Weihnachtsbräuche im Christentum Das Annaberger Bornkinnel

Wer im Erzgebirge die St. Annenkirche besucht, wird sich über eine engelsgleiche Figur wundern, die dort zu Weihnachten auf den Altar gestellt wird: Das Bornkinnel. Bornkinnel bedeutet so viel wie "neugeborenes Kindlein". Die ungewöhnliche Figur ist Ergebnis erzgebirgischer Schnitzkunst und steht im Zentrum der Christvesper, die am 24. Dezember im Ersten zu sehen war, jetzt on demand in der ARD-Mediathek.

Schnitzerei aus dem Erzgebirge
Bildrechte: imago/epd

Die Tradition der segnenden Kinderfiguren wie des Bornkinnels reicht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Sie sind europaweit verbreitet, etwa in katholischen Kirchen in Rom und Prag. Diese Figuren gibt es aber auch hierzulande, und zwar in einer besonderen Darstellung: Das Jesukind als Weltenherrscher steht alleine. Es sitzt also nicht auf dem Schoß seiner Mutter Maria, wie in anderen Darstellungen üblich.

Martin Luther fördert Verbreitung der Figuren

Bornkinnel Erzgebirge
Die Annaberger Bornkinnel-Darstellung. Bildrechte: Rolf Rehm

Die ältesten Bornkinnelfiguren werden in Kamenz gegen Ende des 15. Jahrhunderts und in Zwickau um 1520 ausgestellt. Im Jahr 1608 wird auch in Hof die Figur eines hundert Jahre alten Jesukindes erwähnt. Aufschwung erlebt das Bornkinnel mit der Verbreitung des Protestantismus durch Martin Luther in Sachsen. Luther ist es nämlich, der die Nikolausbescherung durch das Christkind an Heiligabend ersetzt. Die meisten heute noch erhaltenen Figuren entstehen allerdings von 1620 bis 1680. Es ist sogar nachgewiesen, dass viele Bornkinnel-Figuren über die Handelsroute des Preßnitzer Passes geliefert wurden.

Brauch verlagert sich in den privaten Raum

Mit dem 18. Jahrhundert und dem Einfluss der Aufklärung kommt es zu einem Ende der Bornkinnelproduktion. Die Figuren werden als "vorreformatisch" angesehen und, genauso wie Weihnachtskrippen, Umzüge und Heischegänge, aus den Kirchen verbannt. Doch der Brauch stirbt nicht aus, sondern wird in den privaten Raum verlagert. Für den Hausgebrauch werden Puppen gefertigt, die ähnlich aussehen wie Weihnachtsengel. Mittlerweile sind Bornkinnel-Figuren vor allem im Bereich des Westerzgebirges und im Vogtland zu finden.

Interview mit Pfarrer Karsten Loderstädt

Lisa-Marie Eberharter hat mit Karsten Loderstädt, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Annaberg-Buchholz, über die erzgebirgische Bornkinnel-Tradition gesprochen.

Wie erklären Sie einer Person, die nicht aus dem Erzgebirge kommt, den Brauch des Bornkinnels?

Bornkinnel Erzgebirge
Pfarrer Karsten Loderstädt. Bildrechte: Ronny Küttner

Das Bornkinnel ist eine hölzerne Kinderfigur, die einen Königsmantel trägt. Sein Kopf ist umgeben von einem Strahlenkranz. Die rechte Hand ist im Segensgestus dargestellt, während in seiner linken Hand der Reichsapfel liegt. Das Bornkinnel der St. Annen Kirche wird nur vom 24. Dezember bis 6. Januar ausgestellt. Es bewirkt, dass die Distanz zum Göttlichen schwindet und man dem Jesu Kind, dem "geborenen Kindel", ganz nahe sein kann. Es wird davon berichtet, dass es früher regelrechte Tumulte um das Bornkinnel gab, weil jeder dem Jesuskind so nahe wie möglich sein wollte. Es strahlt eine ganz eigene Faszination aus, die man heute noch spürt. Zu Weihnachten begegnet uns eine Fülle an Symbolen. Das Bornkinnel vereint einerseits die Nahbarkeit des Jesukindes in sich, und hebt andererseits schon das Königtum Jesu hervor.

Besitzt die St. Annenkirche das einzige Bornkinnel oder gibt es auch welche in privaten Haushalten?

Nein, es gibt im ganzen Erzgebirge und im Vogtland ungefähr um die 70 originale Bornkinnel. Das Annaberger wurde um ca. 1670 hergestellt und zum Weihnachtsfest 1981 erstmals wieder auf dem Altar aufgestellt. Im 18. Jahrhundert begann man nämlich, die Anbetung des Bornkinnels als "Unsitte" zu sehen und die Puppen durften nicht mehr ausgestellt werden. Deshalb haben viele Menschen dann Zuhause angefangen, Puppen herzustellen. Diese handgefertigten, privaten Puppen sind aber eher eine Vermischung des Jesuskindes mit dem Verkündigungsengel. Sie gibt es auch heute noch und werden mit Lichtern als Strahlenkranz geschmückt schon im Advent ans Fenster gestellt.

Wie kann man das Bornkinnel in der Coronavirus-Pandemie besichtigen?

Das Bornkinnel wird wie jedes Jahr zwischen dem 24. Dezember und dem 06. Januar im Altarraum zu sehen sein. Wir haben eine sehr große Kirche, in der mit den aktuellen Bestimmungen 350 Plätze zur Verfügung stehen. Für diese kann man sich bei uns in der Pfarramtskanzlei ein Ticket abholen. Vor Ort müssen dann FFP2 Masken getragen werden und wir setzen auch die 3G Regel um. Für uns als Gemeinde ist das eine sehr schwierige Situation, weil wir einerseits niemanden ausschließen, aber andererseits auch keinen gefährden wollen. Besonders im Erzgebirge ist die Weihnachtszeit noch einmal sehr emotional aufgeladen und mit vielen Traditionen und Bräuchen verbunden, die dieses Jahr wieder anders ablaufen müssen. Wir hoffen trotzdem, dass wir in Frieden und Versöhnung miteinander Weihnachten feiern können und vielleicht trägt ja die Ausstrahlung des Bornkinnels etwas zu dieser friedlichen Stimmung bei.

Pfarrer Loderstädt, vielen Dank für das Gespräch!

Die evangelische Christvesper aus der St. Annenkirche Annaberg-Buchholz ist am 24. Dezember um 16:15 Uhr in ARD/Das Erste und anschließend in der Mediathek zu sehen.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Christvesper am Heiligen Abend | 24. Dezember 2021 | 16:15 Uhr