Buchtipp der Woche Eine kurze Geschichte von fast allem – Ausgabe für junge Leserinnen und Leser

Matthias Vorndran
Bildrechte: Tobias Thiergen

Erfolgsautor Bill Bryson hat seine "kurze Geschichte von fast allem" für junge Leser neu geschrieben. Ein Buch für viele Jahre, aber schlecht für den Rücken – meint unser Redakteur Matthias Vorndran.

Das Cover, eine Zeichnung, zeigt zwei junge Menschen, die auf einer sandfarbenen Erde sitzen und ein riesiges Buch in der Hand halten. Über ihnen, mehr als drei Viertel des Covers einnehmend, der dunkelblaue Nachthimmel mit der Erdkugel und einer Raumstation, um sie herum einige Gegenstände, Pflanzen oder Lebewesen (wie Saurier, Farne oder Laborutensilien).
Unsere Buchempfehlung. Für junge Menschen, die viel wissen möchten. Bildrechte: cbj Verlag

Im Zentrum der Doppelseite ist eine stilisierte Sternenexplosion zu sehen, wie man sie durch ein Teleskop betrachten würde. Darunter das entsprechende Teleskop und ein Mann, der in den Himmel blickt und seinen Blick mit über den Augen gehaltenen Händen vor zu viel Licht schützt.
Was ist eine Supernova? Und was hat Bob Evans damit zu tun? Bildrechte: cbj Verlag

"Papaaa …" sagt meine Tochter, und ich weiß, dass die Gespräche kompliziert werden in den Phasen, in denen sie nahezu jeden Satz mit diesem hintenraus langgezogenen "Papaaa …" beginnt. "Papaaa, ich möchte so viel mehr wissen über das Weltall, wie es entstanden ist, ob es irgendwo aufhört und das alles!" Dieser Dialog ist ein paar Monate her und ich habe ihr damals die Mitgliedschaft in einer Astronomie-Kindergruppe in unserer Stadt empfohlen – der Tipp kam eher so semiüberzeugend an und ich glaube, es war am Ende leider einer von einer langen Reihe von Momenten, in denen ich die an mich gestellten Erwartungen als Vater nicht ganz erfüllen konnte.

Heute würde ich anders reagieren, nämlich eher so wie die Frau in der Werbung, die der verzweifelten Nachbarin lächelnd und quasi aus dem Nichts eine 5-Liter-Flasche Weichspüler in die Hand drückt und ihr damit das Leben oder wenigstens das Hausfrauen-Seelenheil rettet. Ich bin vorbereitet – für die nächste Runde "Papaaa …".

Eine Abbildung der unbemannten Raumsonde Voyager 1
Wie weit können wir uns von der Erde entfernen? Bildrechte: cbj Verlag

Ein "geläuterter naturwissenschaftlicher Ignorant"

Meine Flasche Weichspüler kommt in Gestalt eines großformatigen Buches, mit in allen Farben schillernden Illustrationen und dem selbstbewussten Titel: "Eine kurze Geschichte von fast allem". Moment, war da nicht mal was? Genau – vor mittlerweile 19 Jahren veröffentlichte ein gewisser Bill Bryson ein Buch gleichen Titels, das keinen geringeren Anspruch auf dem Cover vor sich hertrug, als den Leser mit einer möglichst großen Menge wissenschaftlicher Allgemeinbildung auszustatten. Der Autor hatte sich in den Jahren zuvor eine treue Leserschaft mit Reiseberichten erarbeitet, die launige Titel wie "Frühstück mit Kängurus" (über Australien) oder "Reif für die Insel. England für Anfänger und Fortgeschrittene“ trugen. Seinen Schwenk hin zu den Naturwissenschaften kommentierte die F.A.Z. seinerzeit trocken mit den Worten: "Hier hat ein geläuterter naturwissenschaftlicher Ignorant für seinesgleichen geschrieben". 

Das Cover, eine Zeichnung, zeigt zwei junge Menschen, die auf einer sandfarbenen Erde sitzen und ein riesiges Buch in der Hand halten. Über ihnen, mehr als drei Viertel des Covers einnehmend, der dunkelblaue Nachthimmel mit der Erdkugel und einer Raumstation, um sie herum einige Gegenstände, Pflanzen oder Lebewesen (wie Saurier, Farne oder Laborutensilien).
Unsere Buchempfehlung. Für junge Menschen, die viel wissen möchten. Bildrechte: cbj Verlag

Die Daten zum Buch Bill Bryson: Eine kurze Geschichte von fast allem – Ausgabe für junge Leserinnen und Leser. Überarbeitete Neuausgabe mit Illustrationen von Daniel Long, Dawn Cooper, Jesús Sotés und Katie Ponder. cbj Verlag 2022, 176 Seiten, 22 €, ISBN 978-3-570-17988-8


