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Buchtipp der Woche Die Nase vorn. Eine Reise in die Welt des Geruchssinns.

Gerald Perschke
Bildrechte: Frank Laudan

Der Nase nach. Die Nase voll. Alle Nase lang. Es gibt jede Menge Sprichwörter rings um die Nase. Aber wer wirklich wissen will, was es mit diesem Sinnesorgan auf sich hat, muss sich nur eins merken: "Die Nase vorn". So heißt das Buch des ausgewiesenen Fachmanns für alles, was mit dem Geruchssinn zu tun hat, Bill Hansson.

Um den Titel herum sind vier Tiere abgebildet, z.T. nur mit deren "Köpfen": Maus, Geier, Biene und Schmetterling.
Buchempfehlung: Die Nase vorn Bildrechte: Verlag S. Fischer

Riechkolben! Klingelt da was bei Ihnen? Ach, Sie sind Neurologe? Dann muss ich es Ihnen nicht erklären. Aber für alle anderen vielleicht doch: Also der Riechkolben, wo befindet er sich? Nein, nicht mitten im Gesicht. Etwas weiter oben. Im Gehirn. Denn der Riechkolben, so erfahren wir bereits auf Seite 15 das erste Mal, ist unser primäres olfaktorisches Gehirnzentrum. Das gilt zumindest für Wirbeltiere. Denn bei Gliederfüßern ist es der Antennalloben.

Und damit willkommen in der wunderbaren Welt des Bill Hansson. Wenn Sie auch nur ein wenig Interesse für das Thema Geruch/Riechen haben, dann wird dieses Buch Ihnen die Nase öffnen. Und einen Partygag gibt’s obendrauf. Aber der Reihe nach. Kommen Sie mit auf eine Reise in die Welt des Geruchssinns.

Der Mensch ist eher ein Riech-Zwerg

Und diese Reise fängt an beim Menschen. Der gibt eine ganze Menge Geld für Kosmetik, Düfte und Pflege aus. Im ersten Corona-Jahr stieg der Umsatz der Parfümerien in Deutschland um fast vier Milliarden auf 22,22 Milliarden Euro.

Mann riecht an Bier
Wie riecht eigentlich Bier? Hefig? Für Gerüche fehlen uns gute Wörter. Bildrechte: imago images / PhotoAlto

Dabei sind wir Menschen, was das Riechen angeht, eher Zwerge. Gut, wir können auch zigtausende, vielleicht sogar viele Millionen Gerüche unterscheiden. Aber wir kriegen nicht mal Pheromone mit. Zumindest gibt es keinen Nachweis dafür, dass wir diese Lockstoffe wahrnehmen können. Wir haben auch nur ein Organ für den Geruchssinn. Die Maus dagegen hat vier! Und wir haben, beklagt Hansson, noch nicht mal gute Wörter für Gerüche, nichts Vergleichbares etwa mit Farben, kein "Das riecht aber schön rot".

Nachtfalter sind Geruchsriesen

Gegen uns sind zum Beispiel die kleinen Nachtfalter echte Riech-Riesen. Bill Hansson nutzt einen Vergleich, um das zu erklären. Und der geht so: Ein Kilo Zucker in die Ostsee. Umrühren, kosten, Unterschied feststellen. "Können wir eine derart geringe Konzentrationsänderung wahrnehmen?", fragt er und liefert die Antwort: "Ein Nachtfalter ist genau dazu in der Lage." Und zwar, wenn er unterwegs ist zu seiner Nachtfalterin. Dabei kann er wenige, einzelne Moleküle in einem Kubikzentimeter Luft wahrnehmen. Zum Vergleich. Beim Menschen liegt die Geruchsschwelle bei 200 Millionen Molekülen.

Hunde, Mäuse, Vögel, Fische

Natürlich widmet sich Hansson auch den Hunden. Klar, deren Geruchssinn ist uns wohlbekannt. Aber (Achtung, Partywissen) was denken Sie, wie weit kann ein Hund eine Geruchsspur wahrnehmen? Möglicherweise aus bis zu eineinhalb Kilometer Entfernung (insbesondere, wenn es um eine läufige Hündin geht.)

