Spitzeln für den Staat Belarus: Hacker enttarnen Tausende Denunzianten

Denunziantentum hat in Belarus Tradition – es war schon zu Sowjetzeiten verbreitet. Nach der gefälschten Präsidentenwahl griffen "loyale Bürger" wieder besonders oft zum Telefonhörer, um ihre Nachbarn, Kollegen oder Verwandte wegen "oppositioneller Umtriebe" anzuzeigen. Doch nun müssen sich die Zuträger mäßigen, denn Hacker veröffentlichen ihre Daten im Internet – mit Klarnamen, Adresse und Telefonnummer.

Screenshot einer Interaktiven Karte mit Namen und Adressen von Denunzianten in Belarus.
Auf einer interaktiven Karte haben Hacker von der Gruppe "Cyberpartisanen" die Daten von mehr als 4.200 regimetreuen Denunzianten in Belarus veröffentlicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer in Belarus wissen möchte, vor welchem seiner Nachbarn er sich in Acht nehmen muss, kann das nun bequem im Internet erfahren – dank einer interaktiven Karte der oppositionsnahen Hackergruppe "Cyberpartisanen". Dort sind Meldungen verzeichnet, die während der großen Protestwelle im Jahr 2020 telefonisch bei der Polizei eingegangen sind. Die Hacker ziehen dabei keine Samthandschuhe an – sie geben die Namen der Zuträger an, die Telefonnummer und den Inhalt der jeweiligen Denunziation, so wie er in der gehackten Datenbank der Polizei gespeichert ist. Im September wurden die ersten 2.842 Datensätze veröffentlicht, im November folgten 1.440 weitere.

Denunzianten verpfeiffen Lukaschenko-Gegner

Negative Rekordhalterin ist den "Cyberpiraten" zufolge eine gewisse Larissa Klimaschewskaja, Jahrgang 1964, wohnhaft in Minsk. Sie hat mehr als 46 Denunziationen auf ihrem Konto – man könnte daraus fast eine Chronik der vielfältigen Protestformen nach der gefälschten Präsidentenwahl zusammenstellen.

Eine Gruppe läuft durch die Gegend, etwa 300 Menschen. Sie schreien: Es lebe Belarus!

Eine Gruppe von 30 Personen hält eine 30 Meter lange Fahne in Weiß-Rot-Weiß. Vorbeifahrende Autos hupen und blinken.

Zusammenrottung von Menschen am Eingang der Linguistik-Universität, etwa 50 Personen. Sie singen Lieder und halten weiß-rot-weiße Fahnen in den Händen.

Telefonische Anzeigen blackmap.org

So wie Klimaschewskaja verpetzen einige Tausend regimetreue Belarussen ihre Mitbürger. Dabei machen sie genaue Angaben zum Ort des Geschehens, damit die Einsatzkräfte schnell anrücken können. Manche verraten zum Beispiel, in welchem Treppenaufgang sich die Demonstranten vor den Einsatztruppen der Polizei verstecken, andere informieren, wo die verbotenen weiß-rot-weißen Unabhängigkeitsfahnen genäht werden, wieder andere beschweren sich über Nachbarn, die sie zur Teilnahme an Protesten überreden. Eine Oma meldet ihren zur Demo aufbrechenden Enkel, ein Sohn beklagt sich über seine wenig regimehörige Mutter.

Proteste vor der Belarussischen Fahne
Weiß-rot-weiß war die erste Fahne von Belarus nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991. Lukaschenko ließ sie 1995 durch die leicht geänderte rot-grüne Fahne der ehemaligen Sowjetrepublik Belarus ersetzen. Die Opposition verwendet aber die alten Nationalfarben. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

In den ersten Tagen nach der Veröffentlichung erlebte die Seite mit diesen Enthüllungen einen regelrechten Ansturm. Nach Angaben der "Cyberpartisanen" verzeichnete sie allein in der ersten Woche rund 100.000 Aufrufe. Die Hacker haben übrigens eine Art Berufungsverfahren vorgesehen: Menschen, die sich zu Unrecht an den Pranger gestellt sehen, konnten eine Überprüfung beantragen. Meist stellte sich dabei heraus, dass nicht der Anschlussinhaber bei der Polizei angerufen hatte, sondern ein in der Familie lebender Senior: die Oma oder der Opa. Denn bei einem Großteil der Denunzianten handelt es sich um ältere Menschen, die in Zeiten der Sowjetunion sozialisiert wurden – und damals war ein solches Verhalten weit verbreitet.

Dass die Angaben der Wahrheit entsprechen, ist inzwischen hinreichend belegt. Die Telefonnummern stimmen mit den Einträgen im Telefonbuch überein. Journalisten der polnischen Wochenzeitung "Polityka" haben einige der Zuträger angerufen – alle haben ihr Tun bestätigt, einige gaben sich selbst nach ihrer Enttarnung angriffslustig und drohten, auch die Journalisten anzuzeigen.

