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Wissen, was wir lesen Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft

Carsten Dufner
Bildrechte: Tobias Thiergen

17 große globale Herausforderungen hat die UN identifiziert. Um Klimakrise, Armut, Kriege und vierzehn weitere große Problemfelder lösen zu können, sind radikale Änderungen vor allem auch in den Volkswirtschaften der Welt erforderlich. Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato sieht gewaltige Aufgaben auf uns zukommen, aber sie hat dazu auch einen gewichtigen Lösungsvorschlag. MDR WISSEN-Redakteur Carsten Dufner findet: ein großartiges Buch!

Mariana Mazzucato: Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft
Bildrechte: Campus Verlag

Von Moonshots und Missionen

Ein Space Shuttle schießt in den Sternenhimmel. Gut sieht das aus, spannungsgeladen in Komplementärfarben getaucht! Aber warum auf dem Cover eines Buchs zur "Neuen Wirtschaft"? Geht die gerade durch die Decke? Wird wieder einmal unendliches Wachstum versprochen? Astronomische Zuwächse sozusagen? Nichts von alledem. In diesem Buch geht es um "Moonshots", also um Projekte oder gar Visionen, deren Umsetzung die Menschen extrem fordern, die aber auf ihrem Weg auch zahlreiche positive Nebeneffekte haben. "Missionen" nennt Autorin Mariana Mazzucato diese Moonshots, die sie der Wirtschaft, der Gesellschaft und vor allem der Politik nahelegt.

"Think big(ger)" scheint sie all denen zuzurufen, die sich hinter Ressortdenken und kleinteiligem Ausbessern von Schäden verschanzen, die nur Probleme sehen, die es zu lösen gilt, dabei aber mit ihren Scheuklappen vergessen, dass sie eigentlich aktiv gestalten könnten. Vor allem ermuntert sie die Politik, Missionen zu definieren, sich große Ziele vorzunehmen, auch ohne gleich zu wissen, wie alle Schritte dorthin im Detail aussehen werden, sich zu vernetzen, Risiken zu akzeptieren, Finanzen und Aktionen an diesen Missionen auszurichten, nicht an dem, wie "es bislang immer gemacht wurde".

Und dabei bringt sie immer wieder Vergleiche zum Klassiker der Moonshots, zur Apollo-Mission der NASA, bei der ohne Rücksicht auf Bedenkenträger ungeheuer viel Geld in die Hand genommen wurde, um das große Ziel zu erreichen, einen Menschen auf den Mond und gesund auch wieder zurück auf die Erde zu bringen. Und die damit, quasi nebenbei und unbeabsichtigt, so viele Entwicklungen und Entdeckungen gemacht hat, die wir aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegdenken können:

Das Bild zeigt 20 Dinge, deren Entwicklung wir der Raumfahrt verdanken, von Computertomographen bis hin zu Rauchmeldern oder künstlichen Gliedmaßen.
Die "Spill-Over-Effekte" der Apollo-Mission. Dinge, die wir heute für selbstverständlich halten. Bildrechte: Campus Verlag

Aus heutiger Sicht erscheinen die Herausforderungen des Apollo-Projekts gering im Vergleich zu den großen Problemen unserer Zeit. 17 Ziele haben die UN 2015 für die Menschheit definiert, darunter nicht weniger als z.B. die Bekämpfung von Armut und Hunger, den Schutz der Ökosysteme, die Verhinderung einer Klimakatastrophe oder auch Frieden und Gerechtigkeit. All diese Ziele, so Mazzucato, können nicht mit halbherzigen Aktionen erreicht werden, mit Einzelmaßnahmen (wie groß die auch immer sein mögen) oder Anstrengungen auf einzelnen Gebieten. Ein Moonshot muss her. Oder am besten gleich mehrere.

Das Bild zeigt die 17 Ziele, die die UN für eine nachhaltige Entwicklung definiert hat, von "Armut beenden" bis zum "Ergreifen sofortiger Klimaschutzmaßnahmen".
17 Themengebiete - eine riesige Herausforderung für die Menschheit Bildrechte: Campus Verlag

Sieben Säulen einer missionsorientierten Volkswirtschaft

Was macht nun eine Mission aus? In Mazzucatos Definition dreht sich viel um die Rolle des Staates bzw. dessen Handlungs(un-)fähigkeit. Der habe sich mehr und mehr auf eine Position zurückgezogen, in der er alles Wichtige nach außen gibt (Outsourcing!) und selbst nur noch dann eingreift, wenn etwas schiefgeht und er reparieren muss. Aus der falschen Annahme heraus, dass die Privatwirtschaft weniger Fehler begehe und der Markt sowie immer die beste Lösung finde, aus Angst davor, dass etwas schiefgehen könnte (und dann in Presse und Sozialen Medien über die Politik hergefallen wird), riskiert man lieber nichts und hofft, dass es der Markt schon richtet. Der dann aber gar kein echtes Risiko eingehen muss, da es ja am Ende noch den Staat gibt, der (z.B. mit Rettungsschirmen, einer CO2-Steuer oder halbherzigen Gesetzen) dann eingreift, wenn etwas kolossal falsch gelaufen ist.