Für Mäuse (wir erinnern uns, vier Organe) ist Riechen alles. Futter, Feinde, Fortpflanzung, alles wird über den Geruch gesteuert. Bei Vögeln dagegen gab es lange die Behauptung, dass Riechen für sie keine Bedeutung hat, dass sie anosmisch seien, gar nicht riechen könnten. Experimente mit Brieftauben wiederlegten das. Und das Verhalten etwa der Albatrosse. Doch dass diese sich hungrig auf Plastik im Meer stürzen, ist unsere Schuld. Denn leider nimmt Plastik, wenn es lange genug im Meer ist, den Geruch von Dimethylsulfid (DMS) an. Dummerweise ist das der Geruch, den auch der Krill verströmt. Und der bedeutet für die Albatrosse und viele andere Meeresvögel: Futter!

Um den Titel herum sind vier Tiere abgebildet, z.T. nur mit deren "Köpfen": Maus, Geier, Biene und Schmetterling.
Buchempfehlung: Die Nase vorn Bildrechte: Verlag S. Fischer

Die Daten zum Buch Bill Hansson: Die Nase vorn. Eine Reise in die Welt des Geruchssinns. Verlag S. Fischer 2021, 400 Seiten, 24 € (als eBook 19,99 €), ISBN 978-3-10-397063-0

Noch was vergessen?

Jede Menge. Also sollten sie das Buch besser lesen. Dann erfahren sie, warum Schweißfüße Malaria-Mücken anlocken. Oder wie Hammerhaie in Stereo reichen und welchen Vorteil das hat.

Aber eins verrate ich Ihnen doch noch. Hanssons kleinen Partygag, den er gern bei seinen Erstsemestern ausprobiert, um ihnen zu zeigen, wie wichtig das Riechen für den Geschmack ist. Sie brauchen: Eine Augenbinde, eine Klammer für die Nase und zwei Schälchen mit Ketchup und Senf. Ein Gast darf sich freiwillig melden. Sie/Er bekommt das Tuch über die Augen, die Klammer auf die Nase. Jetzt darf sie/er kosten. Kann sie/er Ketchup und Senf unterscheiden? Sie werden überrascht sein!

Freundlich lächelnder Mann mit wenig Haaren, schwarzer Hornbrille und blond-grauem Vollbart, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Weißes Hemd mit gestreifter blauer Krawatte; darüber graues Jackett.
Bill Hansson Bildrechte: Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

Der Autor

Bill Hansson ist nicht nur ständig weltweit unterwegs, um den Geruchssinn (z.B. der Palmendiebe) zu erforschen. Er ist auch andauernd dabei, sein Wissen weiterzugeben. Und diese vielen Vorträge sind das Material für sein Buch. Das macht es kurzweilig, auch wenn er Fachbegriffe nicht ausspart. Und für den wirklich interessierten Leser gibt es 38 (in Worten achtunddreißig) Seiten mit Anmerkungen.

Angeblich wollte Hansson schon mit vier Jahren Professor für Zoologie werden. Er ist Mitglied der Schwedischen Königlichen Akademie der Wissenschaften (sie wissen schon, die mit den Nobelpreisen) und seit kurzem auch ausländisches Mitglied der Chinesischen Wissenschaftsakademie. Seit 2006 ist der in Jena Direktor des Max-Planck-Institutes für chemische Ökologie. Und es ist kein Zufall, dass sein Profilbild dort ein Nachtfalter ist.

Gerald Perschke
Bildrechte: Frank Laudan

Der Rezensent Ist bei MDR WISSEN für den Onlinebereich zuständig – kennt (dank Apps) den Zilpzalp und die Späte Traubenkirsche, und liebt es, nachts in den Himmel zu schauen. Vor allem im Sommer und wenn die ISS über den Saalekreis fliegt.