400 Jahre Glastradition Zwischen Ideen und Sorgen: "Wir Glasmacher sind ein zähes Völkchen"

Carletta Heinz lächelt. "Wir schaffen das schon", sagt sie. Und fügt an: "Wir Glasmacher sind ein zähes Völkchen. Sonst hätten wir nicht 400 Jahre Tradition". Trotzdem gibt sie zu, dass die letzten Monate nervenaufreibend waren. Weil auch nach Corona keine Normalität zurückgekehrt ist für den Familienbetrieb, den sie in 13. Generation führt.

Carletta Heinz ist zu dem kleinen Interview in den Schaltraum der Werkhalle gekommen. Hier machen nur ein paar Lüfter Geräusche. Unten, wo die Tagesschicht an den Glasmaschinen arbeitet, ist der Lärm zu groß für ein Interview.

Im Feuer geboren - die kleinen Fläschchen für die feinen Düfte

Die Männer, die die Flacons für die Parfüme-Hersteller produzieren, haben Stöpsel in den Ohren. Und in der oberen Etage der Halle zieht sich Werkleiter Reiner Bock einen Spezialanzug an - um sich ein bisschen zu schützen vor der Hitze an der Schmelzwanne.

Blick in eine Fabrikhalle
Aus der Glasschmelze werden Flacons für Parfüme-Hersteller gemacht. Weltweit stammt jeder dritte Flacon aus Piesau. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Bei 1.500 bis 1.600 Grad Celsius wird aus Sand, Soda, Kalk und Dolomit flüssiges Glas. Das wird in mehreren Produktionslinien zu kleinen Fläschchen verarbeitet. Flacons sagen die Parfüme-Hersteller zu den schmucken Gefäßen. Jedes dritte weltweit stammt aus Piesau. Hier haben die Vorfahren der Familie Heinz nachweislich 1622 ihre erste Glashütte gegründet. "Im 30-jährigen Krieg. Zu Pest-Zeiten. In Jahren, als freie Meinungsäußerungen von Inquisitoren bestraft wurden". Carl-August Heinz, die Nummer 12 unter den Generationen der Glasmacherdynastie, sagt das. Und er ergänzt, das damals war schlimm. Aber es hat den Unternehmermut nicht gebremst. Und so wollen sie es heute auch halten.

Blick auf eine fabrik
Seit 400 Jahren gibt es in Piesau die Glasherstellung - aktuell noch mit Erdgas. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Investition gestoppt, geprüft und umgeplant

Tochter Carletta, die inzwischen die Geschicke der Firma leitet, redet Klartext. Der Preis für Erdgas macht große Sorgen. Mit Beginn der Coronazeiten war der stark gefallen - dann aber begann eine Kurve nach oben, die einfach schwindelerregend ist. Einen Preisvergleich könne die Branche heute nur zu 2019 ziehen. Das könne als normales Jahr angesehen werden - aber jetzt? "Durch den Angriffskrieg in der Ukraine ist der Gaspreis dann eben noch einmal in die Höhe geschnellt. Wir waren teilweise bei Tagespreisen, die beim Zwanzigfachen lagen. Im Durchschnitt sind sie jetzt etwa beim Zehnfachen von 2019". Die dringend nötige Reparatur der gasbetriebenen Schmelzwanne wurde deshalb im Januar gestoppt. Sieben Millionen Euro sollte sie kosten. War das zu verantworten?

Ein Mann steht in einer Fabrikhalle.
Werkleiter Reiner Bock, der in Zukunft statt einer gastbetriebenen Schmelzwanne zwei kleinere bekommen soll - mit grünem Strom betrieben. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Erdgas als Energiequelle - das ist ein Auslaufmodell. Zu der Erkenntnis rangen sich die Führungskräfte bei Heinz-Glas nicht erst jetzt durch. In einem fränkischen Werk haben sie schon die Schmelze mit grünem Strom eingeführt. Von diesen Erfahrungen soll nun auch Piesau profitieren. Gut denkbar, dass das zum Beispiel für andere Glaswerke wird.

Die Branche hat in den Fabriken am Rennsteig nach Insiderangaben derzeit einen Erdgasverbrauch, der 85.000 Einfamilienhäuser versorgen könnte. Und die internationale Konkurrenz setzt auch auf andere Energien - die Franzosen zum Beispiel auf Atomstrom. Dem hält Carl-August Heinz entgegen. "Also wenn wir genügend grünen Strom bekommen, dann können wir mit unseren größten Mitbewerbern - die sitzen in Frankreich - gegen deren Atomstrom mithalten."

Blick auf eine Maschine
Produziert wird 365 Tage im Jahr. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Neues Mut-Projekt

Aber warten auf die große Unterstützung aus der Bundespolitik - dafür bleibt keine Zeit. Investiert werden muss jetzt, sagen sie bei Heinz-Glas. Ihre Perspektive: Weg vom Gas! Hin zu Öko-Strom! Möglichst aus regionaler Erzeugung. Vielleicht sogar mit selbstproduzierter Windkraft. Diese Richtung kam zur Sprache beim Glassymposium zum 400. Firmenjubiläum.

Während dort Tradition und Chancen beraten wurden, liefen nebenan im Werk weitere Vorbereitungen für eine sogenannte Heißreparatur. Bei laufenden Betrieb, also trotz der enormen Hitze, sollen Spezialisten für den Schmelzwannenbau die gasgetriebene Anlage noch einmal für ein weiteres Jahr fit machen. Das ist das Zeitpolster, um den Aufbau einer künftigen Elektroschmelze zu starten.

Blick auf ein Fabrikgelände
In Piesau will sich die Firma auch energietechnisch zukunftssicher aufstellen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Carletta Heinz, die Chefin, bringt es so auf den Punkt: "Wir haben vor, den ersten, also weltweit ersten Glasproduktions-Standort zu schaffen, der auf Gas komplett verzichten kann."

Ja, sagt sie - das wird viel Geld kosten, mehr als jede andere Lösung. Um die 40 Millionen Euro, nach heutigen Preisen, schätzt Werkleiter Bock. Aber Carletta Heinz sagt nur: "Wir schaffen das schon. Wir sind doch ein zähes Völkchen…"

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MDR (ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 27. Mai 2022 | 17:00 Uhr

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