Projekt: "Walk Away" Wie sich junge Menschen auf Sinnsuche in den Wald begeben

Heute finden auch junge Menschen Natur cool. Doch wirklich einmal 24 Stunden oder länger allein in ihr leben? Das wollen dann doch die Meisten nicht. Es scheint zu gefährlich, zu unheimlich. Im Wermsdorfer Wald bei Grimma aber setzen sich junge Menschen und ein evangelischer Pfarrer dieser Grenzerfahrung aus. "Walk Away" heißt das Projekt der evangelischen Kirche. Was sie dabei fanden? Andreas Roth hat sie gefragt.

Morgensonne bricht durch nebligen Fichtenwald
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Schlafen konnte Clara in dieser Nacht im Wermsdorfer Wald nicht. Sich selbst wollte sie hier suchen, einen Weg durch ihr Leben, vielleicht auch Gott – aber zunächst war da nur die Angst vor den Geräuschen der Natur.

Eine Frau geht im Wald spazieren. 4 min
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MDR KULTUR - Das Radio Fr 09.09.2022 08:30Uhr 03:54 min

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Mit zehn Mitschülern der Evangelischen Schule für Sozialwesen in Bad Lausick ist Clara an einem Julimorgen in den Wald gegangen. Nur mit Wasser, Schlafsack und einer Zeltplane. 24 Stunden Einsamkeit – das ist der Kern des Projektes mit dem Namen "Walk Away". Weggehen, heißt das übersetzt – aber eigentlich geht es im Wald um ein Ankommen und um ein Sich-Finden.

"Ich habe mich ganz neu kennengelernt. Ich habe mich sehr glücklich, mal verzweifelt erlebt, ich hatte mich mal kurz im Wald verlaufen. Genauso habe ich mich auch wütend erlebt. Und da kam diese Widerstandsfähigkeit in mir zum Vorschein: Dass ich mutig und stark sein kann", so berichtet Clara.

Neues Konzept nach altem Vorbild

Hennig Olschowsky hat die jungen Leute auf diese Entdeckungsreise vorbereitet, in den Wald begleitet – und dann allein weitergehen lassen. Seit elf Jahren macht der Mutzschener Pfarrer das: Zunächst mit Konfirmanden, mittlerweile auch mit Erwachsenen. Was nach einer neuen Idee klingt, findet der evangelische Theologe schon in der Bibel. Bei den Propheten zum Beispiel.

Und Jesus ging, bevor er sich nach Galiläa aufmachte, 40 Tage in die Wüste. Die Natur wird so zum Spiegel der Seele, er hat sich mit den inneren und äußeren Dämonen auseinandergesetzt, um herauszufinden: Was ist mein Auftrag?

Pfarrer Hennig Olschowsky

Romy hat ihren Platz im Wald unter drei Eichen gefunden. Gleich neben dem Bau eines Fuchses und eines Hasen. Eigentlich ist sie kein Mensch, der schnell Kontakte knüpft. Sie hält sich lieber zurück. Anfänglich dachte sie, dass sie allein im Wald wäre, bis sich ein junger Falke auf ihren Kopf setzte, zwei Raben ihr den Weg zeigten und sie am Morgen ein Kaninchen in ihrem Schlafsack fand.

Das hat bei mir einen innerlichen Schalter umgelegt. Also bei den Raben habe ich gesehen, dass ich mich mehr frei entfalten kann. Und bei dem Kaninchen, dass ich nicht so schnell die Flucht ergreifen soll.

Romy

Grenzerfahrung in der Natur

Eva Olschowsky hört zu und lächelt. Die Psychologin begleitet mit ihrem Mann die jungen Menschen auf ihrer Suche. Sie weiß, wie schwer das heutzutage ist, in einer Welt voller Ablenkungen und Erwartungen von außen.

"Diese Möglichkeit, da draußen 24 Stunden zu sein, ist wirklich eine Grenzerfahrung: fastend, allein sein, auch mit den eigenen Ängsten und Themen, die da aufsteigen. Die bringen Menschen dazu, Kontakt mit sich selber zu bekommen", meint die Psychologin.

Clara ist in diesen 24 Stunden allein im Wald viel gelaufen. Weggelaufen – vor der Angst, vor der Schlaflosigkeit in der Nacht, sagt sie. Auch vor Gott.

Da hatte ich wirklich so ein Gespräch zum Schluss mit ihm: ‚Clara, Du weißt doch, warum du jetzt weggelaufen bist?‘ Ich habe mich verstanden gefühlt in meiner Angst - und das hat mir total geholfen.

Clara

Dieses Gefühl will Clara mitnehmen in ihren Alltag – jenseits des Wermsdorfer Waldes.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion & Gesellschaft | 11. September 2022 | 09:05 Uhr