Knappes Agrarland in Deutschland Warum ein deutscher Bio-Bauer ukrainische Felder bestellt

In Deutschland können viele Landwirte kaum noch mit den steigenden Preisen für Agrarland mithalten. Das treibt manche ins Ausland. So baut ein deutscher Bio-Bauer in der Ukraine Getreide an – trotz des Krieges.

Bio-Landwirt Michael Dihlmann mit Sohn Klaus vor einem Mähdrescher, bei der Gerstenernte.
Bio-Bauer Michael Dihlmann und sein Sohn Klaus bei der Arbeit auf dem Feld. Bildrechte: MDR/Jörg Pfeifer

Michael Dihlmann ist Bio-Landwirt in der Altmark in Sachsen-Anhalt. Im Moment sind seine Gedanken aber häufig in der Ukraine, wo er mit mehreren Mitarbeitern einen zweiten Betrieb führt. Vor sieben Jahren hat Dihlmann angefangen, in der West-Ukraine Land zu pachten. Auf rund 550 Hektar baut er im Bezirk Iwano-Frankiwsk Mais und Weizen an und gerade hat er dasselbe Problem, wie alle ukrainischen Kollegen seit Beginn des russischen Angriffskrieges: Die Getreide-Lager sind voll und werden eigentlich für die neue Ernte gebraucht. "Die normalen Handelswege über Mariupol oder Odessa, übers Schwarze Meer sind nicht mehr da. Und LKW stehen gerade 14 Tage an der Grenze," schildert der Landwirt dem MDR die Auswirkungen des Krieges für die Bauern.

Ukraine als Alternative zu teurem deutschen Ackerland

Ursprünglich hat Dihlmann angefangen, Land in der über 1.000 Kilometer entfernten West-Ukraine zu bewirtschaften, weil Ackerflächen hierzulande gerade für kleine Betriebe unerschwinglich geworden sind. Zwischen 1995 und 2020 sind laut Statistischem Bundesamt die Preise für einen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche im Osten Deutschlands um 293 Prozent auf durchschnittlich knapp 17.000 Euro gestiegen. Dihlmann ist in der 14. Generation Landwirt. Wenn er daran denkt, eines Tages seinen Hof an seine fünf Kindern zu vererben, muss er sich eingestehen, dass fünf kleine Parzellen keine Überlebenschance hätten. Denn um eine Familie ernähren zu können, braucht ein Hof je nach Ausrichtung etwa 200 Hektar Land. 

Immer mehr Agrarflächen gehören Investoren

"Ackerland gehört in Bauernhand", zitiert Tina Andres vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft den Slogan, der bei Bauernprotesten gegen das sogenannte Landgrabbing deutschlandweit zu hören ist. "Jungbäuerinnen und -bauern müssen Zugang zu Land bekommen. Der Ausverkauf von Land an Investorengruppen – gerade im Osten – stellt ein großes Problem dar," betont Andres im Gespräch mit dem MDR. Das Statistische Bundesamt gibt für 2020 an, dass 53 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Ostdeutschland in der Hand von teils branchenfremden Unternehmensgruppen wie Banken, Versicherungen und Pharmaunternehmen sind. In Westdeutschland sind es dagegen nur 31 Prozent. Beunruhigend für die Bauern: In den letzten Jahren nimmt der Anteil des Landes, der Investoren gehört, stark zu.

Tina Andres vom Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft: Der Verband vereinigt Erzeuger, Verarbeiter und Händler unter einem Dach.
Tina Andres vom Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft: "Ackerland gehört in Bauernhand". Bildrechte: MDR/Jörg Pfeifer

Wenn landwirtschaftliche Flächen verkauft werden, gehen kleine Betriebe meist leer aus. So erging es auch Boris Pfaff. Er betreibt in Thüringen im Nebenerwerb eine Bio-Landwirtschaft mit 22 Hektar Land und hält 16 Rinder. Im Hauptberuf ist er Anwalt mit Schwerpunkt Agrarrecht. Vor kurzem hat Pfaff sich auf eine Ausschreibung für 10 Hektar kommunales Pachtland beim Landratsamt Bad Salzungen beworben. Da die Behörde in den Ausschreibungsbedingungen schrieb, sie sei nicht daran gebunden, dem Höchstgebot den Zuschlag zu geben, hatte Pfaff sich als Betreiber eines Bio-Betriebs Chancen ausgerechnet. "Dann kam jedoch die Absage, mit dem Hinweis, dass wiederum nur nach dem Höchstgebot verfahren worden ist," kritisiert Pfaff im Gespräch mit dem MDR. "Nach altbewährter Methode: Wer am meisten bezahlt, bekommt es."

Das Problem der Bodenspekulation sei keineswegs neu, erklärt der Bio-Bauer. Schon vor 60 Jahren wurde in der Bundesrepublik das Grundstücksverkehrsgesetz erlassen, das beim Verkauf landwirtschaftlich genutzter Flächen ab einer bestimmten Größe eine behördliche Genehmigung vorsieht. Jedoch umgehen Investoren das Gesetz regelmäßig mit sogenannten Share Deals: "Sie kaufen die Anteile der jeweiligen Genossenschaft oder GmbH. Sie kaufen nicht das Land an sich, sie kaufen die Firma," so der Bio-Landwirt und Jurist Pfaff. Ein Problem, für das viele Bauern seit Jahren eine politische Lösung fordern.

Boris Pfaff mit einer seiner Kühe.
Anwalt und Nebenerwerbs-Landwirt Boris Pfaff mit einer seiner Kühe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nebenerwerbs-Landwirt Pfaff wünscht sich, seinem heute 10-jährigem Sohn einmal einen Grundstock an Land vererben zu können, so dass der von der Landwirtschaft im Hauptbetrieb leben kann. "Aber im Moment ist es schlecht, Land zu bekommen", stellt Pfaff fest.

Auswege für kleine Landwirtschafts-Betriebe

Während Pfaff seine Landwirtschaft durch seinen Hauptberuf als Anwalt gegenfinanziert , hat Bio-Bauer Dihlmann sich dafür entschieden, über mehrere Grenzen hinweg zu wirtschaften – in Deutschland und in der Ukraine: "Zurzeit trage ich mein Geld noch ins Ausland und investiere es dort. Das ist eigentlich nicht richtig. Hier verdientes Geld sollte auch hier investiert werden," findet Dihlmann. Jetzt im Krieg allerdings sind die Grenzen und Verkehrswege ein echtes Problem geworden. Und so investiert Landwirt Dihlmann – wie seine Berufskollegen in der Ukraine – viel Geld und Geduld, um seine Ernte überhaupt aus dem von Russland angegriffenen Land herauszutransportieren.

Sendungshinweis: Pandemie und Krieg steigern die Nachfrage nach regionalen Produkten und Bio-Lebensmitteln. Die Dokumentation "Bio-Boom im Osten – der Preis der Nachhaltigkeit" zeigt, was sich hinter der Kulisse des expansiven Marktes abspielt und wie ostdeutsche Landwirte vom Bio-Boom auch profitieren können. Jetzt in der Mediathek und am 24. August um 20.15 Uhr im MDR Fernsehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 24. August 2022 | 20:15 Uhr

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