Vor der EKD-Synode in Bremen Die evangelische Kirche und die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

Auch die evangelische Kirche ringt um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in ihren Reihen. Das Kirchenparlament, die EKD-Synode, wird sich auf ihrer Tagung, die am kommenden Wochenende in Bremen beginnt, erneut mit diesem Thema befassen. Kritiker monieren, dass die Protestanten das Thema lange nicht ernst genommen und viele Kirchenleitende gedacht hätten, das sei vor allem ein katholisches Problem. Michael Hollenbach berichtet.

Eine Frau alleine in einer Kirche
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Kerstin Claus war als Jugendliche selbst von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche betroffen. Heute arbeitet sie im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung mit. Sie kritisiert, dass die evangelische – im Gegensatz zur katholischen Kirche – bislang keine fundierten Gutachten und Studien vorgelegt habe.

Erst Ende vergangenen Jahres begannen Forscher im Auftrag der EKD mit einer breit angelegten Studie; die Ergebnisse sollen frühestens in zwei Jahren vorliegen.

Zu wenig Beteiligung

Entscheidend bei der Studie sei die Beteiligung von Betroffenen, erklärte die EKD. Doch genau an diesem Punkt gibt es massive Probleme. Im Mai legte die EKD die Arbeit des Betroffenenbeirats auf Eis. Eigentlich sollte bis September eine Evaluation der Arbeit des Beirats vorliegen. Der Braunschweiger Bischof Christoph Meyns, Sprecher des zuständigen Beauftragtenrates der EKD, räumt ein, dass dieses Ziel zu ambitioniert gewesen sei.

Theologe Christoph Meyns
Der Braunschweiger Bischof Christoph Meyns Bildrechte: IMAGO / Susanne Hübner

Wir sind in der Phase, wo wir eine externe Expertise in Auftrag geben, die uns von außen eine Rückmeldung gibt, wie es weitergehen kann. Wir werden dann auf jeden Fall das Gespräch mit allen zwölf ursprünglichen Mitgliedern des Betroffenenbeirates suchen und gemeinsam überlegen, wie wir zu einer neuen Form der Betroffenenbeteiligung kommen.

Bischof Christoph Meyns

Kritikerinnen wie Kerstin Claus halten der evangelische Kirche vor, sie wolle gar keine substanzielle Partizipation von Betroffenen.

Claus beanstandet, dass die Deutungshoheit der Studie bei der Kirche bleibe. Ob sich auf dieser Grundlage von zerstörtem Vertrauen, dem Nicht-Einhalten von Absprachen wieder Betroffene fänden, die an der Aufarbeitung mitarbeiten würden, wagt sie zu bezweifeln.

Neue Musterordnung soll Entschädigungszahlung regeln

Ein weiterer strittiger Punkt: die Frage der Entschädigung der Betroffenen. Bislang haben die evangelischen Landeskirchen rund acht Millionen Euro an Betroffene gezahlt.

Nun haben die Landeskirchen eine Musterordnung veröffentlicht, die – ähnlich wie in der katholischen Kirche – die Zahlungen von so genannten Anerkennungsleistungen regeln soll. Allerdings haben schon viele Betroffene in der katholischen Kirche dieses Verfahren heftig kritisiert: zu lange Wartezeiten, die zu einer Retraumatisierung führen können, fehlende Transparenz, wer warum wieviel erhält; mangelnde Beteiligung von Betroffenen – sind nur einige der Kritikpunkte. Das weiß auch der Braunschweiger Landesbischof und räumt ein:

"Das Leid ist ja nicht zu entschädigen. Die Zerstörung, die diese Taten im Leben von Menschen angerichtet haben, sind durch nichts wieder gut zu machen. Das sind ja Gesten der Anerkennung, die wir da aussprechen. Wir müssen schauen, wie sich das mit der neuen Musterordnung entwickelt."

Mit der Aufarbeitung überfordert?

Die evangelische Musterordnung liege sogar noch unter den katholischen Standards, moniert Kerstin Claus:

Die Summen sind geringer, Therapiekosten werden nicht übernommen, Transparenz für Betroffene nicht geschaffen, die Landeskirchen haben jeweils eigene Verfahren. Das ist alles deutlich weniger als die katholische Kirche hat. 

Kerstin Claus

Immer mehr Betroffene halten beiden Kirchen vor, dass sie offensichtlich überfordert seien mit der Aufarbeitung in den eigenen Reihen. Sie fordern deshalb, dass der Staat diese Aufarbeitung übernehmen sollte. Bischof Meyns sieht das anders.

Zum einen können wir uns vor der Verantwortung nicht drücken, dass wir das selber machen müssen. Die Institution muss sich dem Schmerz der Betroffenen stellen, und sie muss das aufarbeiten. Ich finde, es ist noch viel zu früh zu sagen: es sei gescheitert. Es geht ja gerade erst los.

Bischof Christoph Meyns

Eine Aussage, die dann doch überrascht. Immerhin ist das Thema der sexualisierten Gewalt auch in der evangelischen Kirche seit zehn Jahren auf der Agenda.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 31. Oktober 2021 | 08:15 Uhr