Luther und seine Krankheiten Falsche Ernährung, kaum Bewegung, Dauerstress

Luthers Krankheiten wurden durch zwei Faktoren erheblich verschlimmert, die heute wissenschaftlich gestützt verstärkt diskutiert werden: Ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel. Als Kind hatte Martin es gut: Bei seinen Eltern in Mansfeld kam Gutes und Feines auf den Tisch, wie es sich nur Adlige und Wohlhabende leisten konnten: Geflügel von Singvögeln über Tauben bis Gänsebraten, gutes Fleisch, viel Fisch, Weintrauben und sogar Feigen. Seinem kurzen Schulaufenthalt in Magdeburg folgte in Eisenach die Aufnahme bei der begüterten Familie Cotta. Auch als Jurastudent von 1501 an in Erfurt lebte Luther nicht schlecht und vor allem ausgelassen.

Unstete und ungesunde Ernährung

Das änderte sich schlagartig mit seinem Eintritt ins Augustinerkloster und dem Wechsel zur Theologie im Sommer 1505 im Alter von 21 Jahren. Das hieß: Kalte Schlafplätze mit unzureichender Bedeckung, karge Mahlzeiten, die ständige Pflicht zu fasten, Aufstehen um zwei oder drei Uhr nachts zum Stundengebet und auch im Winter stundenlanges Ausharren in der kalten Kirche. Dieses Leben, so meinte Luther später selbst, habe dazu geführt, "dass ich dem Körper mehr Last auferlegte, als er ohne Gefahr für die Gesundheit ertragen konnte". Oder: "Ich hätte mich bei Zeiten zu Tode gefastet, denn oft nahm ich in drei Tagen weder einen Tropfen noch ein Krümchen Brot zu mir."

Auch als Dozent ab 1511 und dann als Professor in Wittenberg lebte Luther im Augustinerkloster unstet und ungesund, wenn natürlich auch nicht mehr mit den Härten der ersten Mönchsjahre. Dazu Medizinhistoriker Hans-Joachim Neumann:

Aufgrund seines jugendlichen Alters und einer von Haus aus vorhandenen eher robusten Gesundheit vermochte sein Organismus die in dieser Zeit entstandenen Schäden noch zu kompensieren, bevor sie sich klinisch manifestierten. Aber das war nur eine Frage der Zeit. Im Kloster wurden viele Krankheiten Luthers vorprogrammiert, und an auslösenden Faktoren fehlte es später in seinem unsteten und psychisch wie physisch aufreibenden Leben wahrlich nicht.

Hans-Joachim Neumann, Medizinhistoriker

Üppige Kost auf der Wartburg und aus Katharinas Küche

Ein schlagartiger Wechsel trat nach dem großen Auftritt in Worms 1521 ("Hier stehe ich") ein, als Luther, getarnt als "Junker Jörg" auf der Wartburg lebte. Das üppige Essen war nach der Art, wie Junker – und auch Luther – es liebten. An seinen Freund Georg Spalatin schrieb er: "Der Schlosshauptmann (Hans von Berlepsch) bewirtet mich weit über das hinaus, was mir zukommt." Täglich zweimal wurde ihm von zwei edlen Knaben Essen und Trinken gebracht. Schwere Kost war Gift angesichts der sich verfestigenden mehrfachen Krankheitsbilder.

Zur Herausbildung der Verstopfung als chronisches Leiden hatte neben der schlacken- und ballastarmen Kost der Bewegungsmangel mit der Folge gestörter Darmtätigkeit (Motilität) gewiss beigetragen. Die fettreiche Nahrung und der Alkohol wiederum begünstigten die Vergrößerung der analen Schwellkörpergefäße, sprich die Entstehung von Hämorrhoiden. Burghauptmann von Berlepsch versuchte durchaus, seinem Schützling Bewegung zu verschaffen: Ausritte, Spaziergänge, Hasenjagden. Aber das war alles nicht so recht nach Luthers Geschmack.

Viel Fleisch, viel Bier

Tischlein Deck Dich – Darstellung in Martin Luthers Elternhaus in Mansfeld
Im Lutherhaus in Mansfeld kann man sehen, wie Luther und seine Familie damals speisten: üppig und mit viel Fleisch. Auch Luthers Frau Katharina tafelte später ordentlich auf. Bildrechte: MDR/Manuela Lonitz

Die Heirat mit Katharina von Bora 1525 veränderte abermals Luthers Lebensführung und den damit verbundenen Einfluss auf seine Gesundheit. Es ist richtig, dass Katharina ihm wirtschaftlich den Rücken freihielt. Gewiss hat Luther die Ehe, später zum Vorbild für das protestantische Pfarrhaus hochstilisiert, gut getan. Die Schattenseite: Luther wurde wieder "überversorgt", wie es zuvor auf der Wartburg war – viel Fleisch, viel Bier. Luther nahm zu; Fettleibigkeit (Adipositas) war die Folge.

Luther liebte Bier und genoss es reichlich. In der Vergangenheit wurde versucht, ihn zum Alkoholiker zu stilisieren. Doch diese These wird von der Luther-Forschung heute durchweg als weit überzogen und ungerechtfertigt verworfen. Im Gegenteil: Luther hatte häufig gegen übermäßiges Trinken gewettert. Als Nierensteinkranker war Bier für ihn ein gutes treibendes Mittel. Besonders das Naumburger Bier, so vermerkte er einmal, beschere ihm leichtere Morgenstühle. Die purinreiche, fettreiche Koste plus Alkohol dürfte auch seine Gicht befördert haben, an der er seit dem 50. Lebensjahr litt. Anfällen gingen oft Ess- und Trinkgelage voraus.

