Dienstags direkt | 28.06.2022 | 20 - 23 Uhr Kann künstliche Intelligenz unser Denken ersetzen?

Die Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) hat das Ziel, die Funktionen unseres Gehirnes und unseres Geistes zu verstehen und nachzubauen. Doch kann das gelingen? Leben wir nicht schon lange in vielen Bereichen mit künstlicher Intelligenz ohne uns derer bewusst zu sein? Wo liegen das Potenzial aber auch die Grenzen der KI. Darüber sprechen wir bei "Dienstags direkt"

Binärcode in Rastern
Alexa, Google-Sprachsteuerung, Text - und Routenvorschläge - künstliche Intelligenz arbeitet mit Nullen und Einsen und ist dabei so klug, dass sie Denkleistungen produziert. Doch wie weit geht dieses Denken? Wie komplex und selbstständig ist es? Bildrechte: novu GmbH

Gäste

  • Professorin Angelika C. Bullinger-Hoffmann, TU Chemnitz, Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement
  • Dr. Jochen Tiepmar, Word-Mining-Experte, Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT)
  • Gregor Blichmann, Technischer Direktor des KI-Software-Entwicklers "Elevait" am Standort Dresden

Interviews

  •  Dr. Jakob Wittenstein von der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Uniklinik Dresden über künstliche Intelligenz bei der Beatmung
  • Dr.-Ing. Matthias Peissner, Leiter Forschungsbereich Mensch-Technik-Interaktion am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO über KI, Mitarbeiter und Betriebsräte

Kürzlich schlug der Google-Forscher Alarm. Blake Lemoine erklärte die Googles KI "LaMDA" sei auf dem geistigen Niveau eines etwa 7- bis 8-jährigen Kindes. Er belegte das mir Chatprotokollen, die er sogar dem Senat übergeben wollte. Google beurlaubte den Entwickler daraufhin, doch die Debatte nahm trotzdem ihren Lauf. Was soll und was darf künstliche Intelligenz können? Und was bedeutet es, sollte eine KI ein eigenes Bewusstsein erlangen?

Alexa und Google-Anwendungen längst tief im Alltag

Es lohnt zu der Frage zurückzugehen: Was ist eigentlich KI und was unterscheidet sie von der Digitalisierung? Mit Ki soll menschliches Lernen auf den Computer übertragen werden. Statt für jeden Zweck programmiert zu werden, soll KI eigenständig Antworten finden und selbstständig Probleme lösen. Künstliche Intelligenz wie bei Alexa, Google-Spracherkennung sowie in Text- und Routenvorschlägen ist bereits jetzt in vielen Alltagsanwendungen vorhanden, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

43 KI-Entwickler, -Anbieter und -Anwender in Sachsen

KI gilt auch als Herz der digitalen Revolution. Tausende Programmierer arbeiten ständig an neuen Anwendungen  - ob es dabei um die Automatisierung von Bestellvorgängen in Unternehmen geht, neue intelligente Service-Software, automatisiertes Fahren und Parken, Geldwäscheprävention, Abfallsortierung oder eine Ernährungsberatung auf der Grundlage von Körperdaten. Allein in Sachsen gibt es nach Angaben der Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) insgesamt 43 Entwickler, Anbieter und Anwender von künstlicher Intelligenz. "Die Künstliche Intelligenz bietet uns die Chance, das Fehlen an Fachkräften und Digitalisierung auszugleichen", erklärt Gregor Blichmann, Technischer Direktor des KI-Softwareentwicklers "Elevait" am Standort Dresden MDR SACHSEN.

Die Künstliche Intelligenz bietet uns die Chance, das Fehlen an Fachkräften und Digitalisierung auszugleichen.

Gregor Blichmann Technischer Direktor des KI-Software-Entwicklers "Elevait" am Standort Dresden

Gregor Blichmann, Technischer Direktor des KI-Software-Entwicklers "Elivate" am Standort Dresden.
Gregor Blichmann ist Technischer Direktor des KI-Software-Entwicklers "Elevait" am Standort Dresden. Bildrechte: Gregor Blichmann

Skepsis und Angst beim Einsatz im Arbeitsleben

Gleichzeitig sind viele Menschen beim Einsatz von KI in ihrem Arbeitsleben skeptisch. Nach einer Umfrage des Branchenverbands "Bitkom" sehen 44 Prozent in diesem Bereich vor allem Gefahren durch KI. Rund drei Viertel (73 Prozent) befürchten eine stärkere Kontrolle der Beschäftigten durch den Einsatz künstlicher Intelligenz, zwei Drittel (65 Prozent) den Verlust von Arbeitsplätzen. Fast jeder Zweite (45 Prozent) glaubt, dass KI dabei hilft, im Job Fehler zu vermeiden.

