Studie zur Artenvielfalt Der Frühling verstummt: Nicht plötzlich, sondern still und schleichend

Eine internationale Studie beleuchtet einen leisen, schleichenden Prozess: Das Verstummen des Frühlings. Für die USA und Europa weist ein Forschungsteam nach, wie sich der zwitschernde Klangteppich unbemerkt ausdünnt.

Kraniche im Flug
Die Schreie der Kraniche stimmen auf den Herbst ein. Der Frühling wird leiser. Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Die rauen Schreie der Wildgänse und Kraniche, die am Herbsthimmel über uns gen Süden ziehen, stimmen leicht wehmütig. Wie schön dagegen das Frühjahr, wenn uns der Vogelgesang weckt! Doch wie lang tut er es noch? Das fragte sich schon Biologin Rachel Carson, die 1963 das Buch "The silent spring", "Der stumme Frühling" veröffentlichte, in der sie die Folgen chemischer Verseuchung für die Natur beschrieb.

historisches Bild: Eine Frau mit Brille an einem Rednerpult
Rachel Carsons Buch über den stummen Frühling gilt als Geburtsstunde für ein ökologisches Bewusstsein Bildrechte: IMAGO / Everett Collection

Urplötzlich rafft eine schleichende Seuche in einer paradiesischen US-Kleinstadt Menschen und Tiere dahin, Küken genauso wie Rinder und Schafe. "Es herrschte eine ungewöhnliche Stille. Wohin waren die Vögel verschwunden? Viele Menschen fragten es sich, sie sprachen darüber und waren beunruhigt. Die Futterstellen im Garten hinter dem Haus blieben leer. (...) Es war ein Frühling ohne Stimmen." Das verstörende Bild einer sterbenden Stadt ist nur der Einstieg in das eigentliche Thema der Biologin, den sorglosen Umgang Anfang der 60er-Jahre mit den damals neuen Pestiziden, sowie andere Eingriffe des Menschen in die Natur und deren langlebige Folgen.

Im Gegensatz zu Carsons kurz angerissener Dystopie verstummt der Frühling in der Realität nicht urplötzlich. Es ist vielmehr ein schleichender Prozess, den wir nicht wahrnehmen, weil wir Vögel meistens eher hören als sehen, theoretisch eine Art "Grundrauschen" der Natur, das immer leiser wird. Wahrscheinlich müssen wir in Zukunft immer besser hinhören, wenn wir in Europa und Nordamerika den Frühling hören wollen. Die Vögel fallen hier nicht einfach tot um oder legen Eier ohne Küken. Vielmehr ist es der langsame, kaum sichtbare Rückgang der Artenvielfalt bei den Vögeln. Diesen Prozess beschreibt eine Studie der University of East Anglia in Norwich, die den Klang des Frühlings untersucht hat.

Vogelgesang: Wie misst man Veränderung?

Vier Vögel landen auf einer Hand. 5 min
Bildrechte: colourbox.com

Grundlage der Untersuchung waren weltweite Vogelmonitoring-Daten inklusive Vogel-Audioaufnahmen von 1.000 Arten an 200.000 Orten weltweit aus den vergangenen 25 Jahren. Vogelstimmen und Orte wurden miteinander kombiniert, um eine Klanglandschaft zu erzeugen; anhand von vier Merkmalen wurden daraus u.a. Komplexität und Vielfalt der Gesänge und Intensität analysiert. Anhand dieser Analysen kommt das Forschungsteam zur Prognose, dass der Frühling in Zukunft leiser wird und klanglich eintöniger. Gut, könnte man sagen, muss man früh um vier nicht mehr die Fenster zumachen, wenn die Elstern mit ihrem Gekecker loslegen oder die Amseln, und kann in Ruhe weiterschlafen. Studienhauptautor Dr. Simon Butler widerspricht. Vogelgesang gilt als einer der der grundlegenden Momente, in denen der Mensch mit der Natur in Kontakt kommt. Weniger Vogelgesang bedeutet ihm zufolge Abstriche von Wohlbefinden und Gesundheit für Menschen. Allerdings sei das Verhältnis zwischen Strukturänderungen in Vogelpopulationen und im Klangbild schwer vorherzusagen.

Warum merken wir nicht, dass sich der "Vogel-Klangteppich" ausdünnt?

Seiner Kollegin, Dr. Catriona Morrison, zufolge, macht es einen klanglichen Unterschied, ob zum Beispiel die komplexen Melodien der Feldlerchen oder Nachtigallen fehlen oder das lärmende Krächzen von Rabenvögeln oder Möwenarten. Und das hat einen fatalen Nebeneffekt: Wenn nämlich das Klangbild der Vögel im Frühjahr verarmt oder leiser wird, löst das beim Menschen nichts aus, weder Proteste, noch Maßnahmen, um die Artenvielfalt der Vögel zu schützen. Aufrüttelnder ist Konkretes, das Bild vom Delfin, der sich im Fischernetz verfangen hat oder die Schildkröte im Meer mit Plastiktüte im Schnabel. Bei den Vögeln ist das anders, ein schleichender, unsichtbarer Prozess, den die Menschheit, von der die Hälfte in Städten lebt, nichts mitbekommt, weil ihre Lebensweise ohnehin abseits der der Natur stattfindet und Begegnungen mit Tieren selten sind. Was auch zu einer regelrechten Naturblindheit führt.

Eine kleine Marienkäferlarve auf einem grünen Blatt.
Ist die schädlich? Nein, die frisst Läuse und wird mal ein Marienkäfer. Bildrechte: MDR / Mayte Müller

Das lässt sich wunderbar in Internetforen beobachten, wenn in Gartengruppen im Stundentakt Bilder von Marienkäferlarven gepostet werden mit der Frage "Was ist das?" oder der Sorge, "Sind die giftig, muss ich die wegmachen?" Und hier zeigt sich dann die Gefahr, wenn man Tiere, Insekten, Vogelarten und ihren Nutzen für die Natur nicht kennt, ist man auch nicht daran interessiert sie zu schützen, oder dazu in der Lage.

Oder wie Forscherin Morrison sagt: "Je weniger wir uns unserer natürlichen Umgebung bewusst sind, desto weniger bemerken wir ihre Verschlechterung und kümmern wir uns um sie. Studien wie unsere zielen darauf ab, das Bewusstsein für diese Verluste auf greifbare, nachvollziehbare Weise zu schärfen und ihre potenziellen Auswirkungen auf das menschliche Wohlbefinden aufzuzeigen."

Die komplette Studie lesen Sie hier.

(lfw)

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