Ein Leben im Dauerstress

Luthers gesundheitliche Verfassung, physisch wie psychisch, lässt sich nicht trennen von anhaltendem Stress; verstärkt durch die Neigung, sich selbst ständig durch Übernahme von zusätzlichen Aufgaben zu überfordern. Allein die frühen Jahre als Student und dann Dozent waren für Luther ein einziger "Dauerlauf".

Schon 1515 klagte Martin Luther über allgemeine Erschöpfungszustände. In der Tat lag schon viel hinter ihm: Die 1512 erlangte Promotion zum Doktor der Theologie und die Übernahme der Professur für Bibelauslegung, gleichzeitig oblag ihm das Amt des Subpriors, also des stellvertretenden Leiters des Wittenberger Augustinerklosters. Ihn wühlte auf, dass das laufende Laterankonzil offenbar zu keiner echten Reform der Kirche bereit war. 1513 hatte er sein "Turmerlebnis" – die Erkenntnis von der Gnade Gottes und dem Glauben des Menschen als Grundlage der menschlichen Rechtfertigung eben vor Gott – seinen inneren Durchbruch im geistig-existentiellen Ringen.

Der Ärger über das Ablassunwesen trieb ihn so an, dass er 1517 seine 95 Thesen niederschrieb. Dann erhielt der aufmüpfige Mönch und Jungprofessor eine päpstliche Vorladung. Er sollte nach Augsburg reisen und sich dort vor Cajatan, dem Vertreter des Papstes, erklären, sprich widerrufen. Spätestens jetzt musste in dem 34-Jährigen der Gedanke an den Scheiterhaufen aufgeblitzt sein.

Jahre extremer Anspannung

Allein im Jahr 1520 veröffentlichte Luther vier seiner Hauptschriften: "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung" (darin setzte er seine theologischen Erkenntnisse in praktische Reformvorschläge um), "Der Sermon von den guten Werken" (darin nahm Luther seine neue Verhältnisbestimmung von Glauben und Werken anhand einer Auslegung der Zehn Gebote vor), "Vorspiel zur Babylonischen Gefangenschaft der Kirche, Sommer" (darin beschränkte Luther die Sakramente zunächst auf Taufe, Abendmahl und Buße) und "Über die Freiheit eines Christenmenschen" (darin entwickelte er seine Auffassung von der Glaubensfreiheit des Einzelnen).

Im Dezember desselben Jahres, 1520, verbrannte Luther öffentlich die Bulle, in der der Papst ihm mit dem Bann drohte. Und dann 1521 fand der Reichstag zu Worms statt, als es für Luther buchstäblich um Leben und Tod ging. Der Bekenntnissatz "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" war eine geniale Ergänzung im Nachhinein und Legende. Für Luthers Psyche war der authentische Triumphausspruch "Ich bin hindurch" psychologisch viel wichtiger. Dies waren Jahre extremer Anspannung! In krassem Gegensatz dazu stand die folgende Isolation auf der Wartburg, gleichzeitig aber eine Fortsetzung der psychischen Belastung. Regelmäßig beklagte er die "Einöde", "Wüstenei" und "Einsamkeit".

Herzattacken und Atemnot

Auch die Rückkehr nach Wittenberg und die Wiederaufnahme seiner Professorentätigkeit bedeuteten keineswegs ein ruhigeres, geordnetes Leben. Die reformatorische Bewegung hatte sich örtlich vielfach verselbständigt und radikalisiert. In Wittenberg ging es drunter und drüber, Luther musste eingreifen, um Eiferer auch aus seinem eigenen Kreis zu bremsen. Das Augustinerkloster war, wie auch Klöster andernorts, in Selbstauflösung begriffen. Das hieß für Luther: Wieder kein richtiges Zuhause, wieder eine Zeit des unregelmäßigen und mangelhaften Essens und Schlafens und auch der Körper- und Allgemeinpflege, zu der ein sauberes Bett zu zählen ist. Luther selbst sagte später, er habe nur gearbeitet und sei abends todmüde ins Bett gefallen, das ihm niemand machte oder reinigte. Und es habe ihm nicht einmal etwas ausgemacht. Da bedeutete die Ehe mit Katharina von Bora 1525 einen deutlichen Wandel zum Besseren.

Doch der Stress und die selbstgewählte Überforderung gingen weiter. 1527 klagte Luther über schwere Herzattacken und Atemnot. 1528 kehrte sein Hämorrhoiden-Leiden zurück. Trotzdem übernahm Luther das Stadtpfarramt, um Johannes Bugenhagen freie Hand für sein Wirken in Norddeutschland zu verschaffen. Daran änderte sich auch nichts, als sich 1529 die Menièresche Krankheit mit Kopfschmerzen, Ohrensausen und Schwindel massiv zurückmeldete. Im selben Jahr packte ihn ein fast tödlicher Katarrh, ein fieberhafter grippaler Infekt. Luther konnte kaum sprechen. Seit dieser Zeit nahmen Mittelohrentzündungen und Infekte mit Heiserkeit zu.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25.02.2017 | 19:05 Uhr