Umfrage Warum die Tschechen ihre Liebe zur EU neu entdecken

Eigentlich gelten die Tschechen als eine der EU-skeptischsten Nationen in der Gemeinschaft. Doch die Corona-Pandemie lässt die Zustimmungswerte zur EU nun unerwartet nach oben schnellen. Denn während der zweiten Pandemie-Welle präsentiert sich die EU als Macher, der Impfstoffe besorgt und die Krise managt. Das gefällt den Tschechen. Auch Hilfsangebote aus Deutschland dürften zum Stimmungsumschwung beigetragen haben.

Nummernschiild eines tschechischen Fahrzeugs, auf dem der Besitzer seine Ablehnung gegenüber der EU durch üÜberkleben der EU-Sterne kenntlich machte.
Ein Autobesitzer aus Tschechiens zweitgrößter Stadt Brünn zeigt auf dem Nummernschild eindeutig, was er von der EU hält: nicht viel. Bildrechte: Cezary Bazydło

Über die EU zu meckern – das gehört in tschechischen Kneipen zum guten Stammtisch-Ton. Besonders EU-kritische Autobesitzer gehen manchmal sogar so weit, dass sie die EU-Sterne auf ihrem Nummernschild überkleben oder durchstreichen. Auch Politiker und Journalisten schlagen gern in diese Kerbe ein und malen die EU an die Wand – als schwerfälliges, bürokratisches Monster, das die Tschechen mit fragwürdigen Verordnungen betreffs Bananen-Krümmung ärgert, statt echte Probleme wie die Migration anzupacken.

Umso erstaunlicher ist das Ergebnis der jüngsten Befragung des Meinungsforschungsinstituts STEM, das die Einstellung der Tschechen zur EU regelmäßig untersucht. 57 Prozent der Tschechen sind demnach derzeit mit der EU-Mitgliedschaft ihres Landes zufrieden – für das europaskeptische Land ist das ein hoher Wert, der beste seit zehn Jahren, wie die Meinungsforscher anmerken. Der Grund für den Meinungsumschwung: Die Tschechen haben den Eindruck, dass die EU während der Pandemie endlich ihren Mann steht.

EU handelt in der Pandemie

Noch im Frühling 2020 sah die Sache ganz anders aus. Damals wurde der Kontinent von der ersten Corona-Welle gebeutelt. Viele Länder schlossen nahezu panikartig ihre Grenzen, setzten die Reisefreiheit innerhalb des Schengen-Raums aus und kritisierten, dass die EU nichts zur Bewältigung der Corona-Krise unternimmt und die Mitgliedstaaten auf sich allein gestellt sind. Tschechien ging damals tatsächlich einen eigenen Weg, führte sehr früh rigide Maßnahmen ein, schloss die Grenzen und verbot den eigenen Staatsbürgern die Ausreise, was später von der Justiz gekippt wurde. Das Land blieb so von der ersten Corona-Welle nahezu verschont, die Zustimmung der Tschechen zur EU sank aber auf 46 Prozent.

Jetzt, während der zweiten Pandemie-Welle, würdigen die Tschechen den Forschern zufolge aber die Bemühungen der EU, vor allem die effiziente Beschaffung des Corona-Impfstoffs. Sie sind außerdem froh, dass die Grenzen offen bleiben konnten und die Versorgung mit Lebensmitteln und sonstigen Waren trotz der Pandemie sichergestellt ist. Aber auch die Tatsache, dass die Tschechische Republik während der zweiten Pandemie-Welle nicht mehr so glimpflich davonkommt, sondern in den vergangenen Wochen fast täglich neue Negativrekorde bei den Infiziertenzahlen und Todesopfern aufstellte, dürfte eine Rolle spielen, erklären die Meinungsforscher.

Das erneuerte Vertrauen hängt offensichtlich damit zusammen, dass der erste Pandemie-Schock abgeklungen ist, dass die EU ihre Rolle gefunden hat und dass wir uns nicht mehr als Musterschüler in Europa fühlen.

