Ukraine-Krieg Brand in ukrainischem Atomkraftwerk nach russischem Angriff

Offenbar haben russische Einheiten in der Nacht zu Freitag das Atomkraftwerk in Saporischschja in der Ukraine angegriffen. In einem Ausbildungsgebäude brach ein Feuer aus, das am Morgen gelöscht werden konnte – Russland kontrolliert das AKW nun. Bisher gibt es nach Angaben der IAEA keine erhöhten Strahlenwerte.

IAEO-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi spricht bei einer Pressekonferenz über die Situation im Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine
IAEO-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi spricht bei einer Pressekonferenz über die Situation im Kernkraftwerk Saporischschja. Bildrechte: dpa

Bei Kämpfen nahe der ukrainischen Großstadt Saporischschja im Zentrum des Landes ist in der Nacht zu Freitag ein Feuer in einem Atomkraftwerk ausgebrochen. Nach späteren Angaben der ukrainischen Staatssicherheit war ein Ausbildungsgebäude außerhalb der Anlage von dem Feuer betroffen. Russische Truppen haben das Kernkraftwerk nach Angaben einer regionalen Behörde eingenommen. Russland teilte der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien mit, dass russische Einheiten das Gebiet um das Atomkraftwerk am Fluss Dnipro unter ihre Kontrolle gebracht hätten.

Angriff auf das AKW Saporischschja 1 min
Angriff auf das AKW Saporischschja Bildrechte: Reuters
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Russische Truppen haben das Atomkraftwerk Saporischschja angegriffen und ein Feuer in einem Ausbildungsgebäude verursacht. Die Angreifer ließen die Feuerwehr nach ukrainischen Angaben zunächst nicht gewähren.

Fr 04.03.2022 09:20Uhr 00:36 min

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Keine erhöhte Strahlung gemessen

Wie der ukrainische TV-Sender Ukraine 24 unter Berufung auf den Direktor der Anlage berichtet, besteht offenbar derzeit keine Gefahr einer radioaktiven Verseuchung. Das Betriebspersonal überwache den Zustand der Kraftwerksblöcke, teilt die Behörde in sozialen Medien mit. Die Strahlungssicherheit des Kernkraftwerks sei gewährleistet. Auch die russische Nachrichtenagentur RIA berichtet unter Berufung auf einen Sprecher des AKW, die Werte zur radioaktiven Strahlung hätten sich nicht verändert.

Gegen 6:20 Uhr Ortszeit sei der Brand ukrainischen Behördenangaben zufolge vollständig gelöscht worden. Laut IAEA sind wesentliche Ausrüstungen der Anlage verschont geblieben. Die russische Armee ließ Löschtrupps nach Behördenangaben zunächst nicht zum Brandort durch.

Kernkraftwerk Saporischschja
Bei dem Brand im AKW Saporischschja sind die nuklearen Anlagen offenbar verschont geblieben (Archivbild von 2015). Bildrechte: dpa

Zwei Mitarbeiter verletzt − kein radioaktives Material freigesetzt

Laut neueren Angaben der IAEA sind zwei Sicherheitsmitarbeiter verletzt worden. Wie die Verletzungen zustande kamen, wurde jedoch nicht mitgeteilt. Die Behörde stehe in ständigem Kontakt mit dem AKW und mit ukrainischen Behörden. Alle Sicherheitssysteme der sechs Reaktoren in dem Kraftwerk seien in keiner Weise beeinträchtigt und es sei kein radioaktives Material freigesetzt worden, sagte Rafael Mariano Grossi, der Direktor der IAEA.

Derzeit sei nur einer der sechs Reaktorblöcke in Betrieb. Die anderen seien abgeschaltet worden oder wegen routinemäßigen Wartungsarbeiten außer Betrieb. Bei dem im AKW-Gelände gelagerten abgebrannten Nuklearbrennstoff seien keine Probleme aufgetreten.

