Klinische Studie Behandlung von Affenpocken ist komplex

Die Zahl der Affenpocken-Fälle steigt weltweit, auch in Mitteldeutschland gibt es einen ersten Fall. Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt für Erkrankte eine Isolation von 21 Tagen und diskutiert über Impfungen. Eine aktuelle Studie aus Großbritannien zeigt, dass wir bisher keine zuverlässigen Möglichkeiten zur Behandlung des Virus haben und die Übertragung nicht nur beim Sex oder sehr engem Körperkontakt möglich ist.

Blutprobe mit Aufschrift Affenpocken
Mittlerweile gibt es vermehrt Fälle von Affenpocken in Europa. (Symbolfoto) Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Normalerweise kommen Affenpocken in West- und Zentralafrika vor – nachgewiesen wurde das Virus bei verschiedenen Nagetierarten wie Hörnchen, Ratten und Bilchen sowie bei Spitzmäusen. Der Mensch ist – genauso wie interessanterweise die namensgebenden Affen – eigentlich ein Fehlwirt. Das bedeutet, Menschen und Affen können zwar befallen werden, in ihnen kann sich das Virus jedoch eigentlich nicht weiterentwickeln. Übertragen wird das Virus meist durch den Kontakt mit Fleisch, Körperflüssigkeiten oder Ausscheidungen infizierter Tiere.

21 Tage Quarantäne für Infizierte und Kontaktpersonen

Dass sich in den vergangenen Wochen Menschen mit dem Affenpocken-Virus infiziert haben, die zuvor nicht auf dem afrikanischen Kontinent waren, ist ungewöhnlich. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gab am Dienstag (24.05.) bekannt, dass sein Ministerium nun eine 21-tägige Quarantäne für Affenpocken-Infizierte und deren enge Kontaktpersonen empfiehlt.

So verläuft eine Affenpocken-Infektion

Menschen können sich durch den Kontakt mit infizierten Tieren oder deren Fleisch mit dem Affenpocken-Virus infizieren. Zwischen Menschen wird das Virus selten und lediglich bei engem Kontakt übertragen – beispielsweise durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten, beim Sex. In der Frühphase kann die Krankheit möglicherweise auch Face-to-face durch ausgeschiedene Atemwegssekrete übertragen werden. Die Inkubationszeit für Affenpocken beträgt zwischen sieben und 21 Tagen. Erste Symptome der Viruserkrankung sind Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten. Einige Tage später treten Pocken auf der Haut auf, die letztlich verkrusten und abfallen. Diese "Hauteffloreszenzen" beginnen häufig im Gesicht, aktuell wurden jedoch auch Fälle gemeldet, bei denen die Pocken zuerst im Genitalbereich auftraten.

Im Gegensatz zu den seit 1980 ausgerotteten Menschenpocken ist der Verlauf bei Affenpocken in der Regel deutlich milder, die meisten Menschen erholen sich innerhalb weniger Wochen.

Quelle: Robert-Koch-Institut

Keine neue Pandemie

Eine nächste Pandemie sieht der Minister aber nicht aufziehen – und auch viele Ärztinnen und Ärzte in Deutschland schätzen das Risiko als gering ein. Tobias Tenenbaum, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Die Gefahrensituation ist gering, weil das Virus nur durch engen Körperkontakt, also über Körperflüssigkeiten oder Krusten, weitergegeben wird und nicht durch Tröpfcheninfektion wie Niesen, Husten oder Sprechen."

Übertragungswege sind noch nicht abschließend geklärt

Wie eng der Körperkontakt aber nun genau sein muss, damit das Virus übertragen werden kann, ist nicht zweifelsfrei gesichert. Das Robert-Koch-Institut erwähnt auf seiner Seite, dass es durchaus auch eine Face-to-Face-Übertragung des Virus geben könne und eine aktuelle Studie im wissenschaftlichen Journal The Lancet Infectious Diseases stellt fest, dass auch nach dem Abklingen der charakteristischen "Pocken“ auf der Haut noch über einen längeren Zeitraum Virus-DNA über die oberen Atemwege ausgeschieden wird – welche Rolle das in Ansteckungsprozessen spielt, ist unklar, aber die Autorinnen und Autoren der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass das Virus eben nicht nur mittels Sex oder sehr engem Körperkontakt übertragen werden könnte. Sie empfehlen, das bei der Eindämmung des Virus mit zu beachten.

