Russisch besetzte Gebiete Videos sollen Zwang bei Scheinreferenden zeigen

Bis Dienstag ließ Russland über eine Angliederung der besetzten Gebiete in der Ukraine abstimmen, demokratische Standards gab es nicht. Mehrere Videos sollen sogar zeigen, dass bewaffnete Sicherheitskräfte Menschen zu Hause besuchen.

Eine Frau stimmt während des Referendums in Donezker Volksrepublik ab.
Stimmabgabe in der Region Donezk. Das Bild stammt von der russischen Staatsagentur Tass und suggeriert eine demokratische Abstimmung. Doch zahlreiche Hinweise sprechen dagegen. Bildrechte: dpa

In den sozialen Netzwerken sind Videos zu den Scheinreferenden in den russisch besetzten Gebieten in der Ukraine aufgetaucht. Mehrere Aufnahmen wurden etwa bei Twitter gepostet und hunderttausendfach angeschaut und geteilt. Viele Nutzer nahmen sie als Beleg dafür, wie Menschen mit Waffengewalt zur Abstimmung gezwungen werden sollten. Doch was ist auf den Aufnahmen zu sehen?

Viel Aufmerksamkeit bekamen vor allem zwei Videos, nachdem sie am Freitag (23. September) von Oleksandra Matviichuk auf deren Twitter-Account gepostet wurden. Matviichuk hat bei Twitter mehr als 170.000 Follower. Sie ist Vorsitzende des Center for Civil Liberties mit Sitz in Kiew und gilt international als renommierte Menschenrechtsaktivistin.

Soldaten im Treppenhaus

Eines der Videos stammt offenbar von der Überwachungskamera im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses. Laut Matviichuk soll es aus Energodar stammen. Der Ort hat in der Vergangenheit bereits Schlagzeilen gemacht, denn an seinem Rand liegt das Kernraftwerk Saporischschja. Dorthin kamen zwischenzeitlich auch Vertreter der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), nachdem in der Nähe des Kraftwerks wiederholt Geschosse eingeschlagen waren. Das Kraftwerk befindet sich an der Front zwischen den russischen und den ukrainischen Truppen, die an der Stelle des Landes nur durch den dort sehr breiten Fluss Dnepr getrennt sind. Energodar liegt in der Nähe der Städte Melitopol und Cherson.

Das Video zeigt, wie fünf Menschen das Treppenhaus hinaufkommen und an mehrere Türen klopfen. Eine andere Frau hat eine Liste dabei, auf der mutmaßlich Namen stehen, genau lässt sich das aber nicht erkennen.

Sie und ein weiterer Mann sind in zivil gekleidet, zwei weitere Männer tragen Militärkleidung und Maschinengewehre. Bei einem der Soldaten handelt es sich vermutlich um einen Angehörigen der tschetschenischen Truppen, zu erkennen ist das an seinem rot-weiß-grünen Abzeichen. Die russische Teilrepublik Tschetschenien wird von Ramsan Kadyrow regiert, auch er hatte Truppen in die Ukraine geschickt, davon kursieren unzählige Kampfaufnahmen. In dem Video ist auf seiner Uniform der Schriftzug Omon zu lesen – das ist der Name einer direkt dem Innenministerium unterstellten Spezialeinheit der Polizei.

Auf dem Video ist weiter zu sehen, dass die Personen mehrmals an einer der Wohnungstüren klopfen und dass niemand die Tür aufmacht – die kleine Gruppe geht wieder nach unten. Gemutmaßt wurde in den sozialen Medien nun, dass die von den russischen Besatzern eingesetzten Beamten zusammen mit Soldaten Menschen zu Hause aufsuchen würden, die bis zu dem Zeitpunkt nicht an der international nicht anerkannten Abstimmung teilgenommen hätten. Das wäre ein weiterer Beleg dafür, dass die Scheinreferenden nicht demokratischen Standards entsprechen.

In einem weiteren Video, welches offenbar ebenfalls von einer Überwachungskamera in einem Treppenhaus stammt, ist zu sehen, wie ebenfalls zwei mutmaßliche Militärangehörige und Frauen in Zivil das Treppenhaus hinaufgehen. Einer der beiden Soldaten blieb auf der Etage, in der die Kamera installiert ist, stehen. Zuvor fragen sie einen Mann, der das Treppenhaus herunterkommt, ob er dort wohne. Er verneint. Die anderen Personen gehen in ein anderes Stockwerk und klopfen offenbar an eine Wohnungstür. Doch auch sie scheinen bei ihrer Suche keinen Erfolg zu haben.

Woher stammen die Aufnahmen?

Beide Videoaufnahmen wurden zuerst vom Telegram-Kanal "Echter Krieg Ukraine" geteilt und von diesem auch mit einem digitalen Schriftzug versehen. Der Kanal hat bei Telegram über 1,3 Millionen Follower und teilt dort regelmäßig Bild- und Videomaterial aus der Ukraine. Wie der Telegram-Kanal zu dem Videomaterial gekommen ist, wird nicht gesagt.

Beide Videos stammen laut Datum und Uhrzeit, die im Video eingeblendet sind, vom vergangenen Freitag. An dem Tag begannen die Scheinreferenden, sie enden an diesem Dienstag (27.9.). Die Scheinreferenden werden in den vier Regionen Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson durchgeführt. Eine hohe Wahlbeteiligung könnte von Russland als Zeichen der Legitimität für die Scheinabstimmungen herangezogen werden.

Russland könnte Gebiete zügig als Staatsgebiet deklarieren

Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, könnte Putin die Bezirke noch diese Woche als russisches Staatsgebiet deklarieren. Angriffe des ukrainischen Militärs, die mit westlichen Waffen unterstützt werden, könnten dann von Russland als direkte Angriffe auf russisches Gebiet bezeichnet werden. Der Nato könnte unterstellt werden, Kriegspartei zu sein. Die Ukraine indes will die Gebiete zurückerobern, die nach internationalem Recht zu ihrem Staatsgebiet gehören.

Fazit: Es lässt sich nicht genau klären, ob die Videos aus Mehrfamilienhäusern in den besetzten Gebieten stammen und Ende der vergangenen Woche aufgezeichnet wurden. Allerdings sprechen starke Indizien dafür: die Uniform des Soldaten, die Gespräche der Beteiligten oder die eingeblendete Uhrzeit.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. September 2022 | 13:07 Uhr

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