Datenanalyse Wie sich der Thüringer Winter durch den Klimawandel verändert

Durch den Klimawandel kommt es auch in Thüringen zu milderen Wintern. Der Winter 2019/20 geht als der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Statistik ein. In tiefen Lagen hat der Schneefall in den vergangenen 30 Jahren schon drastisch abgenommen. Eine Datenanalyse zeigt, wie sich die Winter im Freistaat über die Jahrzehnte genau verändert haben. Und Modelle deuten darauf hin, dass Schnee noch deutlich seltener werden wird.

Eine Skilangläuferin ist im winterlich verschneiten Wald unterwegs.
Für den Wintertourismus in Thüringen sind die Ergebnisse der Analyse besorgniserregend. Bildrechte: dpa

"Der Winter 2019/20 geht als der zweitwärmste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 in die Statistik ein", stellt das Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz im Witterungsbericht 2019/20 fest. Und nur ein Jahr zuvor: "Der Winter 2018/ 2019 war auch in Thüringen wieder zu warm."

Das Thüringer Becken ist umgeben von Gebirgen und daher eine der trockensten Regionen Deutschlands.

Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Gegenüber der Vergleichsperiode von 1961 bis 1990 waren es 2018 im Schnitt 2,7 Grad Celsius mehr. Der Dezember 2019 und der Januar 2020 entsprachen in Thüringen etwa der Temperatur eines durchschnittlichen März des Zeitraums 1961 bis 1990.

Wetter ist nicht gleich Klima

Generell werden Klimabeobachtungen nicht in absoluten Werten dargestellt, sondern in sogenannten Anomalien. Man stellt die absoluten Werte in Beziehung zu einer 30-jährigen Referenzperiode. Diese wurde als der Zeitraum von 1961 bis 1990 festgesetzt. Man vergleicht also, inwieweit sich die Werte eines Zeitraums relativ zu dieser Referenzperiode verändern. Es ist wichtig, das Klima in langen Zeitperioden zu betrachten. Denn: Wetter ist nicht gleich Klima.

Welche Tage zählen als Frost- und Eistage?

Frosttage sind die Tage, an denen die minimale Temperatur des Tages unter 0 Grad Celsius liegt. Bei Eistagen liegt selbst die Höchsttemperatur des Tages unter 0 Grad Celsius. Gibt es einen Rückgang von Eis- und Frosttagen, deutet das auf mildere Winter hin.

Schnee schmilzt schneller wieder weg

Wärmere Temperaturen sorgen dafür, dass weniger Schnee fällt und auch schneller wieder wegschmilzt. Das ist in Thüringen besonders in tieferen Lagen zu beobachten. In höheren Lagen über 800 Metern beobachten Forschende bisher kaum Änderungen. Das liegt unter anderem daran, dass die Winterniederschläge zunehmen und die Temperaturen in höheren Lagen niedriger sind. Modellrechnungen deuten aber darauf hin, dass im Winter inzwischen häufiger Regen als Schnee fällt.

Michaela Koschak 6 min
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BRISANT Mi 09.02.2022 17:15Uhr 05:35 min

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Ob Schnee fällt oder nicht, hängt allerdings nicht nur von der Temperatur ab, sondern auch von der relativen Luftfeuchtigkeit, dem Boden, den Beschaffenheiten der Umgebung und anderen Faktoren.

Schnee wichtig für Tourismus in Thüringen

In Thüringen spielt der Schnee besonders für die Mittelgebirgslagen des Thüringer Waldes, das Thüringer Schiefergebirge, den Thüringer Teil des Harzes und die Rhön eine bedeutende Rolle. Die geringe Höhe der Skigebiete in den Mittelgebirgen bedingt jedoch, dass die Folgen des Klimawandels in Form einer abnehmenden Schneesicherheit hier früher zu bemerken sind als im Hochgebirge.

Was sind Schneetage?

Schneetage, auch Schneedeckentage genannt, sind Tage, an denen eine Schneedecke liegen bleibt. Maßgeblich für den Winter- und Skitourismus ist sie ab mindestens 20 Zentimetern. Deshalb werden in den Tieflagen die Tage mit einer Schneehöhe größer 0 Zentimeter ausgewertet, bei den höheren Lagen zählen Schneetage als Tage mit mindestens 20 Zentimetern Schneedeckenhöhe.

Die Daten der Messstation Erfurt/Weimar zeigen: In den vergangenen 30 Jahren gab es im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961 bis 1990 circa 18 Tage pro Jahr weniger, an denen eine Schneedecke liegen blieb. Auch nehmen die milden Winter seit 1990 stark zu: Ausnahmslos alle Gemeinden verzeichneten einen Rückgang der Eistage um zehn bis 20 Prozent.

