Corona-Pandemie Impfen in Russland: "Spritz"-Tour durchs Hinterland

Wie kommen in Russland die Corona-Impfungen auch in die entlegensten Regionen? Schon alleine durch seine Größe hat Russland in dieser Hinsicht ein logistisches Problem. Doch Moskau hat dafür eine brauchbare Lösung gefunden: Impfzüge. "Fjodor Uglow" ist einer von ihnen und für die sibirische Region Irkutsk zuständig. Er soll die Spritze in die entlegensten Orte bringen und so zum Erfolg der russischen Impfkampagne beitragen – denn bislang lässt der noch auf sich warten.

Russland hat ein weitverzweigtes Eisenbahnnetz, das tief in die unermesslichen Weiten des Landes reicht. Nun soll es helfen, die flächendeckende Impfung der Bevölkerung voran zu treiben. Dafür wurden "Züge der Gesundheit" mit zusätzlichen Impfwaggons ausgestattet. Sie fahren jene Dörfer und Städte an, die zwar an den Bahnverkehr angeschlossen sind, aber fern der regionalen Zentren liegen.

Zwei Menschen vor einem Zug
Ein "Zug der Gesundheit" auf einem Halt in einer sibirischen Kleinstadt. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Vichorewka zum Beispiel. Die sibirische Kleinstadt zählt etwas mehr als 20.000 Einwohner und liegt an der Baikal-Amur-Magistrale. Die regionale Hauptstadt Irkutsk ist mehr als 600 Kilometer entfernt, bis Moskau sind es fast zehn Mal soweit. Zwar gibt es im Ort ein kleines Krankenhaus, Impfungen oder Spezialuntersuchungen hat die Klinik allerdings nicht im Angebot. Dafür müssen die Menschen lange Wege auf sich nehmen. Züge wie "Fjodor Uglow" – benannt nach einem verdienten sowjetischen Chirurgen – sollen ihnen diesen Aufwand ersparen.

"Fjodor Uglow" ist für das Irkutsker Gebiet zuständig, das alleine doppelt so groß ist wie Deutschland. Seit seiner ersten Fahrt im Jahr 2010 steuert der Medizinzug Monat für Monat auf verschiedenen Routen die entlegensten Orte der Region an. Doch seit diesem März muss er jede Strecke zwei Mal fahren, denn auch der russische Impfstoff "Sputnik V" muss in zwei Dosen verabreicht werden.

Eine Impfung in einem Zugabteil
Corona-Impfung mit "Sputnik V" im Impfzug "Fjodor Uglow". Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Mit "Sputnik V" an Bord

Eigens dafür ist an den "Zug der Gesundheit" ein zusätzlicher Waggon angekoppelt worden – mit drei Impfkabinen sowie Kühlmöglichkeiten für den Impfstoff. Auf seiner ersten Spezialtour steuerte der medizinische Zug 15 Bahnhöfe entlang einer Strecke von über 4.000 Kilometern an.

Die Leute würden gerne zu ihnen kommen, erzählt Jevgenij Borodin, Chefarzt des "Fjodor Uglow", der lokalen Nachrichtenseite t24.su. So viele Fachärzte – neben Internisten arbeiten auch Chirurgen, Neurologen, HNO-Ärzte, Endokrinologen, Urologen und Gynäkologen an Bord – finde man in sibirischen Kleinstädten nur selten an einem Ort. Außerdem seien die Wartezeiten kurz und niemand würde je abgewiesen.