Zwei Wirkstoffe gegen Affenpocken getestet

Eigentlich hatte die aktuell veröffentlichte Studie jedoch ein anderes Ziel: Bislang gibt es noch keine zugelassenen Behandlungsmethoden im Falle einer Affenpocken-Erkrankung. Das Team des NHS England High Consequence Infectious Diseases (Airborne) Network untersuchte deshalb, wie Patientinnen und Patienten auf zwei verschiedene antivirale Medikamente ansprachen. Die beiden Wirkstoffe, Brincidofovir und Tecovirimat, wurden im Sinne einer Off-Label-Nutzung getestet, also gegen Affenpocken eingesetzt, obwohl sie für diese spezielle Krankheit nicht von den Zulassungsbehörden genehmigt wurden.

Hautläsionen bei Patienten, bei denen Affenpocken nachgewiesen wurden
Charakteristische Hautveränderungen bei einer Affenpocken-Infektion. Bildrechte: dpa

Beide Medikamente sind grundsätzlich für eine Pockenbehandlung zugelassen und hatten ihre Wirksamkeit gegen Affenpocken bei Tieren bereits gezeigt. Eingesetzt wurden die Medikamente bei sieben Patienten, die im Zeitraum von 2018 bis 2021 in Liverpool, London und Newscastle im Krankenhaus wegen einer Affenpocken-Infektion isoliert wurden. Vier von diesen Patienten hatten sich auf dem afrikanischen Kontinent mit dem Virus angesteckt und es an drei Menschen in Großbritannien weitergegeben. In einem Fall wurde das Virus auch innerhalb einer Familie an Partner und Kind weitergegeben – eine Sache, die der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach zuletzt noch sehr deutlich ausgeschlossen hatte.

Tecovirimat sorgte für eine kürzere Infektionsdauer

Das Ergebnis der Behandlungen war, dass das vermeintlich erfolgversprechende Medikament Brincidofovir keinen klinischen Nutzen hatte und in allen Fällen zu Leberfunktionsstörungen führte, die einen Abbruch der Therapie nötig machten. Tecovirimat hingegen sorgte für eine kürzere Dauer der Symptome und war vorerst mit keinen unerwünschten Nebenwirkungen verbunden. Tecovirimat ist ein antiviraler Wirkstoff, der in den USA im Hinblick auf mögliche Bio-Angriffe mit Pockenviren entwickelt wurde. Der Wirkstoff bindet an ein Protein des Virus und hemmt es.  

Extrem kleine Fallzahl mindert die Aussagekraft der Studie

Wichtig ist, dass diese Studie mit extrem kleinen Fallzahlen arbeitet. Es ist also schwer, generalisierbare Aussagen abzuleiten. Allerdings scheint sie auch Hinweise zu liefern, dass das Affenpocken-Virus mittlerweile stärker zwischen Menschen übertragen wird als bisher.

2003 gab es beispielsweise einen Ausbruch in den USA bei Tieren, der mit dem Import von Gambia-Riesenhamsterratten zusammenhing. Diese hatten das Virus an Präriehunde (das sind ebenfalls Nagetiere) weitergegeben, die dann wiederum als Haustiere an Menschen verkauft wurden und so 47 Fälle von Affenpocken bei Menschen auslösten. Bestätigte Fälle, in denen das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wurde, gab es damals allerdings nicht.

Diese elektronenmikroskopische Aufnahme aus dem Jahr 2003, die von den Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellt wurde, zeigt reife, ovale Affenpockenviren (l) und kugelförmige unreife Virionen (r), die aus einer menschlichen Hautprobe im Zusammenhang mit dem Präriehundeausbruch von 2003 stammt.
Diese elektronenmikroskopische Aufnahme aus dem Jahr 2003, die von den Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellt wurde, zeigt reife, ovale Affenpockenviren (l) und kugelförmige unreife Virionen (r), die aus einer menschlichen Hautprobe im Zusammenhang mit dem Präriehundeausbruch von 2003 stammt. Bildrechte: dpa

Weitere Forschung ist dringend nötig

Ansonsten gab es bislang hin und wieder Fälle, in denen Menschen das Virus nach einer Reise aus Afrika mitgebracht hatten – Fallzahlen wie beispielsweise in Großbritannien mit aktuell (24.05.) 56 bestätigten Infektionen sind zumindest ungewöhnlich – die Autorinnen und Autoren der Studie empfehlen jedenfalls, das Virus ernst zu nehmen. Affenpocken beim Menschen könnten auch gut ausgestattete Gesundheitssysteme vor Herausforderungen stellen – nicht nur vermeintlich schlechter ausgestattete afrikanische Länder. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einer "neuen globalen Gesundheitsbedrohung, die sich grenzüberschreitend verbreiten und weiter übertragen werden könne“ – deshalb müsse dringend eine weitere Forschung an Medikamenten geben.

iz/ dpa

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/69bc7d70-293c-4cb2-a488-56b17cd9c7dc was not found on this server.