Nikola Hořejš, Analytiker beim Meinungsforschungsinstitut STEM

Die positive EU-Wertung sei auch deshalb bemerkenswert, weil die Menschen ihre persönliche Lebenssituation insgesamt nicht sonderlich positiv sehen, betont STEM-Analytiker Nikola Hořejš. Deshalb werde es sehr wichtig sein, wie das Corona-Hilfspaket der EU in Zukunft greift, denn die tschechische Wirtschaft sei von Exporten abhängig, die zu 80 Prozent in andere EU-Länder gingen, so Hořejš. Zwei Drittel der Befragten glauben, dass Tschechien in die Rezession abrutscht, wenn die Wirtschaft in der EU nicht wieder in Schwung kommt.

Corona-Hilfen aus Deutschland

Eine Rolle beim Aufpolieren des EU-Images dürften auch deutsche Hilfsangebote gespielt haben. Zu Beginn der zweiten Pandemie-Welle im Herbst war Deutschland noch deutlich weniger betroffen als Tschechien. Sachsen und Bayern hatten damals angeboten, tschechische Covid-19-Patienten zu behandeln, sollten die Betten in tschechischen Krankenhäusern knapp werden. Außerdem schickte Deutschland Anfang November 100 Beatmungsgeräte nach Tschechien. Zwei Wochen lang halfen zwei Bundeswehr-Ärzte außerdem im Prager Feldkrankenhaus für Corona-Patienten mit.

Tschchiens Außenminister Tomáš Petříček nimmt 100 Beatmungsgeräte in Empfang, die Deutschland der Tschechischen Republik geschenkt hat (3. November 2020)
Tschechiens Außenminister Tomáš Petříček (rechts) nimmt 100 Beatmungsgeräte aus Deutschland in Empfang. Bildrechte: Tschechisches Außenministerium

Insgesamt gelten die Tschechen aber nach wie vor als große EU-Skeptiker. Doch woher kommt das? Viele nehmen die EU als Projekt der Eliten wahr, die keine Ahnung vom Leben des "kleinen Mannes" hätten. Eine gewisse Rolle spielen auch Medien, die sich im Kampf um Leser, Reichweiten und Quoten eher auf die umstrittenen, negativen Aspekte der EU stürzen. Einen Beitrag leisten nach Ansicht mancher Politologen auch Fake-News und Desinformationskampagnen, die die EU untergraben wollen. Die größte Rolle spielen aber die Krisen, die die EU im letzten Jahrzehnt erschütterten.

Euro- und Migrationskrise begruben das Vertrauen in die EU

Die höchsten Zustimmungswerte hatte die EU unmittelbar nach dem tschechischen Beitritt im Jahr 2004. Im Jahre 2009 waren sogar 69 Prozent der Befragten zufrieden mit der EU-Mitgliedschaft ihres Landes – der bisherige Rekord. Die Euro-Krise und das griechische Schuldendrama ab 2010 erschütterten jedoch das Vertrauen der Tschechen in die Gemeinschaft – die Zustimmungswerte sanken auf deutlich unter 50 Prozent. Im Jahr 2016 rauschten sie infolge der Flüchtlingskrise völlig in den Keller – auf den historischen Tiefststand von nur 35 Prozent.

Dramatisch hat sich auch die Einstellung der Tschechen zur Gemeinschaftswährung Euro verändert. Unmittelbar nach der EU-Osterweiterung wollte die Mehrheit der Bürger den Euro irgendwann in ihren Portemonnaies begrüßen – seit der Eurokrise 2010 sind aber nahezu unverändert drei von vier Tschechen dagegen, auch wenn die Ablehnung in diesem Jahr auf "nur" 69 Prozent leicht abgesunken ist. Die tschechische Krone wird vielfach als Synonym für Stabilität wahrgenommen und steht symbolisch für das tschechische "Wirtschaftswunder" nach 1989 – damit hat sie eine ähnliche emotionale Bedeutung wie einst die D-Mark bei uns.

Ein "Czexit" droht allerdings nicht, in Umfragen ist nur eine Minderheit der Tschechen dafür – sie würden die Gemeinschaft aber gern reformieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Dezember 2020 | 14:15 Uhr

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