Sprachentwicklung Bilinguale Kinder, deren Eltern ähnliche Sprachen sprechen, haben einen größeren Wortschatz.

Eigentlich ging man bisher davon aus, dass Kinder, die zweisprachig aufwachsen, in den jeweiligen Sprachen einen kleineren Wortschatz haben als einsprachig aufwachsende Kinder. Nun konnte eine Forschungsgruppe aus Duisburg-Essen, Leipzig und Zürich aber zeigen, dass der Wortschatz von Kindern, deren Eltern zwei sehr ähnliche Sprachen sprechen, größer ist – und zwar in beiden Sprachen.

Ein kleiner Junge mit einem Megafon
Bildrechte: PantherMedia/Sorapop Udomsri

Sprechen zu lernen ist eine Meisterleistung des Gehirns. Kinder machen das ganz automatisch, nebenbei und ohne große Anstrengung. Auch wenn sie zweisprachig aufwachsen. Wie sie die beiden Sprachen erlernen und welchen Wortschatz sie ausbilden, hängt von vielen Faktoren ab. So spielt zum Beispiel das sozioökonomische Umfeld eine Rolle, aber auch, welche Sprache zuhause überwiegend gesprochen wird und welche Wörter die Kinder öfter hören. Frühere Studien hatten dazu bereits festgestellt, dass die Wortschatzentwicklung der bilingualen Kinder in beiden Sprachen nicht gleich aufgeteilt ist, denn die Kinder erhalten nie einen 100-prozentigen Input beider Sprachen. Eine der Sprachen ist also meist dominant. Bisher wurde auch festgestellt, dass bilinguale Kinder und Erwachsene in den jeweiligen Sprachen einen tendenziell kleineren Wortschatz haben als diejenigen, die nur mit einer Sprache aufwachsen. Kombiniert man allerdings den Wortschatz beider Sprachen, ist er durchaus vergleichbar mit dem von einsprachig aufwachsenden Kindern.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Forschende der Universität Duisburg-Essen (UDE), Leipzig und Zürich haben nun untersucht, welche Auswirkung die Ähnlichkeit von zwei Sprachen auf den Spracherwerb und den Wortschatz von bilingualen Kleinkindern hat. Die Forschenden nahmen an, dass sich die Ähnlichkeit zweier Sprachen wie etwa zwischen Deutsch und Niederländisch positiv auf deren Spracherwerb auswirkt, denn das konnte bereits in Bezug auf den Erwerb einer Zweitsprache beobachtet werden. Hier allerdings können die Sprachlerner- und lernerinnen bereits auf den Wortschatz einer ersten Sprache zurückgreifen und diese als Gerüst fürs Vokalbellernen benutzen. Bei Kleinkindern, die gerade erst das Sprechen erlernen, ist das nicht der Fall. Die Forschenden wollten also wissen, wie sich der Wortschatz zweier Sprachen entwickelt, wenn diese Basisstruktur als Lernhilfe noch nicht vorhanden ist.

Apfel, Apple oder Jabłko

Dafür untersuchte das Team um Studienleiterin Dr. Anja Gampe vom Gerhard Mercator Graduiertenkolleg der UDE den produktiven Wortschatz von 306 Kindern im Alter von 18 bis 36 Monaten, von denen ein Elternteil Schweizerdeutsch sprach und das andere Elternteil eine andere Muttersprache, wie etwa Englisch, Polnisch oder Schwedisch. Insgesamt ergaben sich 19 Kombinationspaare. Dann untersuchten die Forschenden, wie sich die Sprachen in Klang und Grammatik ähneln, zum Beispiel anhand des Wortes Apfel (Deutsch), Apple (Englisch) und Jabłko (Polnisch).

Das Ergebnis ihrer Studie zeigte, dass Kinder, die mit sehr ähnlichen Sprachen aufwachsen, einen größeren Wortschatz haben als Kinder, die mit sehr unterschiedlichen Sprachen aufwachsen. Und das gilt für beide Sprachen, die sie lernen.

Effiziente Strukturen im Gehirn

Die Forschenden erklären sich das Ergebnis wie folgt: Um eine Sprache zu erlernen, legen wir im Gehirn Strukturen an, die uns dabei helfen, uns nicht nur Wörter zu merken, sondern diesen auch eine Bedeutung zuzuordnen und zu wissen wann, wie und warum man sie verwendet. Denn wahllos aneinandergereihte Wörter ergeben noch keine Sprache. Dabei werden auch Muster festgelegt, die uns dabei helfen, auf die jeweiligen Wörter zuzugreifen, uns zu erinnern was sie bedeuten und wie wir sie verwenden.

Ähneln sich nun bestimmte Elemente und Strukturen in den beiden Sprachen, die erlernt werden, könnte das dazu führen, dass diese Muster beim Sprechen ko-aktiviert werden. Vereinfacht gesagt wird das eine Wort in Sprache A gesprochen, denkt das Gehirn das gleiche Wort aus Sprache B gleich mit, weil sie sich so ähnlich sind. Das hat natürlich zur Folge, dass beide Wörter viel stärker im Gehirn verankert werden und besser zugänglich sind. Das erleichtert das Sprechen dieser Wörter sehr und vergrößert somit auch den Wortschatz der Kinder, die mit zwei sehr ähnlichen Sprachen aufwachsen. Kinder, die dagegen mit zwei unähnlichen Sprachen aufwachsen, benötigen mehr Zeit, um die gleiche Anzahl von Wörtern zu lernen. Das heißt, dass ihnen viele Wörter erst später in ihrer Entwicklung zur Verfügung stehen.

Wie ähnlich oder unähnlich sich die beiden Sprachen sein müssen, damit dieser Effekt von statten geht, muss allerdings noch in weiteren Studien untersucht werden.

JeS

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