Der Staat muss wieder steuern lernen, sagt Mazzucato. Und definiert sieben Säulen eines Missionsansatzes, auf denen eine Volkswirtschaft ruhen sollte:

  1. Werte: Missionen orientieren sich am Gemeinwohl, nicht an der Förderung einzelner privatwirtschaftlicher Ideen.
  2. Marktgestaltung: Der Staat finanziert nur Projekte, die die selbstdefinierten Ziele verfolgen.
  3. Organisatorische Veränderungen: weg von Ressortdenken, hin zu Querschnittskommunikation, vor allem auch (Aus-)Bildung der Mitarbeiter*innen in der Verwaltung und Ermutigung, Risiken einzugehen und Fehler zu machen.
  4. Langfristige Finanzierung: nicht nur Verwaltung des Mangels, die sich von Budgetjahr zu Budgetjahr hangelt, sondern eine (auch kreditfinanzierte) längerfristige und ergebnisorientierte Ausstattung für die Erreichung der Ziele.
  5. Verteilung und inklusives Wachstum: Risiken und Gewinne verteilen statt einer Sozialisierung der Risiken bei gleichzeitiger Privatisierung von Gewinnen.
  6. Partnerschaft und Stakeholder Value: Privatwirtschaft und Staat als Partner, die aufeinander angewiesen sind. Weg von der Orientierung an Gewinnen Einzelner, hin zu einer kollektiven Wertschöpfung.
  7. Teilhabe: Anders als bei Apollo, bei dem die Ansage "von oben" kam, lassen sich die wirklichen Herausforderungen nur mit Beteiligung aller gesellschaftlichen Kräfte realisieren.

Ein sehr komplexes Netzwerk zeigt, wie sehr alle Herausforderungen unserer Zeit eng miteinander verbunden sind
Ressortdenken war gestern. Wer die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht vernetzt angeht, hat schon verloren. Bildrechte: Campus Verlag

Eine gefragte Expertin

"Mission" ist eine konsequente Weiterentwicklung der Gedanken, die Mariana Mazzucato in ihren beiden vorherigen Büchern entwickelt hat. In "Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum" hatte sie bereits die Rolle der öffentlichen Hand gestärkt, in "Wie kommt der Wert in die Welt?" von, wie es im Untertitel heißt "Schöpfern und Abschöpfern" gesprochen. Dass sie in der englischsprachigen Originalausgabe von "MIssion" von "changing Capitalism" statt "neuer Wirtschaft" schreibt, hat ihr, wie sie in einem Interview sagte, wohl den Vorwurf sozialistischer Gedanken eingebracht. Was sie locker mit der Bemerkung parierte, jeder gute Kapitalist würde doch Wert darauf legen, einen Gegenwert für seine Leistungen zu bekommen.

Die in London lebende Italienerin ist Professorin für Economics of Innovation and Public Value am University College London und hat in ihrer Wahlheimat das UCL Institute for Innovation & Public Purpose gegründet. Mazzucato, die erst nach einem Geschichtsstudium in die Volkswirtschaft eingestiegen ist, gilt als einer der klügsten Köpfe ihres Metiers. Sie ist Vorsitzende des WHO Rats "Gesundheit für alle" und berät Regierungen und Organisationen rund um den Globus (von Schottland bis Argentinien), muss dabei aber immer wieder erfahren, dass einige ihrer wertvollen Ratschläge einfach ignoriert werden (wenn z.B. die britische Regierung die Corona-Nachverfolgung outsourct).

