"Die DNA des Ostens" – Biografien, die bis heute den Osten prägen

Erfahrungen prägen den Blick auf unser Leben: die Eltern, die Heimat, aber auch große gesellschaftliche Umwälzungen wie die Wende. Wie stark ähneln sich die Erfahrungen der Ostdeutschen – und haben sie eine "DNA des Ostens" geformt?

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Die Erfahrungen der Ostdeutschen ähneln sich Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Anfang provoziert man mit einem solchen Projekt immer die Frage "…ist das nicht alles längst vorbei?" und beim genaueren Blick entsteht eher die Gegenfrage: "wieso?". Es sind doch Biografien, Erlebnisse, Erfahrungen, Prägungen von Menschen, die heute im, oder mit dem Osten dieses Landes leben.

Das Projekt will Anstoß geben, Biografien und Prägungen zu betrachten, zu hinterfragen und ernst zu nehmen, es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es will und kann in seinen Aussagen nie absolut sein, denn Prägungen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Es versteht sich als Möglichkeit der Selbstvergewisserung und des Dialogs, denn erst das führt zum Verständnis in der Gegenwart.

Verschiedene Generationen blicken heute sehr unterschiedlich auf das Ostdeutsch sein. Es sind kollektive Erfahrungen im Erwachsen werden, es ist das Erleben von Umbrüchen, aber auch ein Gemeinschaftsgefühl ebenso wie das Gefühl von Ausgrenzung das an verschiedenen Punkten auch zur biografischen Erfahrung gehört.

Hat das Leben und Aufwachsen im Osten die verschiedenen Generationen in besonderer Weise geprägt und was davon prägt sie bis heute? Haben auch die jungen Generationen eine "DNA des Ostens" in sich? Waren die Fragen, die am Beginn des Projektes standen.

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Das Aufwachsen im Osten prägt die Menschen bis heute Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gesellschaftliche Entwicklungen haben Einfluss auf individuelle Prägungen

Die DNA des Ostens basiert auf einer mehr als einjährigen Recherche, in der weit mehr als 100 Quellen, wissenschaftliche Studien, Publikationen und Erhebungen aus den vergangenen 70 Jahren zum Thema Prägungen und gesellschaftliche Wirkungen auf Menschen in Ostdeutschland ausgewertet und aufbereitet wurden. Ein Sozialwissenschaftler hat das Projekt vom ersten Konzept bis zur Publikation beratend begleitet.

Die zwischen 1950 und 2000 geborenen Ostdeutschen werden in neun Generationen unterschieden und ihre wohl wichtigsten Ereignisse und Erfahrungen analysiert: Sie reichen von Juri Gagarin bis Fridays for Future, von der Krippenbetreuung bis zur Treuhandabwicklung, vom Mauerbau bis zur Corona-Pandemie. Diese Prägungen – ob "pragmatisch", "desillusioniert"  oder "vernetzt" –  geben jedem Jahrgang eine gemeinsame "DNA", eine biografische Schnittmenge, die ihre Perspektive bis heute maßgeblich formt und an folgende Generationen weitergeben wird.

Entstanden ist ein Portal (www.diednadesostens.de), dass sich als Ausgangspunkt einer Verständigung und eines Dialogs steht, was die verschiedenen Generationen und Regionen des wiedervereinigten Landes bis heute prägt. Es gibt dem Nutzer die Möglichkeit, nach den Prägungen seiner eigenen Generation zu suchen und er kann schauen, welche gesellschaftlichen Ereignisse und Veränderungen vielleicht Einfluss auf die eigene Entwicklung hatten. 

Prägungen auch in der Nachwendegeneration

Entstanden ist auch eine TV-Dokumentation, die von den Prägungen einer jüngeren Generation erzählt, die die DDR wenig oder kaum bewusst erlebt hat und trotzdem eine starke Ostidentität empfindet. Für die sind Meinungs- und Reisefreiheit heute selbstverständlich und trotzdem steckt auch in ihnen noch eine ganze Menge Osten. Weniger aus dem eigenen Erleben, mehr aus der Wahrnehmung der Umbrüche nach der Wende, aus dem Erleben der Eltern und der Wahrnehmung des öffentlichen Bildes vom Osten.

Aufgewachsen im vereinten Deutschland suchen sie heute ihre Identität zwischen Ost und West. Ein Landwirt, eine Modedesignerin, ein Handwerker, eine Schauspielerin, ein Schriftsteller, eine Lehrerin, ein Erzieher, eine Unternehmerin, ein Kulissenmaler - neun Ostdeutsche aus Berlin, Magdeburg, Dresden, Görlitz oder einem Dorf in Thüringen erzählen von ihrem Leben; davon, wie sie wurden, wer sie sind.

"Die DDR ist wie ein großer Schatten. Ich habe sie nie erlebt, aber alles, was daraus folgt", bringt es eine Protagonistin auf den Punkt. "Wer wir sind" heißt die Dokumentation von Lutz Pehnert.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Wer wir sind - Die DNA des Ostens | 01. Oktober 2021 | 20:15 Uhr