Selbstbestimmt | 24.10.2021 Wenn die Worte steckenbleiben: Leben mit dem Stottern

In Deutschland gibt es etwa 800.000 Menschen, die Stottern. Die Ursache der Sprachstörung ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Vermutet wird eine Unregelmäßigkeit im Zusammenspiel von Nerven in der linken Gehirnhälfte, die für das Sprechen zuständig ist.

Zwei Mädchen führen ein Alpaka.
Gerade für Kinder gibt es ganz unterschiedliche Stotter-Therapien. Bildrechte: MDR/BR

Etwa 800.000 Menschen in Deutschland stottern. Etwa fünf Prozent davon sind Kinder zwischen zwei und sechs Jahren. "Bei den meisten Kindern hört das Stottern von selbst wieder auf", sagt Georg Thum. Er leitet die Stotterer-Beratung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das gilt allerdings nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Hoher Leidensdruck für Kinder

Nach Erfahrung von Georg Thum ist Stottern ab dem Schulalter in der Regel nicht mehr vollständig heilbar. Doch gerade für Kinder steigt der Leidensdruck schnell.

Barbara stottert selbst seit ihrer Kindheit. An ihre Schulzeit erinnert sie sich nur ungern: "Ich wurde wegen meines Stotterns zum Glück nicht gehänselt. Aber ich hatte dauernd inneren Stress und Angst, vor der Klasse zu sprechen. Deswegen habe ich mich nie gemeldet und von meinen Mitschülern zurückgezogen."

Ursache des Stotterns noch unklar

Die Ursache des Stotterns für die Wissenschaft nach wie vor ein Rätsel. Der Neurophysiologe Martin Sommer an der Universität Göttingen zum Thema.

Er vermutet eine Störung des Zusammenspiels von Nerven in der linken Gehirnhälfte, die für das Sprechen zuständig ist: "Wir wissen, dass der Motorcortex, also das Bewegungsareal des Gehirns, sich normalerweise dynamisch auf den nächsten Sprechvorgang vorbereitet. Diese Vorbereitung ist bei Stotternden gestört."

Warum manche Sprachepisoden flüssig und manche nicht seien, wisse man aber noch nicht, betont Martin Sommer.

Individuelle Therapieansätze können helfen

Die Sprachstörung ist vererbbar. Auch Barbaras siebenjährige Tochter stottert. Sie will ihr ersparen, was sie selbst in der Schulzeit erlebt hat. Deswegen schickt Barbara ihre Tochter regelmäßig zu einer Logopädin.

Um Redefluss und Sprechverhalten zu trainieren, gibt es verschiedene Therapien. Dabei geht auch darum, dass die Betroffenen sich mit ihrer Art, zu sprechen, wohlfühlen und einen individuellen Umgang mit ihrem Stottern finden.

Zu den erfolgreichsten Behandlungsmethoden in Deutschland zählt die "Kasseler Stottertherapie". Ziel der Methode ist, eine weiche Sprechweise zu erlernen und beizubehalten. Die computergestützte Intensivtherapie wird auch online angeboten. Die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen. Voraussetzung dafür ist, regelmäßig im Umfang von mindestens 90 Minuten pro Woche über einen Zeitraum von 10 Monaten zu üben.

Eine Unterstützung können auch Selbsthilfegruppen sein. Wichtig ist vor allem, dass ein Therapieansatz individuell passt. Beispielsweise gibt der Münchner Sprachheilpädagoge Georg Thum gibt Kurse speziell für junge Erwachsene zwischen 16 und 29 Jahren. Zwei ehemalige Teilnehmer des Kurses haben dann die Selbsthilfegruppe "Flow" gegründet, die sich ebenfalls an diese Zielgruppe richtet.

Leben mit Behinderungen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 24. Oktober 2021 | 08:00 Uhr