Seelsorge im Krisenmodus Deutscher Pfarrertag in Leipzig: "Ende der Sicherheit"

In Leipzig haben sich bis Mittwoch 350 Pfarrerinnen und Pfarrer aus ganz Deutschland getroffen. Einer von ihnen ist Eckehard Möller, der sich in der Dresdner Neustadt erklärtermaßen nicht nur um seine Gemeinde kümmert, sondern auch für die Leute im Viertel ansprechbar ist. Nur ringt er inzwischen selber um "die richtigen Worte". "Ende der Sicherheit" – das Motto der Tagung scheint angesichts von Ukraine-Krieg und multipen Krisen auch für die Gemeindearbeit in Dresden oder Plauen passend. Ein Stimmungsbild.

Pfarrer Eckehard Möller
Der Dresdner Pfarrer Eckehard Möller Bildrechte: MDR

Wenn Eckehard Möller über den Platz vor seiner Kirche in eine Kneipe geht, dann kann es passieren, dass er die Frage schon ein erstes Mal hört: Was sagt denn die Kirche dazu – zu Krieg und Inflation und Corona? Seit zwölf Jahren ist Möller Pfarrer in der Dresdner Neustadt, die Leute hier kennen ihn. Und erwarten eine Antwort. Nur dass Eckehard Möller selbst immer öfter ratlos ist.

Christian Wolff, Pfarrer im Ruhestand 9 min
Bildrechte: Christian Wolff

"Ende der Sicherheit": Nicht nur Tagungsmotto

Die Martin-Luther-Kirche.
Martin-Luther-Kirche in der Dresdner Neustadt, seit mehr zehn Jahren ist Eckehard Möller dort Pfarrer. Bildrechte: dpa

"Das Ende der Sicherheit" ist das Motto des Deutschen Evangelischen Pfarrerinnen- und Pfarrertages in Leipzig, den der Dresdner Theologe mitorganisiert hat. Er weiß gut, was das heißt. Er muss nur die Nachrichten aus der Ukraine sehen. Dann fühlt er: "Ich habe da mehrere Herzen in meiner Brust."

Als junger Mann machte er mit wenigen Freunden das Gedenken an die Zerstörung Dresdens vor der Ruine der Frauenkirche zum Friedenssymbol. Mitten in einer Diktatur, mitten im atomaren Rüstungswettlauf. Im Angesichts des Jugoslawienkrieges kehrte er sich vom Pazifismus ab – in den letzten Jahren überzeugte ihn wieder die unbedingte Gewaltfreiheit der Bergpredigt Jesu. Und so steht er auch vor seiner Gemeinde. Mitten in der Debatte um Waffenlieferungen für die Ukraine und um Aufrüstung. Eckehard Möller weiß, dass es da moralisch nicht nur Weiß oder Schwarz gibt. Auch in Predigten nicht. Er sagt: "Ich gebe da keine Antworten." Und:

Ich zeige meine Unsicherheiten, Fragen und Grenzen.

Eckehard Möller Pfarrer in Dresden und Vorsitzender des Sächsischen Pfarrvereins e.V.

Die Teilnehmer des Gottesdienstes der Landessynode Sachsen sitzen in der Martin-Luther-Kirche auf ihren Plätzen.
Blick in die Dresdner Martin-Luther-Kirche Bildrechte: dpa

Gemeindearbeit heute: Da sein für die Menschen in Zeiten von Corona, Inflation, Krieg

Leicht ist das nicht als Pfarrer. Gemeindemitglieder erzählen Eckehard Möller von schlaflosen Nächten und Ängsten – sie wollen Antworten. Und Trost. Doch viele Seelsorger sind selbst verunsichert, wie Andreas Kahnt, der Vorsitzende des Verbands der Evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland, erklärt:

Viele von uns sind Kinder der Friedensbewegung – sie war eine große Motivation, überhaupt Theologie zu studieren. Jetzt haben viele den Eindruck: Alles, was mir wertvoll und wichtig war, müssen wir jetzt überdenken.

Andreas Kahnt Verbandsvors. der Evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland

Weyer: Sich um die wirklich Notleidenden kümmern

Die Plauener Superintendentin Ulrike Weyer
Plauener Superintendentin Ulrike Weyer Bildrechte: dpa

Es ändert sich etwas. Ulrike Weyer sieht es im Brotkorb ihrer vogtländischen Kirchgemeinden. Darin liegen gewöhnlich Lebensmittel für Menschen mit wenig Geld – doch die Spenden reichen immer öfter nicht. Und die Nachfrage steigt. "Wir versuchen ein Gegengewicht zu setzen, indem wir uns um die wirklich Notleidenden kümmern", sagt die Plauener Superintendentin. Angesichts von Inflation und steigenden Energiepreisen heißt das auch in ihrem Kirchenbezirk: die Beratung von Menschen in finanziellen Notlagen bei der Diakonie stärken, den eigenen Mitarbeitern unter die Arme greifen – und selbst in den Kirchen und Gemeindehäusern Energie sparen.

Die Plauener Pfarrerin weiß um die Sprengkraft gesellschaftlicher Debatten. Als in ihrer Heimatstadt Rechtsextreme demonstrierten und der Unmut gegen Geflüchtete lauter wurde, initiierte die Kirche Gespräche und einen Runden Tisch für Demokratie. Die Corona-Schutzmaßnahmen entzweiten auch Christinnen und Christen.