Osteuropa

Russland, 11.09.2018 Wenn die Poliklinik zum Patienten kommt

In den engen Gängen des Zuges warten Patienten auf ihren Behandlungstermin.
Was auf den ersten Blick wie ein überfüllter Zug aussieht, ist in Wirklichkeit ein Wartezimmer. Die Menschen hier wollen zum Arzt. Bildrechte: Emile Ducke
In den engen Gängen des Zuges warten Patienten auf ihren Behandlungstermin.
Was auf den ersten Blick wie ein überfüllter Zug aussieht, ist in Wirklichkeit ein Wartezimmer. Die Menschen hier wollen zum Arzt. Bildrechte: Emile Ducke
Der Klinikzug während seines Aufenthalts in Son. Der Zug besteht aus 13 Waggons.
Die Mediziner, auf die die Patienten warten, praktizieren in diesem Zug. Eine rollende Poliklinik - untergebracht in 13 Waggons. Bildrechte: Emile Ducke
Ein Mann holt Wasser aus einer der Pumpen im Dorf€“ nur wenige Häuser in Son verfüˆgen üˆber flieߟendes Wasser.
In vielen Gegenden Sibiriens ist die ärztliche Versorgung so schlecht, dass der Staat als Notversorgung fünf Krankenhaus-Züge auf der Baikal-Amur-Magistrale rollen lässt. Bildrechte: Emile Ducke
Patienten warten vor dem Registrierungswaggon am Beginn des Zuges auf Einlass.
Einer dieser Züge ist der "Heilige Lukas". Er geht zehn Mal im Jahr auf die Reise. Für jeweils zwei Wochen. Bildrechte: Emile Ducke
Erste Station des Klinikzuges auf seiner Route im November 2016 ist Son.
Je nach Einwohnerzahl der Stationen, hält der Krankenhaus-Zug ein bis drei Tage. Bildrechte: Emile Ducke
In einem Waggon am Beginn des Zuges werden die Patienten registriert und bekommen ihren Behandlungstermin zugewiesen.
Drinnen läuft alles so ab, wie man es aus jeder Arztpraxis oder Klinik kennt: Anmelden, Termin abfassen und ... Bildrechte: Emile Ducke
In den engen Gängen des Zuges warten Patienten vor den Arztabteilen auf ihre Behandlung und Laborergebnisse.
... warten bis man dran kommt. Bildrechte: Emile Ducke
Die Allgemeinmedizinerin Ljudmila Michailowna Danilowa (links) und ihre Assistentin werten in dem kleinen Behandlungsabteil ihre Diagnosen aus.
17 Ärztinnen und Ärzte und deren Assistentinnen betreuen im "Heiligen Lukas" rund 15.000 Patienten im Jahr. Die Behandlungen sind kostenlos. Bildrechte: Emile Ducke
Jewgeni aus Son unterzieht sich in einem Behandlungsabteil der EKG-Diagnostik.
Der Diagnose-Zug hat nahezu alles zu bieten, was eine moderne Poliklinik im Programm hat: EKG, Labordiagnostik, Ultraschall ... Bildrechte: Emile Ducke
Wladimir Pawlowitsch Kuzmin hat fast alle Ąrzte des Klinikzuges konsultiert.
...eine Röntgen-Apparatur, Augenarztpraxis ... Bildrechte: Emile Ducke
Elena Semina aus Kuragino wartet auf den Beginn der EEG-Diagnostik.
...und mit einem EEG können auch die Hirnströme gemessen werden. Wer ernsthaft krank ist, wird zur Weiterbehandlung in Krankenhäuser der nächstgelegenen Großstadt überwiesen. Bildrechte: Emile Ducke
Priester Igor hält in einem Kathedralenwaggon am Zugende Gottesdienste ab, die von den Patienten vor und nach den Behandlungsterminen besucht werden.
Der "Heilige Lukas" bietet nicht nur ärztlichen, sondern auch göttlichen Beistand. Als einziger der fünf Krankenhaus-Züge hat er einen Kathedralen-Waggon. Bildrechte: Emile Ducke
Namenspatron füˆr den Klinikzug ist der Heilige Lukas, ein Priester und Arzt, der zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs in der Region Krasnojarsk wirkte.
Namenspatron füˆr den Klinikzug ist der "Heilige Lukas" - Walentin F. Woino-Jassenezki, ein Priester und Arzt, der während des Zweiten Weltkriegs in der Region Krasnojarsk wirkte. (Über dieses Thema berichtete der MDR auch in "Heute im Osten - Das Magazin" | 20.09.2015 | 16:00 Uhr.) Bildrechte: Emile Ducke
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Bemühungen um eine höhere Impfquote

Die jüngste Tour sei jedoch deutlich schwieriger gewesen, als jede andere der 60 Fahrten, die er mit "Fjodor Uglow" in den letzten fünf Jahren gemacht hat, so Borodin weiter. Außer den üblichen Untersuchungen sei auch die Möglichkeit zur Impfung aktiv genutzt worden. So haben sich allein zwischen dem 10. und 29. März 2.000 Menschen eine Spritze verpassen lassen.

Der Klinikzug während seines Aufenthalts in Son. Der Zug besteht aus 13 Waggons.
Sibiriens fahrende Krankenhäuser bekämpfen nun auch die Pandemie. Bildrechte: Emile Ducke

Speziell ausgerüstete Impfzüge wie "Fjodor Uglow" zeigen, wie sehr die russischen Behörden darum bemüht sind, die Massenimpfungen im Land voran zu treiben. Denn längst ist die dritte Corona-Welle auch in Russland angekommen. Allein für März dieses Jahres hat die russische Statistikbehörde Rosstat eine Übersterblichkeit von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr festgestellt. Trotzdem kommt die Impfkampagne nur schleppend voran, obwohl sie bereits Anfang Dezember 2020 gestartet ist und damit früher als im restlichen Europa.

Früher Start, schleppender Verlauf

In der Pandemie zeigt sich die russische Bevölkerung als überaus impfskeptisch. Laut dem unabhängigen Levada-Institut wollten sich Ende Februar nur 30 Prozent der Russinnen und Russen mit "Sputnik V" impfen lassen. Augenscheinlich wird die Impfskepsis auch beim Blick ins russische Internet: Wenn man in der russischen Suchmaschine Yandex "warum" in die Suchleiste eingibt, erscheint als erster Suchvorschlag "warum es sich nicht lohnt, die Impfung zu machen".

Der "Fjodor Uglow" soll dem Misstrauen der Bevölkerung mit einer positiven Geschichte entgegentreten. Doch ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Denn die Impfkampagne läuft schleppend. Im gesamten Irkutsker Gebiet mit seinen rund 2,5 Millionen Einwohnern haben zum 20. April rund 140.000 Menschen ihre erste Impfung erhalten – gerade einmal sechs Prozent der Bevölkerung. Russlandweit ist dieser Wert mit 8,5 Prozent nur unwesentlich höher. Zum Vergleich: in Deutschland sind inzwischen über 28 Prozent der Bevölkerung erstgeimpft.

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Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell FERNSEHEN | 23. April 2021 | 17:45 Uhr

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