Grossi hat seine Bereitschaft angeboten, persönlich zum ukrainischen Atomkraftwerk in Saporischschja zu reisen, um vor Ort die Sicherheit der Anlage zu prüfen. Er schlug auch Verhandlungen vor Ort vor. Dabei sollten sich beide Seiten verpflichten, die Sicherheit der ukrainischen Atomanlagen zu garantieren.

Lokaler Politiker: Russische Truppen "bombardierten" AKW

Wie ein Sprecher der Atomanlage über den Kurznachrichtendienst Telegram mitteilte, wurde das AKW von russischen Truppen "bombardiert". Dem Bürgermeister einer nahegelegenen Stadt zufolge gab es heftige Kämpfe zwischen lokalen Kräften und russischen Truppen. Dies schrieb er in einem Online-Posting. Er forderte die Konfliktparteien per Telegram dazu auf, die Gefechte aus Sicherheitsgründen sofort einzustellen. Zuvor hatte er über etwa 100 russische Militärfahrzeuge in dem Gebiet berichtet. Die Angaben waren zunächst nicht unabhängig zu überprüfen.

Die IAEA verfolgt die Kämpfe in der Ukraine wegen der Unfallgefahr mit großer Sorge. Vor einer Woche hatte das russische Militär bereits die Kontrolle über den zerstörten Atomreaktor von Tschernobyl übernommen.

Selenskyi: Nuklearer Terror

Auf Twitter äußerte sich der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba in der Nacht und forderte ein sofortiges Ende russischer Angriffe auf Europas größtes Atomkraftwerk in Saporischschja: "Wenn es explodiert, wird das zehnmal größer sein als Tschernobyl!"

Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland "nuklearen Terror" vorgeworfen. Kein anderes Land der Welt habe jemals Atomanlagen beschossen, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft.

Das russische Verteidigungsministerium hingegen macht für den Angriff auf das AKW "ukrainische Saboteure" verantwortlich.

Bundesamt für Strahlenschutz behält Lage im Blick

Bei einem Besuch des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Schwielowsee äußerte sich Bundeskanzler Olaf Scholz zu dem Vorfall. Die Gefahr einer Nuklearkatastrophe habe sich nicht realisiert, man sei jedoch trotzdem auf eine Situation vorbereitet, in der es zum Austritt von radioaktiven Elementen kommen kann.

Die Lageentwicklung um die ukrainischen Atomanlagen werde weiter vom Bundesamt für Strahlenschutz beobachtet. Auch wenn das Bundesumweltministerium am Freitag erklärte, dass bisher keine Hinweise auf erhöhte Radioaktivität vorlägen. Das Ministerium erneuerte seine Warnung vor eigenmächtiger, vorsorglicher Selbstmedikation durch Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Diese "birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, hat aktuell aber keinerlei Nutzen", hieß es.

Reaktionen aus der Welt

US-Präsident Joe Biden hat Russland aufgefordert, seine militärischen Aktivitäten in dem Gebiet um das Kernkraftwerk Saporischschja einzustellen. In einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj habe Biden sich "über den aktuellen Stand des Brandes" in der Atomanlage erkundigt, teilte das Weiße Haus mit.

Als Reaktion auf den Brand forderte der britische Premierminister Boris Johnson eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats und warf Russlands Präsident Wladimir Putin vor, sein "rücksichtsloses Verhalten" gefährde "die Sicherheit von ganz Europa". Auch der Atomexperte von Greenpeace, Heinz Smital, sehe in dem russischen Vorgehen eine große Gefahr für die Gesundheit der Menschen in Europa und kommentierte den Angriff auf das Kernkraftwerk als "unverantwortlichen Wahnsinn".

Auf dem Sondertreffen der Nato-Außenminister in Brüssel verurteilte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg den Angriff auf das Atomkraftwerk scharf. Das zeige die "Rücksichtslosigkeit" Russlands in dem Krieg.

dpa/AFP/Reuters(amü)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. März 2022 | 07:00 Uhr

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