Luther und seine Krankheiten Melancholie, Schwächeanfälle, Herzprobleme

Mit Ende 40 begann Luther zu altern, fühlte sich manchmal dem Ende nah. 1531 schrieb er: "Ich nehme sehr an Kräften ab, besonders im Haupt. Das hindert mich im Schreiben, Lesen und vielen Sprechen, und lebe ich, wie ein Kranker." Seine Lage beschrieb er auch so:

Mich peinigt der Satan mit verschiedenen Faustschlägen, so dass er meine körperliche Gesundheit unsicher macht und mich seine Nichtswürdigkeit behindert, obgleich es sehr viel zu schreiben und zu schaffen gäbe, dass ich nur sehr wenig tue und schreibe. Das wird mich wohl in kurzem noch töten.

Martin Luther

So ging es weiter und weiter: Ohrensausen, Schwindel- und Schwächeanfälle, Ermattung und das wieder aufgebrochene offene Bein. Ende März 1532 schrieb der Reformator: "Ich bin so krank. Aber mir glaubt niemand, bis ich einmal die Gänge gehe mit den anderen." Im Winter 1532/33 predigte er sechs Monate nur zuhause, nicht öffentlich. Es ging nicht anders.

Es geht bergab mit Luther

In der Folgezeit, Luther war nun Mitte 50, kam es immer wieder zu Abgängen von Nierensteinen. Im Sommer 1538 erkrankte er an Ruhr und hatte Fieber. Wieder hatte er Angst um sein Leben. Seine rheumatischen Gelenkschmerzen waren so stark, dass er sich auf dem Boden wälzte. Und trotzdem: Der kranke Luther predigte in der Stadtkirche so oft es ging. Anfang 1539 überfiel ihn vor Melanchthons Haus ein Schwindelanfall, und er musste umkehren. In Leipzig konnte er Pfingsten 1539 den Gottesdienst nicht wie geplant halten, sondern musste die Predigt verlegen. Es verstärkten sich Melancholie und Verbitterung. Luther wirkte oft lebensmüde. ging es mal eine Zeitlang besser, wie 1540, lebte Luther umgehend auf, reiste und predigte auswärts. Von Eisenach aus schrieb er im Juli an seine Frau Katharina:

Meine liebe Jungfer und Frau Käthe! Euer Gnaden sollen wissen, dass wir hier (gottlob) frisch und gesund sind. Fressen wie die Böhmen und (doch nicht sehr); saufen wie die Deutschen (doch nicht viel), sind aber fröhlich. Denn unser gnädiger Herr von Magdeburg, Bischof Amsdorf, ist unser Tischgenosse.

Martin Luther in einem Brief an seine Ehefrau Katharina, Juli 1540

So hatte Luther schon lange nicht mehr geklungen, doch das Glück weilte nur kurz. Den ganzen Winter 1540/41 litt er an Beschwerden im Hals- und Nasenbereich – vermutlich ein Abszess, der sich spontan entleerte, aber nicht richtig abheilte. Schwere Pein bereitete ihm zudem eine Mittelohrentzündung, wahrscheinlich beidseitig. Eiter trat heraus, man musste schreien, damit Luther einen verstand. An Philipp Melanchthon schrieb er depressiv gestimmt:

Ich fange an, etwas weniger taub zu sein, doch sehe ich, dass ich ein kalter und unnützer Cadaver bin, dem allein das Grab übrig bleibt.

Martin Luther in einem Brief an Philipp Melanchthon, Winter 1540/41
Herzinfarkt
Luther litt mit zunehmendem Alter an Herzproblemen; gegen Ende 1544 traten sie vermehrt auf. Bildrechte: imago/Science Photo Library

1542, Luther ging auf die 60 zu, verfasste er sein zweites Testament. Er konnte kaum noch predigen. Mal überwogen Nierenkoliken, mal die durch den Bluthochdruck verstärkten Kopfschmerzen. Zeitweilig konnte er weder lesen noch schreiben. Mit einem Wagen musste er zur Kirche gefahren werden. Mitte 1543 schrieb er: "Ich habe genug. Ich bin erschöpft." Und es kam noch schlimmer: Ein paar Wochen später erlitt er einen Herzanfall. Dann erkrankte er an Ruhr, einer infektiösen bakteriellen Entzündung des Dickdarms. Im Dezember erlitt er einen Angina pectoris-Anfall, hatte dazu die Steinbeschwerden. Hausmittel bewirkten nichts. Die protestantische Welt sorgte sich. Etliche Vertreter wie Herzog Albrecht von Preußen oder Gräfin Dorothea von Mansfeld schickten ihm Arzneien, aber nichts half. Luther wurde nur missmutiger, denn er wollte predigen.

Sein Arzt und Freund Matthäus Ratzeberger empfahl, eine Fontanelle zu setzen, eine künstliche Öffnung am linken Bein zu schaffen, um "bösen Körpersäften" eine Abflussmöglichkeit zu verschaffen. Der Wittenberger Barbierchirurg Andreas Engelhard setzte diese Fontanelle am linken Oberschenkel. Mit einem Ätzstift, hergestellt aus ungelöschtem Kalk und Pottasche, hielt Luther die Wunde offen, damit die vermeintlich krankhaften Körpersäfte austreten können.

Körperlich und seelisch am Ende

Ende 1543 schrieb Luther an Nikolaus von Amsdorf: "Ich sehne mich so außerordentlich danach, dich noch einmal zu sehen vor meinem Ende." Kanzel und Katheder konnte der Reformator nur noch betreten, wenn man ihn mit einem Wagen in die Kirche und in seinen Hörsaal zog. Ein erbärmliches Bild. Luther war körperlich und seelisch am Ende, er war fertig. Gegen Ende 1544 mehrten sich die Herzprobleme. Zu Melanchthon klagte der Reformator: "Ich fühle eine große Beengung um das Herz; dennoch spürte ich nicht, dass das Herz gelähmt ist, auch habe ich nichts Unrechtes am Puls festgestellt." Intuitiv hatte er das Roemheld-Syndrom gut beschrieben. Solche Herzaffektionen durchzogen das ganze Jahr 1545. Luther bezeichnet sich als "alt, abgelebt, träge, müde, kalt und nun gar einäugig". Einäugig? Hatte er den Grauen Star?

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25.02.2017 | 19:05 Uhr