Medizinische Versorgung Nur wenige Kliniken bieten Schwangerschaftsabbrüche an

Alisa Sonntag
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Weniger als die Hälfte der öffentlichen Kliniken mit Gynäkologie in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geben an, Abbrüche durchzuführen. Das ergab eine gemeinsame Umfrage der Rechercheverbünde und Redaktionen von Correctiv, Frag den Staat und dem MDR. Die Zahl der Kliniken liegt unter dem Bundesdurchschnitt. Darüber hinaus sind Frauen in Kliniken oft Anfeindungen ausgesetzt.

Beratung Gynäkologe
Nur die Hälfte der Kliniken in Mitteldeutschland gibt an, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. (Symbolbild) Bildrechte: PantherMedia / Arne Trautmann

  • In Sachsen geben sieben Kliniken an, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen.
  • In Sachsen-Anhalt geben nur vier Kliniken an, Abbrüche durchzuführen.
  • In Thüringen sind es sechs.

TRIGGERWARNUNG Schwangerschaftsabbruch In diesem Artikel werden Schwangerschaftsabbrüche thematisiert. Die Berichte können für Leserinnen und Leser traumatisch, belastend oder beunruhigend sein. Sollten Sie Hilfe suchen, finden Sie mit dem Hilfetelefon "Schwangere in Not" unter der Telefonnummer 0800 40 40 020 anonym und kostenfrei Unterstützung.

Immer weniger Arztpraxen und Kliniken in Deutschland führen Schwangerschaftsabbrüche durch. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl seit 2003 um 40 Prozent zurückgegangen. Expertinnen und Experten sehen deswegen die Versorgungslage in Gefahr. Die Bundesländer sind aber gesetzlich verpflichtet, eine ausreichende Versorgung sicherzustellen.

Um ein besseres Bild von der tatsächlichen Lage zeichnen zu können, hat das Journalistennetzwerk Correctiv Lokal eine Kooperation verschiedener Medien und der Internetplattform Frag den Staat ins Leben gerufen. Auch der MDR beteiligte sich.

Basierend auf dem Krankenhausverzeichnis des Statistischen Bundesamts wurden 309 Kliniken gefragt, ob und wie sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Sie alle sind in öffentlicher Hand, sind also landeseigene Unikliniken oder kommunale Krankenhäuser. Und sie alle haben eine Station oder Klinik für Gynäkologie bzw. Frauenheilkunde. Die gesammelten Ergebnisse finden sich in dieser Datenbank.

Zahlen in Mitteldeutschland unter dem Bundesdurchschnitt

Bundesweit haben mehr als die Hälfe der Kliniken (57 Prozent) angegeben, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen.

In Mitteldeutschland liegen die Zahlen darunter. Von den insgesamt 35 angefragten Kliniken haben 17, also knapp 49 Prozent, angegeben, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen. Genauso viele Kliniken haben die Auskunft verweigert.

Eigentlich haben Kliniken in öffentlicher Hand eine Auskunftspflicht, theoretisch könnten hier die Antworten mittels Klagen eingeholt werden.

Alle Kliniken in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die angegeben haben, Abbrüche durchzuführen, tun das auch nach der sogenannten Beratungsindikation. Die Beratungsindikation trifft dann zu, wenn eine Schwangere sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet und deswegen entsprechend der Gesetzeslage eine Schwangerschaftskonfliktberatung aufsucht.

Welche Indikationen für einen Schwangerschaftsabbruch gibt es noch?

Andere Indikationen, um eine Schwangerschaft abzubrechen, sind die medizinische, wenn das Leben der Frau in Gefahr ist, und die kriminologische, wenn die Schwangerschaft durch einen gewaltsamen Übergriff entstanden ist. Der Schwangerschaftsabbruch an sich ist eine Straftat. Nur wenn eine der drei Indikationen gegeben ist, bleibt er bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei.

Sachsen: Sieben Kliniken geben an, Abbrüche durchzuführen

Von 15 angefragten Kliniken in öffentlicher Hand mit Gynäkologie in Sachsen haben sieben angegeben, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen: das Klinikum Oberlausitzer Bergland, das Kreiskrankenhaus Weißwasser, das Krankenhaus Grimma der Muldentalkliniken, das Krankenhaus Wurzen der Muldentalkliniken, das Universitätsklinikum Leipzig, das Elblandklinikum Meißen sowie das Elblandklinikum Riesa.

Genauso viele Kliniken haben die Auskunft verweigert. Das betrifft das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, das Erzgebirgsklinikum Haus Annaberg, das Erzgebirgsklinikum Haus Zschopau, das Kreiskrankenhaus Freiberg, die Klinik Eilenburg, das Kreiskrankenhaus Johann Kentmann Torgau und das Heinrich-Braun-Klinikum Zwickau. Beim Klinikum Obergöltzsch Rodewisch ist unklar, ob die Anfrage das Klinikum erreicht hat.

