Zapfenstreich mit "Farbfilm" für die Bundeskanzlerin Werden die Ostdeutschen Frau Merkel vermissen?

Heute wird die Bundeskanzlerin mit einem Zapfenstreich der Bundeswehr feierlich verabschiedet. Dass sie ein Kind des Ostens ist, zeigt sie noch einmal mit ihrem Musikwunsch "Du hast den Farbfilm vergessen" von Nina Hagen, den heute Abend das Stabsmusikkorps der Bundeswehr vor 200 geladenen Gästen in Berlin spielen wird.

Vielleicht war es ja 2005 eine noch viel größere Überraschung, dass es eine Frau an die Spitze des Staates geschafft hat, als dass sie eine Ostdeutsche ist. Und manchmal wurde auch – besonders versöhnlich – mit ihrem Geburtsort Hamburg Eimsbüttel argumentiert, der ja bekanntermaßen im Westen liegt. Eine so lange Amtszeit hatte ihr beim Antritt kaum jemand prognostiziert.

Mit ostdeutschen Prägungen an die Spitze

Angela Merkel geht durch den Bundestag.
Nach 16 Jahren Kanzlerschaft verlässt Angela Merkel die bundespolitische Bühne Bildrechte: dpa

Ein paar ihrer ostdeutschen Prägungen werden ihr auf dem Weg zur Macht durchaus geholfen haben. Emanzipiert und pragmatisch behauptet sie sich in der politischen Männerwelt ebenso, wie sie sich zuvor in der - auch von Männern dominierten - DDR Wissenschaftswelt durchgesetzt hat. Zwischen verschiedenen Welten und Interessen zu jonglieren und dabei nicht unterzugehen hat sie frühzeitig gelernt. Heute zeigt sich: wenn es Ostdeutsche in gesellschaftliche und politische Spitzenpositionen geschafft habe, dann sind es häufig Frauen.

Angela Merkel hat sich in ihrer Amtszeit gar nicht besonders für ostdeutsche Interessen eingesetzt, die eigene Herkunft und Sozialisation nie vor sich hergetragen und trotzdem war eine ostdeutsche Kanzlerin ein Meilenstein. Sie hat die CDU im Osten – zumindest während ihrer Amtszeit – stärker gemacht und auch Nicht-CDU-Wähler dazu gebracht, ihr als Person Respekt zu zollen. Ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern ist sie stets treu geblieben. Hier erlebt man sie bodenständig und unprätentiös.

Meist fand sie allerdings im Ausland deutlich mehr Anklang als in Ostdeutschland. Vielleicht auch weil sie viel Zeit damit verbrachte, Europa zu einen und weniger mit der Lösung sozialer- und Klimafragen beschäftigt war. Auch damit hat sie im Osten Sympathiepunkte verloren.

Während man sich im Westen mit jeder weiteren Amtszeit an sie gewöhnte, wurden im Osten des die Stimmen gegen die Landsmännin immer lauter. Die Flüchtlingskrise 2015 ließ ihre Beliebtheitswerte im Osten rapide sinken. Der Zorn von Pegida-Demonstranten und Corona-Leugnern fokussiert sich zunehmend auf Merkel als Person. Insbesondere bei öffentlichen Auftritten skandieren sie ein zynisches "Danke, Merkel" oder "Merkel muss weg.".

Schaut man aber auf die deutsche Bevölkerung insgesamt, zeigt sich heute ein anderes Bild: Drei Viertel der Deutschen meint, dass Angela Merkel alles in allem eine gute Kanzlerin war.  Im Osten konnte sie aber zuletzt nicht mehr so viele Sympathien gewinnen wie im Rest des Landes, ihre Beliebtheitswerte waren dort seit Jahren niedriger.

Möglichweise lag das daran, dass sich Angela Merkel nie als die "Mutti" der Ostdeutschen präsentierte – und der besonderen Prägung der Menschen zwischen Halle und Hoyerswerda für Manchen wohl nicht genug Beachtung schenkte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Wer wir sind - Die DNA des Ostens | 01. Oktober 2021 | 20:15 Uhr