Richtiges Wissen weitergeben

"Künstliche Intelligenz umfasst eine Vielzahl von Anwendungen: von Analysetools, die beispielsweise Modetrends aus Social Media erfassen, bis hin zu Robotern, die Werker individuell bei ihrer Arbeit unterstützen", erklärt Angelika C. Bullinger-Hoffmann, Professorin für Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement TU Chemnitz. So vielfältig wie die KI-Anwendungen, seien die Veränderungen durch KI in der Berufswelt. "Wir müssen heute schon sicherstellen, dass bei denjenigen, die KI in ihrem Berufsalltag nutzen (werden), das richtige Wissen dazu gegeben ist. Denn wir werden nicht alle KI-Programmiererinnen, aber wir werden fast alle KI-Anwender sein.“

Professorin Angelika C. Bullinger-Hoffmann, TU Chemnitz, Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement.
Angelika C. Bullinger-Hoffmann, Professorin für Arbeitswissenschaft an der TU Chemnitz, weiß, dass künstliche Intelligenz auch vielen Arbeitnehmern Angst macht. Bildrechte: Angelika C. Bullinger-Hoffmann

Wir müssen heute schon sicherstellen, dass bei denjenigen, die KI in ihrem Berufsalltag nutzen (werden), das richtige Wissen dazu gegeben ist. Denn wir werden nicht alle KI-Programmiererinnen, aber wir werden fast alle KI-Anwender sein.

Angelika C. Bullinger-Hoffmann, TU Chemnitz, Professur Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement

Alles nur eine Blase?

Doch wie weit wird KI unsere Zukunft bestimmen? Wie dominant in die Lebensbereiche hineinragen? Wo liegen die Potenziale, aber auch die Grenzen von KI? Wird künstliche Intelligenz die Gesellschaft wirklich so stark verändern, wie damals die Dampfmaschine, die zur industriellen Revolution führte? „Viel von der gesellschaftlichen Diskussion um KI nicht mehr ist als eine durch Suggestion gefüllte Blase“, sagt Dr. Jochen Tiepmar, Word-Mining-Experte am Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT). KI könne Daten liefern, aber keine Ergebnisse. "Sobald die interpretative Arbeit losgeht, wird es schwierig mit der Digitalisierung. Computer sind extrem schlecht dabei, Kontextinformationen zu verwerten. Bei Erfahrungs- und Kontextwissen sollte man sehr vorsichtig mit Digitalisierung umgehen, das kann zu Schäden führen.“

Viel von der gesellschaftlichen Diskussion um KI nicht mehr ist als eine durch Suggestion gefüllte Blase. Sobald die interpretative Arbeit losgeht, wird es schwierig mit der Digitalisierung. Computer sind extrem schlecht dabei, Kontextinformationen zu verwerten.

Jochen Tiepmar, IT-Forscher am Hannah-Arendt.Institut für Totalitariusmusforschung
Jochen Tiepmar, Word-Mining-Experte am Hannah-Arendt-Institut für Totalitariusmusforschung sieht die Debatte um künstliche Intelligenz kritisch. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Kann künstliche Intelligenz diskriminieren?

Die Auslagerung von Tätigkeiten an Maschinen und damit eben auch an Computer, galt im Ursprung als extrem fortschrittlich, weil damit menschliche Fehler, menschliches Versagen und Schwankungen durch menschliche (soziale, emotionale, gesundheitliche) Tagesschwankungen ausgeglichen werden sollte. Die zuverlässige, rationale Maschine als positiver Kompensator des irrationalen Menschlichen. Doch ist das wirklich so? Kann KI gerechter sein, weil sie alle Menschen frei von Emotionen und sozialen Verbindungen gleichbehandelt? „Künstliche Intelligenz ist Teil unsere Gesellschaft. Sie ist nicht frei von Herrschaftsverhältnissen wie Sexismus oder Rassismus", sagt Katharina Klappheck, Referentin für feministische Netzpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung. "Wie sich KI entwickelt, hängt auch von demokratischen Bemühungen ab, die wir in Technikgestaltung stecken."

Katharina Klappheck, Referentin für feministische Netzpolitik Heinrich-Böll-Stiftung.
Katharina Klappheck kennt die schwarzen Flecken bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Bildrechte: Katharina Klappheck

Künstliche Intelligenz ist Teil unsere Gesellschaft. Sie ist nicht frei von Herrschaftsverhältnissen wie Sexismus oder Rassismus.

Katharina Klappheck Referentin für feministische Netzpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung

Künstliche Intelligenz, mitten unter uns und doch für viele undurchsichtig und weit weg. Kann künstliche Intelligenz unser Denken ersetzen, darüber sprechen wir bei "Dienstags direkt".

Moderation: Sina Peschke
Redaktionsmitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 28. Juni 2022 | 20:00 Uhr