Winter werden insgesamt milder

Neben der Betrachtung der Schneetage sind Temperaturveränderungen im Winter anhand des Rückgangs der Frost- und Eistage sichtbar. Gibt es einen Rückgang dieser Eis- und Frosttage, deutet das auf milder werdende Winter hin.

Umfangreiche Analyse in ganz Mitteldeutschland

Für die Analyse wurden Datensätze des regionalen Klimainformationssystems für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen analysiert. Dabei wurden die Werte nach Gemeinden aufgeschlüsselt. Die zeitliche Veränderung wird durch den Median der Zeitabschnitte 1961 bis 1990 und 1991 bis 2019 dargestellt.

Was beschreibt der Medianwert?

Ein Medianwert liegt genau in der Mitte einer Datenverteilung. Zum Beispiel liegt der Medianwert der Frostwerte in Gösen von 1961 bis 1990 bei 98 Frosttagen. Das heißt: In der Hälfte der übrigen Jahre wurden mehr als 98 Frosttage in Gösen verzeichnet, in der anderen Hälfte der Jahre weniger als 98. Der Medienwert beschreibt die Anzahl der Frosttage, der genau in der Mitte aller gemessener Frosttage pro Jahr liegt.

Zahl der Frosttage geht zurück

Die Anzahl der Frosttage ist in allen Gemeinden Thüringens zurückgegangen. Am deutlichsten in den Gemeinden Petersberg, Gösen, Waldeck, Heideland, Schkölen und Eisenberg. In Petersberg beispielsweise gab es zwischen 1961 und 1990 noch 99,5 Frosttage, in den 30 Jahren danach waren es nur noch 78. Das ist fast ein Viertel weniger. Die Zahlen der anderen aufgezählten Gemeinden sind ähnlich. Die Orte liegen alle zwischen 250 und 350 Metern Höhe.

Temperatur spielt eine große Rolle

An der Änderungen der bodennahen Lufttemperatur sind die Folgen des Klimawandels am deutlichsten zu sehen. Nur wenige Zehntel Grad Celsius machen den Unterschied zwischen Schnee und Regen. In den Wintermonaten sind wir nah an der Schneegrenze.

In den Höhenlagen Thüringens über 800 Meter wird die Anzahl an Eistagen Werte erreichen, wie sie heute im Raum Stuttgart-Karlsruhe herrschen.

Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz

Liegen die Werte am Boden um den Gefrierpunkt, ist die Wahrscheinlichkeit für Schneefall am größten. Nach dem Klimaexperten des Thüringer Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz, Stefan Brune, fällt der meiste Schnee bei etwa minus zwei Grad Celsius. Sobald es wärmer wird, gibt es eher Regen.

Was sind Temperaturanomalien?

Klimaveränderungen werden in Anomalien dargestellt. Temperaturanomalien sind gemessene Abweichungen zwischen den Temperaturen zweier Zeitperioden. Sie beschreiben, inwieweit sich Temperaturwerte im Vergleich zu den Temperaturwerten eines festgesetzten Referenzzeitraums verhalten. Als Referenzperiode wurde der Zeitraum zwischen 1961 und 1990 festgesetzt. Zum Beispiel vergleicht man den Februar 2021 mit dem durchschnittlichen Februarwert der Jahre 1961 bis 1990.

Wetter ist nicht gleich Klima: Man muss längere Zeiträume untersuchen, um Klimaentwicklungen feststellen zu können. Betrachtet werden deswegen meist Zeiträume von mindestens 30 Jahren.

Projektionen für künftige Winter in Thüringen

Das Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz hat berechnet, wie sich die Temperaturen in Thüringen in den kommenden 80 Jahren entwickeln werden: "In den Höhenlagen Thüringens über 800 Meter wird die Anzahl an Eistagen Werte erreichen, wie sie heute im Raum Stuttgart-Karlsruhe herrschen."

Lagen die Eistage über 800 Höhenmetern von 1961 bis 1990 durchschnittlich noch bei 66,4, waren es zwischen 1988 und 2017 durchschnittlich nur noch 53,9 Eistage. Für die Jahre von 2021 bis 2050 schätzt das Modell die Eistage nur noch auf durchschnittlich 45 pro Jahr, von 2071 bis 2100 sogar nur noch auf 19,6.

Was zeigen Klimamodelle?

Ein Klimamodell analysiert unter Annahme von verschiedenen Szenarien, wie sich die Klimaverhältnisse möglicherweise verändern werden: Ein Klimaszenarium beschreibt zum Beispiel eine Zukunft mit Klimaschutzmaßnahmen, ein anderes beschreibt eine Zukunft ohne konsequente Klimaschutzmaßnahmen.

Aus diesen Modellen kann man Klimaprojektionen ablesen. Die Berechnungen sind keine sicheren Prognosen, sondern schätzen, wie wahrscheinlich diese Klimaszenarien eintreten.

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Bildrechte: MDR / Oliver Betke

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