Stephanuskirche Dresden-Kleinzschachwitz Beten für Heilung – aber ohne Garantie

Es ist der Klassiker: Vor einem Zahnarztbesuch oder einer Operation fangen manche Menschen an zu beten, die das sonst nicht oder eher selten tun. Die großen Kirchen aber sind vorsichtig damit, Heilung zu versprechen und das aus gutem Grund. Eine Dresdner Pfarrerin will das ändern und bietet nun regelmäßig Andachten mit einem Gebet um Heilung an. Was Menschen dahin zieht und worum sie bitten – Andreas Roth berichtet.

Eine Frau mit Rollator sitzt vor Beginn des Gottesdienst im Kirchenschiff der Frauenkirche auf ihrem Platz.
Motivbild: Eine Frau mit Rollator betet im Gottesdienst Bildrechte: dpa

Helga Wohllebe hebt ihren Rollator die Stufe hinein in die Kirche. Ein Gebet um Heilung soll es hier geben – die ältere Dame hat sich an diesem heißen Nachmittag auf den Weg gemacht. Sie sucht nach geistiger und geistlicher Stärkung und das in Gemeinschaft.

Acht Menschen sind an diesem Freitag in die evangelische Stephanuskirche in Dresden-Kleinzschachwitz gekommen. Alle drei Wochen soll es künftig solch eine Andacht dort geben. Für Pfarrerin Claudia Knepper stand am Anfang eine zentrale Frage:

"Was brauchen Menschen, wonach haben sie Sehnsucht – und was haben wir zu geben? Wo kommt beides zusammen: Was Menschen suchen und was wir anbieten können, geben können?"

Gefahr durch Missbrauch von Heilungsversprechen

Heilung ist ein großes Thema: In Apotheken-Zeitschriften und im Internet, in esoterischen Büchern – und auch in der Bibel. In den großen Kirchen aber fasst man es seit langem nur mit spitzen Fingern an. Die Theologin Claudia Knepper ist sich der Gefahr des Missbrauchs sehr wohl bewusst und weiß auch, dass dann Enttäuschungen oft vorprogrammiert sind.

Wenn Heilungsversprechen gemacht werden, wenn Menschen sich selber überschätzen und vielleicht sagen: Ich bin ein Kanal und die Kraft Gottes wirkt über mich und ich kann Menschen heilen.

Pfarrerin Claudia Knepper

Jede der Frauen in den Stuhlreihen der kleinen Dresdner Kirche hat ihre eigene Geschichte, ihre eigene Sehnsucht und Hoffnung. So auch Christa Günzel.

In der Gemeinschaft um Heilung zu beten, finde ich sehr gut. Dass man das nicht immer nur alleine macht. Ich bete für meine Tochter, die erkrankt ist. Und das tut mir gut.

Christa Günzel

Keine Wunder erwarten

Am Ende der Andacht kommen die Frauen vor zum Altar – Pfarrerin Claudia Knepper zeichnet ihnen mit einer Salbe ein Kreuz auf die Stirn und segnet sie. Denn Glaube ist für die Theologin auch eine Sache des Körpers, und die Salbung wird so zur sinnlichen Erfahrung.

Wunderheilungen aber kann die Pfarrerin nicht anbieten. Sie hält solche Versprechen – auch von Christen – für gefährlich. Denn wenn die Heilung nicht einträte, falle es unter Umständen auf den kranken Menschen zurück, nach dem Motto: ‚Du hast nicht genug geglaubt, es liegt an Dir!‘

Mir kommt das Wort Wunderheilung oder Heilungswunder vor wie eine Dampfwalze, die die zarte Pflanze, die da wachsen will – also das Vertrauen in Gott, das Gebet füreinander – eher platt walzt.

Pfarrerin Claudia Knepper

Nach der Andacht hebt Helga Wohllebe ihren Rollator wieder die Stufe hinunter und geht aus der Kirche hinaus. Eine Wunderheilung hat dort heute nicht stattgefunden. Und trotzdem ist sie dankbar für die seelische Stärkung. Auch so kann etwas beginnen, heil zu werden - selbst ein Leben mit einer Krankheit.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. August 2022 | 09:15 Uhr