Parashah Nitzavim | 03.09.2021 Schabbat Schalom: "Jeder von Euch steht heute hier"

Mit den Hohen Feiertage beginnt für religiöse Juden eine intensive Phase der Selbstbesinnung. Die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin liest dazu aus der Parashah Nitzavim, hinterfragt, was der Eröffnungssatz "Jeder von Euch steht heute hier" für sie bedeutet und führt aus, wie jede Generation Werte und Regeln neu hinterfragen und entwickeln muss.

Rabbinerin Esther Jonas-Märtin 3 min
Rabbinerin Esther Jonas-Märtin Bildrechte: MDR/ Michaela Weber

Mit den nahenden Hohen Feiertage beginnt für religiöse Juden eine intensive Phase der Selbstbesinnung. Die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin liest und interpretiert dazu die Parasha Nitzavim aus der Tora.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 03.09.2021 15:30Uhr 03:29 min

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Diese Woche lesen wir Nitzavim, die Parashah, die direkt vor den Hohen Feiertagen steht und damit schon gedanklich auf die ganz grundlegenden Fragen des Lebens hindeutet. Geht es doch darum, uns selbst nach unserem Verhalten und unseren Werten zu befragen.

"Jeder von Euch steht heute hier": Leben als Herausforderung

Eröffnet wird die Parashah mit "Atem nitzavim kulchem yom" – "Jeder von Euch steht heute hier". "Nitzavim" bedeutet nicht nur stehen, sondern fest zu stehen, Stellung zu nehmen, sich zu positionieren oder eben auch einen Standpunkt zu haben.

'Nitzavim' fordert uns heraus, bewusste Entscheidungen für unser Leben und unseren Lebensstil zu treffen.

Esther Jonas-Märtin Rabbinerin in Leipzig

Viele verstehen diese Parashah als Teil des Testamentes oder des Erbes von Moses an die Israeliten. Moses erklärt den Bund mit Gott, den Bund, der Regeln enthält für das Leben miteinander, Rechte und Pflichten gegenüber den Menschen und gegenüber Gott. Moses ermuntert, ja bedrängt alle, die da sind und die, die nicht dabei waren, den Bund aufrechtzuerhalten und die Torah zu ehren, so dass sie belohnt werden mit einem sinnhaften Leben.

Als Moses, fast am Ende der Reise durch die Wüste, das Erbe des Bundes, die Torah, an die Menschen übergibt, ist es eine Herausforderung. Die Herausforderung, ein moralisch-ethisch anspruchsvolles Leben zu führen, ein Leben, das gebunden ist an gemeinsame Werte und Regeln innerhalb einer Gemeinschaft. Werte und Regeln, die jede Generation wieder neu für sich selbst hinterfragen und auch weiter entwickeln muss.

'Es (die Torah) ist nicht im Himmel', sagt Moses. Die Torah ist nicht deshalb ewig, weil sie unveränderlich ist, sondern weil ihre Lehren anpassungsfähig sind. Die Kontinuität jüdischer Weisheit ist nicht an die Vergangenheit gebunden, sondern jede Generation steht auf den Schultern der jeweils vorhergehenden und hält damit die Kette der Übertragung lebendig.

Esther Jonas-Märtin Rabbinerin in Leipzig

Neue Projekte zu beginnen, ist oftmals nicht so einfach, dabei ist es nicht wichtig, ob es darum geht, eine ethische Erkenntnis – zum Beispiel Ehrlichkeit – oder bewusste Ernährung oder ein neues Familienmitglied in den eigenen Alltag zu integrieren. Solche Vorhaben fordern uns heraus, sie kosten Mühe, Geduld und ja, sie könnten auch scheitern. Der Gedanke, dass es scheitern könnte, ist oft dafür verantwortlich, dass ein Vorhaben gar nicht erst angepackt oder eine Idee gar nicht erst in die Tat verwandelt wird. Sie kennen vermutlich den Spruch, dass man nur dann gescheitert ist, wenn man es gar nicht erst versucht hat.

Was wollten Sie schon immer tun?

"Atem nitzavim kulchem yom – jeder von euch steht heute hier" – spricht das Potential einer Gemeinschaft an, das nicht in religiöser Verortung, Ethnie, persönlichen Fähigkeiten oder Status begrenzt ist. Ein Potential, das in jedem und jeder von uns liegt.

Also, was wollten Sie schon immer tun? Eine Patenschaft übernehmen? Ein Instrument beherrschen? Einen Baum pflanzen? – Es beginnt bei jeder einzelnen Person, es liegt ganz in Ihren Händen, welchen Sinn Ihr Leben hat oder um es mit Hermann Hesse zu sagen: "Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben, es hat jedoch nur so viel Sinn, als wir selbst ihm zu geben imstande sind."

Schabbat Schalom! Ein inspirierendes Wochenende Ihnen allen!

Zur Person: Rabbinerin Esther Jonas-Märtin Esther Jonas-Märtin studierte Jüdische Studien, Literaturwissenschaft, Moderne Geschichte und Religionswissenschaften in Leipzig und Potsdam und erwarb 2006 den Master of Arts.

2017 schloss sie ihr Studium zur Rabbinerin mit dem Master of Arts in Rabbinics und der Rabbinischen Ordination in Los Angeles ab.

Sie ist Initiatorin und Gründerin des Lehrhauses Beth Etz Chaim in Leipzig (2018) sowie Referentin und Autorin einer Vielzahl von Artikeln und Beiträgen in den Themenbereichen: moderne jüdische Geschichte, Gender, Jiddische Poesie, Jüdische Ethik und Judentum.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. September 2021 | 15:45 Uhr