Mariana Mazzucato: Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft
Bildrechte: Campus Verlag

Die Daten zum Buch Mariana Mazzucato: Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft, Campus Verlag 2021, 301 Seiten, 26 Euro, ISBN: 978-3-593-51274-7

Klare Systematik

Dass Mariana Mazzucato immer mal wieder erleben muss, dass Regierungen das für sie Naheliegende nicht tun, bringt sie dazu, bestimmte Forderungen (wie die nach Gleichverteilung von Risiken und Gewinnen im Public-Private-Partnership) immer wieder auf den Tisch zu bringen. Und das tut sie so systematisch, dass man sich ihren Schlussfolgerungen kaum entziehen kann: Warum macht sich z.B. die staatliche Förderung von Arzneimittelforschung nicht beim Preis der Medikamente für alle bemerkbar (der dann wieder zu sinkenden Kosten im Gesundheitswesen und zu geringeren Kassenbeiträgen führen würde)? Warum kassieren CEOs großer Konzerne in der Gewinnphase Boni, wenn in der Verlustphase der Staat retten muss? Warum sollten gestaltungswillige Menschen eine Position beim Staat oder bei Kommunen anstreben, wenn sie dort nicht gestalten können?

Auch die Modellierung von "Missionen", wie sie sie in diesem Buch vorstellt, ist absolut nachvollziehbar. Egal ob es um die Rettung der Meere vor Plastikmüll oder die Mobilität der Zukunft geht  ihre Diagramme sind schlicht, leicht zu verstehen und gut einsetzbar: Ganz oben steht jeweils eine große gesamtgesellschaftliche Herausforderung, darunter die daraus abgeleitete Mission. Diese Mission besteht nun aus einzelnen "Missionsprojekten", symbolisiert von Kreisen im unteren Drittel der Grafik und jeweils verbunden mit den darüber liegenden Rechtecken, die die Sektoren / Themenbereiche darstellen, die von den Projekten berührt werden.

11 Missionsprojekte gehören zu der Mission zur Zukunft der Mobilität in GB, darunter "Planungsansätze für mobile Städte", "Nachhaltige Logistiksysteme" oder "100-prozentig zugänglicher öffentlicher Transport"
So wie in diesem Beispiel zur Zukunft der Mobilität sind alle Karten aufgebaut, mit denen Mariana Mazzucato die jeweiligen Missionen visualisiert. Bildrechte: Campus Verlag

Ein Konzept, das Aufmerksamkeit verdient

Viel Stoff, um darüber nachzudenken! Viel Stoff auch für Regierungen, die Ökologie und Ökonomie miteinander verbinden möchten. Und vieles bleibt hängen. So z.B. eine Rechnung, nach der Schulden machen nicht gleich Schulden machen ist. Mazzucato zitiert dazu den legendären Chef der US-Notenbank Fed, Alan Greenspan, der 2005 auf die Anfrage eines Senators geantwortet hat: "Nichts könnte den Staat daran hindern, nach Belieben Geld zu schöpfen und an wen auch immer auszuzahlen. Die Frage ist, wie man ein System schafft, das gewährleistet, dass die Sachwerte geschaffen werden, zu deren Erwerb diese Leistungen eingesetzt werden". Im Klartext: Wenn der Staat Schulden macht oder einfach mehr Geld druckt, ist das so lange unproblematisch und führt zu keiner Inflation, wenn das Geld richtig, sprich: in langfristige Wachstumsbereiche investiert wird. Und das Geld damit zurückkommt.

Mazzucato unterstreicht das mit Beispielen aus der Geschichte, von der großen Inflation der Weimarer Republik bis zu der Inflation der 1970er-Jahre, bei denen als Ursache keine Kapazitätsengpässe aufgrund falscher staatlicher Entscheidungen, sondern äußere Einflüsse festgestellt werden können. Außerdem, siehe Apollo: Das Programm war zwar teuer, aber doch nicht so sehr, wie man vermuten könnte. Mazzucato stellt klar: das Rettungspaket für den maroden Finanzsektor 2008 war viermal (!) so teuer, so dass die Mission eher als im besten Sinne Preis-wert bezeichnet werden kann.

Wie gesagt: viel Stoff, um darüber nachzudenken. Vor allem aber eine sehr konkrete Handlungsempfehlung einer Frau, die zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten der Wirtschaftswissenschaften gehört. Hoffentlich schenkt ihr die Politik die Aufmerksamkeit, die sie und ihre Vorschläge verdienen.

Carsten Dufner schaut freundlich in die Kamera.
Carsten Dufner Bildrechte: Tobias Thiergen

Der Rezensent … hat sich die Neugier seiner Kindheit erhalten. Ihn interessieren dabei weniger die Dinge, die weit weg oder weit zurückliegen als eher die wissenschaftlichen Fragen im Hier und Jetzt. Und das, was unser aller Zukunft ausmacht. Liebt die Vermittlung von Wissen, engagiert sich für die Bildung und betreut als Redakteur auch diese Rubrik der Buchempfehlungen: "Wissen, was wir lesen"

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