Keine der Kliniken, die nicht auf die Anfrage reagiert haben, ist auf der monatlich aktualisierten Übersichtsseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als Adresse für einen möglichen Schwangerschaftsabbruch gelistet. Es ist also durchaus davon auszugehen, dass es gerade im Erzgebirge große weiße Flecken bei der Versorgungslage gibt.

Sachsen-Anhalt: Vier Kliniken geben an, Abbrüche durchzuführen

Von neun angefragten Kliniken in öffentlicher Hand mit Gynäkologie in Sachsen-Anhalt haben vier angegeben, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen: das Städtische Klinikum Dessau, das Universitätsklinikum Halle, das Universitätsklinikum Magdeburg und das Carl-von-Basedow-Klinikum Merseburg.

Fünf Kliniken haben die Auskunft verweigert. Eine davon, das Altmarkklinikum Gardelegen, ist allerdings auf einer monatlich aktualisierten Übersichtsseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als Adresse für einen möglichen Schwangerschaftsabbruch gelistet.

Die Auskunft verweigert haben weiterhin das Altmark-Klinikum Gardelegen, Altmark-Klinikum Salzwedel, das Harzklinikum Quedlinburg, Harzklinikum Wernigerode und das Klinikum Magdeburg. Am Dienstag hat deswegen auch die Internetplattform Frag den Staat das Klinikum Magdeburg auf Auskunft darüber verklagt, ob in dem Haus Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden.

Thüringen: Sechs Kliniken geben an, Abbrüche durchzuführen

Von elf angefragten Kliniken in öffentlicher Hand mit Gynäkologie in Thüringen haben sechs angegeben, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen: das Klinikum Altenburger Land, die Ilm-Kreis-Kliniken Arnstadt, das Universitätsklinikum Jena, das Elisabeth Klinikum, das Schmalkalden Klinikum Sonneberg/Neuhaus und das Klinikum Bad Salzungen.

Fünf Kliniken haben die Auskunft verweigert. Ganze drei davon sind allerdings auf einer monatlich aktualisierten Übersichtsseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als Adresse für einen möglichen Schwangerschaftsabbruch gelistet. Das betrifft das Kreiskrankenhaus Greiz, das Hufeland Klinikum in Bad Langensalza und das Robert-Koch-Krankenhaus Apolda.

Außerdem haben das Südharz Klinikum Nordhausen und das Thüringen-Kliniken "Georgius Agricola" die Auskunft verweigert.

Verlässliche Daten existieren bisher nicht

Andere verlässliche Daten, wie viele Kliniken und Praxen Schwangerschaftsabbrüche durchführen, gibt es bisher nicht. Zwar verzeichnet das Statistische Bundesamt regelmäßig eine Zahl an "Meldestellen". Im dritten Quartal 2021 waren das 102 in Sachsen, 48 in Sachsen-Anhalt, 37 in Thüringen.

Allerdings sind diese Daten mit Vorsicht zu behandeln: So wird zwar grundsätzlich erfasst, wo Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Offen bleibt aber, ob hinter einer Meldestelle ein einzelner Arzt oder eine Praxis mit mehreren Ärztinnen und Ärzten steckt, die jeweils Abbrüche durchführen. Ebenso unklar bleibt, ob Abbrüche an jedem Werktag oder zu sehr eingeschränkten Zeiten möglich sind. "Die Zahlen geben keinen guten Aufschluss, wie die Versorgungslage real ist", betont daher auch Regine Wlassitschau von Pro Familia. Sie geht davon aus, dass sich mit verlässlicheren Daten noch einige Engstellen jenseits der bisher bekannten bemerkbar machen würden.

Dass immer weniger Ärztinnen und Ärzte Abbrüche durchführen, hat verschiedene Gründe. Zum einen gehen aktuell viele Ärztinnen und Ärzte, die Abbrüche durchführen können, in Rente. Im Medizinstudium wird das Thema vor allem aus ethischer Perspektive behandelt. Zum anderen ist das Thema nach wie vor ein Tabuthema. Das liegt unter anderem daran, dass Abtreibungsgegnerinnen und -gegner immer wieder sowohl Betroffene als auch medizinisches Personal einschüchtern.

Auch bei Qualität der Versorgung gibt es Probleme

Auch unabhängig von der Versorgungslage machen Betroffene bei Schwangerschaftsabbrüchen negative Erfahrungen. Das zeigte eine nicht-repräsentative Umfrage von Correctiv Lokal, an der sich 1.297 Betroffene beteiligt haben.

Dabei berichtet etwa jede vierte Frau, dass medizinisches Personal sich im Zusammenhang mit ihrem Abbruch unprofessionell Verhalten habe, etwa in Form von Demütigungen und Beleidigungen. Knapp 30 Prozent der Befragten erzählten außerdem von Problemen bei der medizinischen Versorgung während ihres Abbruchs.

MDR (Alisa Sonntag, Rebecca Nordin Mencke, Correctiv Lokal)