Studie zum Orientierungssinn Umgebung, in der man aufgewachsen ist, beeinflusst spätere Navigationsfähigkeit

Wer auf dem Land groß geworden ist, kann besser großräumig navigieren als Stadtkinder. Letztere finden sich dafür in kleinen verwinkelten Gebieten besser zurecht. Und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Zu diesen Schlüssen kommt eine Studie mit fast 400.000 Teilnehmern.

Ein Kompass zeigt in Richtung - Nord.
Wer in der Stadt einen Kompass braucht, kommt wahrscheinlich vom Land – und andersherum. Der Ort des Aufwachsens beeinflusst laut einer Studie den Orientierungssinn und die Navigationsfähigkeit im späteren Leben. Bildrechte: Colourbox.de

Dass man sich in Umgebungen besser zurechtfindet, die an die Kindheit erinnern, würde man wohl auch ohne Studie glauben. Aber ein internationales Forschungsteam, zu dem auch ein Geo-Informatiker aus Münster gehört, hat darüber hinaus gezeigt, dass Menschen, die vom Lande stammen, grundsätzlich einen etwas besseren Orientierungssinn haben als "Städter". Als Grund vermuten die Wissenschaftler, dass "Landkinder" schon immer längere Strecken zurücklegen mussten, während die Wege in der Stadt kürzer sind. Und je häufiger man in jungen Jahren längere Strecken zurücklegt, umso mehr schult das wohl das Navigationsvermögen.

Erstaunlich ist aber auch eine andere Erkenntnis – nämlich, dass ein Wechsel der Lebensumgebung im Erwachsenenalter (Umzug von der Stadt aufs Land oder andersherum) keine Rolle spielt, die Navigationsfähigkeit ändert sich dadurch nicht mehr. Diese Fähigkeit wird also schon im Kindesalter geprägt – und da ganz maßgeblich durch die Umgebung, in der man aufwächst. All das geht zumindest aus den untersuchten Daten von fast 400.000 Menschen hervor.

Videospiel als Studienobjekt

Wie kommt man aber an fast 400.000 Probanden? Keine Studie der Welt könnte so eine große Menge an Testpersonen "zu sich" holen. Aber online ist das möglich, besonders wenn die Probanden sich die Zeit spielerisch vertreiben können.

Dass Videospiele nicht nur der Unterhaltung, sondern manchmal auch der Wissenschaft dienen, zeigt hier aufs Neue das Spiel "Sea Hero Quest". Es half mit seinen verschiedenartigen Navigationsanforderungen schon bei der Alzheimer-Forschung, und nun wurde es verwendet, um Unterschiede in Sachen Orientierungssinn in Abhängigkeit von der geografischen Herkunft aufzuzeigen.

Zu Beginn eines jeden Levels sieht man eine Karte aus der Vogelperspektive, auf der Wegpunkte eingezeichnet sind, die man dann in der "realen" 3D-Umgebung in der richtigen Reihenfolge und möglichst schnell ansteuern muss.

Spiel-Interface "Sea Hero Quest"
Spiel-Interface "Sea Hero Quest" Bildrechte: Glitchers LTD

Millionen Spielerinnen und Spieler haben "Sea Hero Quest" schon gespielt – mit auswertbaren Leistungen. Für die Studie interessant waren aber nur solche, von denen auch bekannt war, wo sie aufgewachsen sind und wo sie inzwischen leben. Heraus kam eine immer noch beachtliche Zahl von 397.162 Probanden aus 38 Ländern der Welt. 53 Prozent davon waren Männer, 47 Prozent Frauen, das Durchschnittsalter lag bei beiden Geschlechtern bei etwa 38 Jahren.

