Russland-Ukraine-Krise Warum steht der Donbass im Zentrum des Konflikts?

Die Russland-Ukraine-Krise dreht sich um den Donbass, eine Region im Osten der Ukraine. Die rohstoffreiche Region wurde schnell zu einem Industriegebiet. Seit dem Krieg 2014 sind viele Menschen von dort geflüchtet.

Blick auf ein Stahlwerk in Alchevsk
Der Donbass war einst eine große Industrieregion, ähnlich wie das Ruhrgebiet. Bildrechte: dpa

Der Donbass, auch das Donezk-Becken, bezeichnet eine rohstoffreiche Region im Osten der Ukraine bis hinein ins angrenzende Russland. Die ukrainischen Verwaltungsbezirke Luhansk und Donezk bilden den Großteil der Region Donbass ab.

Guido Hausmann ist Osteuropahistoriker am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung. Die Entwicklung des Donbass beschreibt er so: "Das ist eine dünn besiedelte Steppenregion gewesen und dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen Unternehmer hier hin und es wurde eine Bergbauregion: Kohle und Eisenerze werden hier abgebaut. Diese Region wird dann sehr schnell aufgesiedelt."

Sowohl Menschen aus der Ukraine als auch aus Russland hätten sich angesiedelt, um in den Minen und Bergwerken zu arbeiten, sagt Hausmann: "Und so entsteht innerhalb weniger Jahrzehnte hier eine Industrieregion, vergleichbar wie das Ruhrgebiet."

Fluchtbewegung aus dem Donbass seit 2014

In der Sowjetunion galt der Donbass mit der Kohleindustrie rund um die Städte Luhansk und Donezk und der Stahlindustrie im Südosten als Vorzeigeindustrieregion. 6,5 Millionen Menschen haben in den beiden Verwaltungsgebieten Luhansk und Donezk mal gelebt. Verlässliche aktuelle Zahlen gebe es aber nicht, sagt Sozialgeografin Sabine von Löwis: "Es ist davon auszugehen, dass es sehr viel weniger sind, da schon seit Beginn des Krieges 2014 sehr viele Menschen geflüchtet sind."

Von Löwis leitet den Forschungsbereich "Konfliktdynamiken und Grenzregionen" am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien. Seit die russischen Separatisten große Teile der Verwaltungsbezirke Luhansks und Donezks besetzt haben, sei vor allem dort die Wirtschaft stark eingebrochen: "Die Menschen arbeiten da zum Teil noch, aber viele Schächte und viele Industriebetriebe sind auch geschlossen. Sie arbeiten manchmal noch schwarz in diesen Kohlebergwerken und was auch sehr stark ist, ist eine Schattenwirtschaft, die sich entwickelt hat."

Donbass im Abstieg

Auch der Osteuropahistoriker Guido Hausmann spricht von einer Region im Abstieg. Für die Ukraine sei der Donbass aber trotzdem kulturell und auch wirtschaftlich weiter wichtig. Über die Hafenstadt Mariupol, derzeit noch nicht von russischen Separatisten besetzt, wird noch immer Stahl exportiert und wichtige Oligarchen betreiben dort ihre Geschäfte.

Für Putin seien die Verwaltungsbezirke Luhansk und Donezk wichtig, weil sie es für die Ukraine sind, sagt Hausmann: "Insofern sehe ich für Russland hier eher eine strategische Bedeutung und weniger eine wirtschaftliche Bedeutung, die ich nicht ganz absprechen will – aber weil Russland auch eine ganze Reihe anderer Industrie- und Bergbauregionen hat, die Ukraine aber nicht."

Eine wirtschaftlich und in ihrer Souveränität geschwächte Ukraine, die sich pro-russisch orientiert: Darin sieht Hausmann Russlands Hauptinteresse am Donbass.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Februar 2022 | 16:48 Uhr

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