pläne übereinander und stellen fest: Hier müssen wir ein paar Minütchen nach hinten und dort nach vorn und aus ist der Traum von einem "Thüringentakt".

Bus-Fahrpläne in den Händen der Landkreise und Städte

Es ist einleuchtend, dass der Bus am flexibelsten ist. Selbst ein liegen gebliebenes Fahrzeug ist kein größeres Streckenhindernis. Nun könnte man die Buslinien irgendwie gleich thüringenweit mitplanen, wenn wir die Regionalbahnen planen, aber da steht unsere Struktur im Weg. Und das schon seit 30 Jahren. Busfahrpläne sind nämlich Sache des jeweiligen Landkreises.

Der einfachste Vorschlag wäre ein Aufgabenträger, der die Organisation des gesamten Verkehrs in seinen Händen hält, der also sowohl die Fahrpläne für die Bahn als auch für die Busse macht und aufeinander abstimmt. Das wäre ein tiefgreifender Eingriff in die Organisationstruktur, die wir seit der Wende haben und vermutlich politisch nicht durchsetzbar.

Olaf Behr PRO BAHN Thüringen

Busverkehr wenig auf Eisenbahnverkehr abgestimmt

Immerhin gibt es die sogenannten landesbedeutsamen Buslinien, bei denen die Vernetzung mit der Bahn schon ganz gut klappt, aber letztlich ist das Netz auch dafür da, die Lücken im Schienennetz zu schließen, die wir in grauer Vorzeit selbst gerissen haben. Hinzu kommt, dass die Landkreise bei ihrer Planung weniger den Zugfahrplan im Blick haben als den Stundenplan der Schulen.

Das heißt, wir haben im ländlichen Bereich einen Busverkehr, der sich an der Schülerbeförderung orientiert. Und das alles miteinander zu verknüpfen: Schulzeitstaffelung, Busverkehr und die Taktfahrpläne im ganzen Netz, das ist nicht so einfach aufeinander abzustimmen.

Susanna Karawanskij Thüringer Infrastrukturministerin

Ein großer Teil des Betriebs ist nun mal der Schülerverkehr. Und deren Bedarf ist ein anderer als der Bedarf der Pendler oder der Fernreisenden. Auch ein einheitliches Tarifsystem mit einheitlichen Tickets, die man überall kaufen kann und das am besten digital, kommt in Thüringen nur schleppend voran.

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Verteilungsschlüssel und ein landesweiter Verkehrsverbund

Zwar wollen jetzt weitere Landkreise dem Verkehrsverbund Mittelthüringen (VMT) beitreten, aber noch längst nicht alle, auch weil es Kritik gibt am Verteilschlüssel. Denn am Ende muss auch genügend Geld bei denen ankommen, deren Busse letztlich auf der Straße sind.

Dass auch hier der Steuerzahler den Löwenanteil stemmt, ist vielen gar nicht bewusst, die die einsamen Busfahrer bedauern, die nur sich selbst übers Land chauffieren. Wie könnte das besser werden, wie könnte man den Um- und Einstieg vereinfachen?

Azubi-Ticket und Schülertickets mit komplexem Erstattungssystem

Das Azubi-Ticket soll hier einen Beitrag leisten, auch wenn es eine schwere Geburt war und noch immer nicht alle Verkehrsunternehmen begeistert mitmachen. Stichwort Verteilungsgerechtigkeit.

Und die Schülertickets, die ein aufwändiges und bürokratisches Erstattungssystem beinhalten, sind ohnehin eher keine Einladung für die nächste Generation, dabei zu bleiben. Hier müsste die Politik auch noch einmal ran.

Welches Problem löst man zuerst?

An Ideen jedenfalls mangelt es nicht, wie man den ÖPNV in Thüringen attraktiver machen könnte. Und irgendwie ist es die Sache mit dem Huhn und dem Landei. Man würde ja mehr mit dem Bus fahren, wenn er denn fahren würde.

Andersherum würden vielleicht auch mehr Busse unterwegs sein, wenn die Leute nicht das flexiblere Auto nehmen würden. Angesichts der aktuellen Spritpreise wären allerdings kostengünstige bis kostenlose Angebote ziemlich verlockend.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 12. November 2021 | 15:40 Uhr

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