Reißbrettstädte

Straßennetz Chicago
Straßennetz in Chicago, Illinois (USA) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Weil auch viele Spielerinnen und Spieler aus Nordamerika teilnahmen, konnte in der Studie überprüft werden, was es ausmacht, wenn man aus einer sogenannten Reißbrett- oder Gitternetz-Stadt stammt. Von denen gibt es viele in den USA und Kanada, Chicago ist ein berühmtes Beispiel. In solchen Städten gibt es fast ausschließlich rechtwinklige Kreuzungen. In der Studie wurde klar, dass Personen, die dort aufgewachsen sind, besonders gut auf Karten mit ähnlichen regelmäßigen Designs zurechtkamen, wohingegen sie auf "wilderen" Karten anderen Spielerinnen und Spielern unterlegen waren.

Organisch gewachsene Städte

Als klaren Gegensatz zu den Reißbrettstädten machten die Forscher organisch gewachsene Städte aus, wie sie vor allem in Europa vorkommen, auch in Mitteldeutschland.
Auf den folgenden sechs Bildern sind die Straßennetze der jeweils zwei größten Städte aus den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen abgebildet. Können Sie alle zuordnen? Die Auflösung gibt's dann zum Aufklappen direkt unter der Bildergalerie.

Straßennetze von sechs großen Städten in Mitteldeutschland - erkennen Sie sie?

Straßennetz 1 (von 6
Straßennetz 1 (von 6) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Straßennetz 1 (von 6
Straßennetz 1 (von 6) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Straßennetz 2 (von 6)
Straßennetz 2 (von 6) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Straßennetz 3 (von 6)
Straßennetz 3 (von 6) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Straßennetz 4 (von 6)
Straßennetz 4 (von 6) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Straßennetz 5 (von 6)
Straßennetz 5 (von 6) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Straßennetz 6 (von 6)
Straßennetz 6 (von 6) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Bei den sechs Bildern handelt es sich um die Straßennetze von 1. Dresden, 2. Erfurt, 3. Halle/Saale, 4. Jena, 5. Leipzig und 6. Magdeburg. Die Städte sind also alphabetisch geordnet.

Vergleich Abbiegewinkel Chicago und Prag
Vergleich der verschiedenen genutzten Winkel beim Abbiegen in Chicago und Prag Bildrechte: Coutrot et al./Nature

Als bestes Beispiel für eine organisch gewachsene Stadt wurde in der Studie Prag genannt. Den Unterschied verdeutlichten die Wissenschaftler in zwei Bildern, die veranschaulichen, welche Arten von Richtungswechseln man macht, wenn man sich auf einer langen zufälligen Route durch Chicago bewegt – und welche, wenn man auf gleiche Art in Prag unterwegs ist.
Während der "Richtungskompass" in Chicago fast nur rechte Winkel kennt, kommen die in der tschechischen Hauptstadt zwar auch häufig vor, aber der Rest des ganzen 360-Grad-Spektrums wird beim Abbiegen in Prag ebenso abgedeckt, mehr oder weniger gleichmäßig.

Menschen, die in organisch gewachsenen Städten wie Prag groß geworden sind, haben laut Studienergebnissen gegenüber der "Reißbrett-Gruppe" zwar Nachteile bei kleinteiligen, immerfort rechtwinkligen Zickzack-Kursen, sie können aber besser navigieren, wenn es um längere ungleichmäßige Wegstrecken geht.

Was Hänschen nicht lernt...

Welche große Rolle die Kindheitsprägung bei der Navigationsfähigkeit spielt, zeigten die Daten solcher Probanden, die mittlerweile ihr Umfeld geändert haben, also von der Stadt aufs Land gezogen sind oder umgekehrt. Bei ihren Leistungen gab es keine Unterschiede zur Vergleichsgruppe, die immer noch im aus der Kindheit gewohnten Umfeld lebt. Daraus schlossen die Autoren, dass sich das Navigationsvermögen mit zunehmendem Alter zwar individuell ändern kann, es aber keine Rolle mehr spielt, wo man als Erwachsener lebt. Deutlich prägender ist das Umfeld in der Kindheit.

(rr)

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