Ein Buch für viele Jahre

Nun, fast zwei Jahrzehnte später, erscheint eine Version mit dem Untertitel "Ausgabe für junge Leser" und ist – zum Glück – mehr Bilderbuch als Wissenschaftswälzer. Die Macher haben es geschafft, das enorm breite Themenspektrum der großen Vorlage auf ein kindgerechtes Format zu übertragen. Empfohlen wird es für Leser ab 10 bis 99 Jahren, und das kann man getrost für bare Münze nehmen. Dieses Buch ist – inhaltlich betrachtet – sehr, sehr nachhaltig und dürfte seine Besitzer über Jahre begleiten.

Auf 170 Seiten kann meine an ihrem Wissensdurst verzweifelnde Tochter jetzt ganz tief eintauchen in Wissensgebiete vom Urknall über die Entstehung der Erde, die Dinosaurier, die Astronomie und Einstein bis hin zur drohenden Klimakatastrophe, kann Bekanntschaft mit den einschlägigen Forscherinnen und Forschern schließen oder sich mit Hilfe der wunderschönen Illustrationen einfach blätternd durch die Wissenshistorie treiben lassen.

Auf der Doppelseite sind vier Männer zu sehen, von denen zwei ein Saurierskelett untersuchen, zusammensetzen oder auseinandernehmen. Die beiden anderen sind mit Kisten beschäftigt aus denen (oder in die) die Skelettteile kommen.
Wie alt ist die Erde? Ein spannendes wissenschaftliches Thema! Bildrechte: cbj Verlag

Große Fragen – und faszinierende Details

Der Inhalt des Buches hangelt sich dabei nicht plump an einem Zeitstrahl entlang, sondern findet einen intelligenten Kompromiss aus chronologischer und thematischer Herangehensweise, nimmt sich Zeit für die ganz großen Fragen ("Wie alt ist die Erde?") und wichtige Meilensteine in der Entwicklung des Lebens ("Raus aus dem Meer"), gönnt sich an anderer Stelle aber einen genauen Blick auf faszinierende Details, wenn zum Beispiel erklärt wird, wie ein Schwamm sich immer wieder zu einem neuen Schwamm aufbaut, selbst wenn man ihn vorher durch ein Sieb gestrichen hat.

Die auf den ersten Blick übergroße Fülle an Informationen (wir sprechen hier schließlich über fast alles …) verliert ihren Schrecken durch ein Layout, das längere und kürzere Texte, detailliertere und eindrucksvoll seitenfüllende Bilder so clever kombiniert, dass die Leserin/der Leser sich nie erschlagen, sondern immer stets gut informiert fühlt. Ein großes Glossar macht das Buch sogar zu einem prima Nachschlagewerk für den nächsten Schulvortrag.

Die Doppelseite beschreibt Entdeckung von Atomen und Molekülen sowie deren Gewicht und Größe.
Atome - sehr, sehr klein und sehr, sehr alt. Bildrechte: cbj Verlag

Kein typischer Bryson

An alle hier mitlesenden Mütter oder Väter: Ja, man kann diese Version des Buches gut vorlesen, vorausgesetzt, man findet ein Setting, das es den Kindern ermöglicht, die Bilder zu den Geschichten mitzuverfolgen. Ja, diese Settings gehen in der Regel auf den Rücken, aber das sollte es Ihnen wert sein …

An alle mitlesenden Bryson-Fans: Nein, die Ausgabe für junge Leser hat die meist leicht spöttische, pointierte Erzählweise Brysons nicht übernommen – und das ist auch gut so. Denn die ironisierte, latent verzweifelte Abgehangenheit, mit der Bryson seine Reiseberichte verfasst, wendet sich an Erwachsene und ist nichts für Kinder, die sich gerade erst daran machen, die Welt zu entdecken. "Papaaa…?"

Rauchende Fabrikschlote stoßen riesige Mengen an Schadstoffen in die Luft.
Wann lernen wir, dass wir dringend umdenken müssen? Bildrechte: cbj Verlag
Matthias Vorndran
Bildrechte: Tobias Thiergen

Der Rezensent Dass er nicht gut Einhörner malen kann, ist in der Familie geklärt. Dass er nicht immer alles weiß und schon gar nicht erklären kann, wird leider immer häufiger zum Problem. Auch deswegen hat Matthias Vorndran sich bereit erklärt, in unregelmäßigen Abständen Wissensbücher für Kinder zu lesen und hier darüber zu schreiben.

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