Diversität In Ilmenau als queer geoutet: "Ich weiß, wie schwer es am Anfang ist"

Obwohl in den vergangenen Jahren die Akzeptanz in der Gesellschaft gestiegen ist, sind queere Menschen nach wie vor Diskriminierung ausgesetzt. Auch im ländlichen Raum und in Kleinstädten. Wie ergeht es queeren Menschen in Ilmenau?

Gay Trans Pride Regenbogen Fahne
Die Regenbogenflagge ist Symbol für Gleichberechtigung und Akzeptanz von Menschen, die sich traditionellen Rollenbildern von Mann und Frau nicht zugehörig fühlen. Bildrechte: IMAGO/Eibner

Sich weder als Frau noch als Mann fühlen? Als Frau eine Frau lieben? In einem männlichen Körper stecken, aber eine Frau sein? Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentitäten sind vielfältig. Zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie am 17. Mai veranstaltete die TU Ilmenau eine offene Gesprächsrunde in einem Studierendencafé zum Thema. Mit dabei war auch Jenny Graul, die über ihre Erfahrungen als Transfrau gesprochen hat.

Jenny Graul
Jenny studiert an der TU Ilmenau Informatik und hat sich vor knapp anderthalb Jahren geoutet. Bildrechte: MDR/Lisa Wudy

Hintergrund: LGBTQ Die Abkürzung LGBTQ steht für die Gruppe der lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgeschlechtlichen und queeren Menschen. Mittlerweile ist auch häufig von LGBTQIA+ die Rede. Somit sollen auch intersexuelle und asexuelle Menschen mitbezeichnet werden. Das Plus steht in dem Fall für weitere Geschlechtsidentitäten. Der Begriff "Queer" steht für alle Menschen, die sich nicht den traditionellen Geschlechterrollen zugehörig fühlen.

Jenny ist 23 Jahre und hat sich vor knapp anderthalb Jahren geoutet. Sie fühlt sich als Frau, die in einem Körper eines Mannes steckt. Seit sie 13 Jahre alt ist, weiß sie: "Ich bin eigentlich weiblich". In der Region Eichsfeld, in der sie aufgewachsen ist, sei es aber schwierig gewesen, das auszuleben.

"Schon wenn meine Haare etwas länger waren, wurde sich in der Schule darüber lustig gemacht, weil ich wie ein Mädchen aussah", erzählt sie. In Wahrheit fühlte sie sich auch als Mädchen. Aus Angst, dass es die anderen aber nicht verstehen und akzeptieren würden, hat sie es seit der Schulzeit versucht zu verbergen.

Jenny outet sich beim Studium in Ilmenau

Als sie 2017 für ihr Informatikstudium nach Ilmenau gezogen ist, hat sich das aber geändert. In Ilmenau hat sie Vertrauen gewonnen und sich geoutet. Seitdem will sie mit dem Namen "Jenny" angesprochen werden. Ihr Freundeskreis und die Studierenden aus ihrem Semester hätten von Anfang an diese Entscheidung akzeptiert, so Jenny. Selbst die Dozierenden an ihrer Fakultät nennen sie jetzt so. Nur auf ihrem Pass steht noch der alte.

Der alte Name wird in der queeren Community auch als "Deadname" bezeichnet, der "tote Name". Dieser steht für die alte Identität und die will Jenny ablegen. Jedes Mal, wenn sie ihn sieht oder damit angesprochen wird, sei das verletzend. Denn es sei eine Missachtung ihrer Geschlechtsidentität. An der Uni würde das aber selten passieren.

Verfahren der amtlichen Namensänderung "demütigend"

Das würde auch daran liegen, dass sie einen Studierendenausweis hat, wo nicht ihr "Deadname" draufsteht. Anders als das Verfahren für die amtliche Namensänderung, die teuer, aufwendig und demütigend sei, funktioniert die Namensänderung auf dem Studierendausweis etwa einfacher, erzählt Jenny. Zumindest in Ilmenau.

Denn an der TU Ilmenau ist es möglich, bereits vor dem Abschluss des Verfahrens den Namen und den Geschlechtereintrag zu ändern. Allerdings muss das Verfahren nach dem Transsexuellengesetz bereits eingeleitet sein und es sollte ein Ergänzungsausweis der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) vorliegen. Jenny hofft darauf, dass noch in diesem Jahr das Selbstbestimmungsgesetz eingeführt und das Transsexuellengesetz (TSG) abgeschafft wird. Denn dann sei es leichter, den Namen amtlich ändern zu lassen.

Humboldtbau
Jenny will die Situation für Transpersonen oder queere Menschen an der TU Ilmenau verbessern. Bildrechte: MDR/TU Ilmenau

Jenny hilft jetzt anderen

Seit diesem Jahr arbeitet Jenny als studentische Assistentin beim Referat für Gleichstellung und Diversität an der Uni. Als Beraterin für Geschlechteridentität will sie anderen helfen. "Ich weiß, wie schwer es am Anfang ist. Wenn man sich nicht traut mit irgendjemanden darüber zu reden, weil man nicht weiß, wo man anfangen soll. Ich weiß, wie verloren man sich fühlt", sagt sie.

Sie selbst könne die Studierenden zwar nicht so sehr fachlich beraten, aber sie kann an die jeweiligen Beratungsstellen vermitteln. Diese sind allerdings nicht vor Ort, sondern in Erfurt. Auch die ärztliche Versorgung während der Transition, dem Prozess der Veränderung der eigenen Geschlechtsmerkmale, sei in der Region eher schwierig.

Um die Situation für Transpersonen oder queere Menschen an der Uni etwas zu verbessern, setzt sie sich derzeit dafür ein, dass es an der TU Ilmenau auch Unisex-Toiletten gibt. "Das wäre für Menschen gut, die nicht-binär sind oder sich noch unsicher sind", sagt sie. Das Universitätspräsidium habe schon zugestimmt. Jetzt geht es vielleicht bald in die Umsetzung.

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MDR (sar)

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