Auch in unseren Gemeinden gibt es Spannungen. Dort das persönliche Gespräch und den Kontakt zu suchen – da sind wir als Pfarrerinnen und Pfarrer sehr herausgefordert.

Ulrike Weyer Superintendentin Plauen

Als im Lockdown auch keine Gottesdienste stattfinden konnte, ging Eckehard Möller besonders oft hinaus auf die Straßen der Dresdner Neustadt. Er hatte sich von Anfang an klar positioniert: pro Impfung. Und suchte gerade deshalb das Gespräch auch mit Andersdenkenden. "Das war eine Situation, wo ich als Pfarrer gebraucht wurde." Für etliche Pfarrer war der Lockdown eine Phase herber Einschränkungen – für Eckehard Möller hat sie eine wichtige Seite des Pfarrerberufs ans Licht gebracht, die in normalen Zeiten zwischen vielen Terminen oft zu verschwinden droht: "Da zu sein, mit Menschen zu reden, draußen zu sein."

Seelen streicheln oder Fragen des Wohlstands anrühren?

Am Sonntag will er über die Inflation und die steigenden Energiepreise predigen. Er muss. Es liegt den Menschen in seiner Gemeinde auf der Seele, und ihm auch. Nur könnte es sein, dass manchem seiner Zuhörer seine Botschaft nicht gefallen wird. "Wir werden etwas von unserem Wohlstand vielleicht nicht durchhalten können", überlegt Eckehard Möller. "Aber mit Gottes Hilfe werden wir das schaffen, gerade in diesem reichen Deutschland."

Möller will kein Populist auf der Kanzel sein. Keiner, der nur Seelen streichelt. Dafür ist er zu enttäuscht darüber, dass schon seit seiner Jugend über Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung geredet wird – und so wenig geschieht, auch in der Kirche.

In einer Welt der Abschiede von alten Sicherheiten sieht die Plauener Superintendentin Ulrike Weyer eine wichtige Aufgabe für Pfarrerinnen und Pfarrer: die Unsicherheit auszuhalten. Und genau dabei Menschen nahe zu sein. "Wir müssen wieder lernen, in Unsicherheiten zu leben. Dass wir in der Welt Angst haben, hat schon Jesus gesagt. Doch wir können auch im Leid den treuen Gott erfahren, uns trösten lassen – und diesen Trost weitergeben."

Überlastete Seelsorger: 12 von 45 Pfarrstellen der Landeskirche unbesetzt

Auch für viele Pfarrerinnen und Pfarrer ist das nicht einfach. Zumal, wenn wie im Vogtland von 45 Pfarrstellen der evangelischen Landeskirche zwölf gerade nicht besetzt sind. Es fehlt an Nachwuchs, und das Land gilt auch in der Kirche oft nicht als attraktiv.

Für äußere Krisen wie Kriege, Not und Epidemien sind wir als Seelsorger schon seit Jahrhunderten da. Doch die Strukturreformen der Kirche und der Personalmangel geht vielen Pfarrerinnen und Pfarrern an die Nieren. Und es gibt solche, die Stück für Stück daran zerbrechen.

Eckehard Möller Pfarrer in Dresden und Vorsitzender des Sächsischen Pfarrvereins e.V.

Das sagt Eckehard Möller, der als Vorsitzender des Sächsischen Pfarrvereins auch die Interessen der Theologinnen und Theologen vertritt.

Studie: Sächsische Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten im Durchschnitt 54 Stunden die Woche.

Sächsische Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten durchschnittlich 54 Stunden die Woche, rund ein Drittel sogar mehr als 60 Stunden. Das ergab eine Studie, die der sächsische Pfarrverein e.V. 2021 veröffentlichte. Demnach hatte nur ein Drittel der Befragten einen freien Tag pro Woche. Untersuchen sollte die Studie, wie es um die berufliche Zufriedenheit und das Stresserleben der sächsischen Pfarrerinnen und Pfarrer bestellt ist. Heraus kam, dass angesichts dieser wohl chronisch zu nennenden Überlastung die Motivation durchaus hoch ist. Im Rahmen einer Online-Befragung nahmen 222 Pfarrerinnen und Pfarrer an der Untersuchung teil.

Trost und Zuspruch können viele Pfarrerinnen und Pfarrer in diesen bewegten Zeiten gerade selbst ganz gut gebrauchen.

Deutscher Pfarrerinnen- und Pfarrertag in Leipzig | 26.-28.09.2022 Zum Motto der Tagung - "Ende der Sicherheit" - spricht Thomas de Maizière, Bundesminister a. D. und Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Diskutieren wollen die Teilnehmenden über Veränderungen in der Gesellschaft vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, der Corona-Pandemie, Klimakrise und des zunehmenden Auseinanderdriftens von "Arm" und "Reich", wie es vorab hieß.

Dem Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V. gehören etwa 20.000 Pfarrerinnen und Pfarrer in 20 Mitgliedsvereinen innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an.

Der Verband will die Gemeinschaft unter den Pfarrerinnen und Pfarrern über die Grenzen der Landeskirchen hinaus stärken, regt den theologischen Gedankenaustausch untereinander an und bietet ein Forum für die allgemeinen Fragen des Berufsstandes. Alle zwei Jahre trifft man sich zum Kongress.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2022 | 08:10 Uhr