Blogger nimmt Denunzianten aufs Korn

Der Blogger Andrei Pauk, inzwischen aus Belarus nach Litauen geflüchtet, ging noch einen Schritt weiter und führte die Denunzianten auf seinem YouTube-Kanal vor: Er rief einige an und gab sich als Offizier der Polizei aus, der sich für die "Mitarbeit" bedanken möchte.

Andrei Pauk: Einen schönen guten Morgen, Lydzia Aliakseeuna, hier ist Major Zaprelou, Sie haben uns von einer Flagge am Haus berichtet. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken. Kommen Sie bitte vorbei, damit wir Ihnen eine Dankurkunde und ein Päckchen Pralinen überreichen können. Wir möchten mit Ihnen außerdem über weitere Zusammenarbeit sprechen.

Denunziantin: Ach wirklich? Ich habe eine neue Nachricht für Sie. Sie wissen ja wohl, es gibt diese oppositionellen Flugblätter. Die wurden in unsere Briefkästen eingeworfen. Ich habe sie alle eingesammelt, wusste aber nicht, wohin damit.

Andrei Pauk: Nehmen Sie die mit! Zimmer 27. Wir würden uns freuen!

Рудабельская паказуха YouTube

Screenshot aus dem Vlog von Andrei Pauk, in dem er belarussische Denunzianten vorführt.
Der Blogger Andrei Pauk nimmt die Denunzianten auf seinem YouTube-Kanal aufs Korn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele der Angerufenen haben den spöttischen Ansatz nicht durchschaut – vielleicht, weil es sich bei den Denunzianten meist um ältere Menschen handelt.

Zahlreiche Hacker-Enthüllungen in Belarus

Es ist nicht die erste Aktion dieser Art in Belarus. Zuvor wurden bereits Videos aus den Gefängnissen veröffentlicht, in denen festgenommene Demonstranten misshandelt wurden, ebenso wie Telefongespräche, Adressen, Telefonnummern und Autokennzeichen der treuesten Staatsdiener und brutalsten Regimeschergen. Auf außerordentlich großes Interesse stieß eine Datenbank mit den Telefonnummern der OMON-Polizisten – einer Spezialeinheit, die sich während der Massenproteste einen Namen als besonders brutale Schlägertruppe machte. Viele Menschen riefen sie an und wollten gerne mit ihnen diskutieren.

Ihre Wut auf die OMON-Leute brachten die Menschen damals unterschiedlich zum Ausdruck – vor dem Haus von OMON-Chef Dzmitry Balaba verkündete ein Graffito unter anderem "Balaba ist ein Mörder", das Auto eines Ermittlers, der für politische Strafverfahren zuständig war, ging in Flammen auf, viele Beamte erhielten zahllose Drohungen über Messenger-Dienste.

Spezialeinheiten tragen einen Menschen
Beamte der Spezialeinheit OMON sind durch ihr brutales Vorgehen bei Protesten berüchtigt. Gegen sie richtete sich eine frühere Hacker-Aktion, bei der Telefonnummern und Autokennzeichen der OMON-Mitglieder veröffentlicht wurden. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Inzwischen sind Polizisten und andere Staatsdiener sehr vorsichtig – ihre Gesichter werden kaum noch gezeigt. Wenn ein Beamter als Zeuge vor Gericht aussagt, macht er das fast immer mit verstecktem Gesicht und unter einem fiktiven Namen. Bei einem Treffen von Armeeoffizieren mit Lukaschenko wurden im Staatsfernsehen sämtliche Gesichter unkenntlich gemacht.

Justiz greift durch – auch gegen Normalbürger

Die Justiz versucht, hart durchzugreifen – nicht nur gegen die Hacker selbst, sondern auch gegen normale Bürger, die deren Enthüllungen konsumieren. Chats von Hackergruppen, die im Messengerdienst "Telegram" solche Informationen posten, werden von Gerichten als extremistische Gruppen eingestuft. Damit können alle Follower solcher Chats – also nicht nur Moderatoren, sondern auch stille Leser – bis zu sechs Jahre Haft aufgebrummt bekommen. Die Hacker selbst werden aber in den meisten Fällen ungeschoren davonkommen – sie konnten sich rechtzeitig ins Ausland absetzen. Nur vier von denen, die es nicht geschafft haben, das Land zu verlassen, sitzen auf der Anklagebank. Ihnen drohen bis zu vier Jahre Haft.

Die jüngste Aktion der "Cyberpartisanen" ist mit der Veröffentlichung der Denunziantendaten im Internet übrigens noch nicht beendet. In den Städten von Belarus sind inzwischen Aktivistinnen und Aktivisten unterwegs, die am Eingang der betreffenden Häuser Aufkleber anbringen: "Hier wohnt ein Zuträger". Und die Hacker haben weitere Updates ihrer Denunziantenkarte angekündigt.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 11. Dezember 2021 | 06:30 Uhr

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