Medienforschung Gewalt im TV: Wir brauchen die Sicht der Betroffenen

Nicht nur Krimis zeigen viel geschlechtsspezifische Gewalt. Auch Nachrichten, Heimat- und Animationsfilme enthalten solche Gewaltdarstellungen. Es fehlen Betroffenenperspektiven, Lösungsansätze und Triggerwarnungen, zeigt eine neue Studie.

Mann würgt Frau
Gewaltdarstellung im Film zeigt selten die Perspektive der Betroffenen, fokussiert sich auf die Täter und deren Befindlichkeiten. Bildrechte: imago images / blickwinkel

Ob Krimi, Kinderanimationsfilm, Nachrichten oder Unterhaltung: So gut wie in jedem Genre im Fernsehen findet geschlechtsspezifische Gewalt statt und zwar in verschiedensten Formen. Das zeigt eine Studie der Hochschule Wismar und der Universität Rostock, für die 450 Stunden Sendematerial von acht Hauptsendern des deutschen Fernsehens (Das Erste, ZDF, RTL, RTL2, Vox, ProSieben, SAT1 und Kabel Eins) analysiert wurden. Und zwar in Fernseh-Formaten, die in der frühen Primetime zwischen 18:00 und 20:00 Uhr liefen.

Was ist geschlechtsspezifische Gewalt?

"Geschlechtsspezifische Gewalt ist Gewalt, die sich gegen eine Person aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechts richtet. Diese Form der Gewalt betrifft weltweit überproportial Frauen. Sie umfasst Phänomene wie Zwangsheirat, sexualisierte aber auch psychische Gewalt sowie Gewalt, die wirtschaftliche Schäden für die Frau zur Folge hat, etwa wenn sie keinen Zugriff auf Konten hat. Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen wird als Mittel der Kriegsführung eingesetzt, findet tagtäglich im privaten Haushalt statt und in Situationen, die von struktureller Machtungleichheit und finanzieller Abhängigkeit geprägt sind." - Quelle: Deutsches Institut für Menschenrechte

Während eines sexuellen Übergriffs schlägt ein Mann eine Frau
Gewaltdarstellungen in Filmen: Die Sicht der Betroffenen, der Umgang mit erlebter Gewalt wird zu wenig thematisiert Bildrechte: imago images / localpic

In 34 Prozent des Untersuchungsmaterials wurde dabei geschlechtsspezifische Gewalt nachgewiesen. Ob das viel ist oder wenig, lässt sich nicht sagen, es fehle vergleichbares Studienmaterial, sagt Dr. Linke im Gespräch mit MDR WISSEN. Was die Forscherinnen tatsächlich überraschte sind vielmehr die Dinge, die in all den analysierten Sendungen fehlen. Nämlich die Betroffenenperspektive: Also zum Beispiel, dass gezeigt wird, wie es Überlebenden von Vergewaltigungen oder schweren Gewalttaten geht. "Und es fehlen Hinweise auf Hilfsangebote, den Frauennotruf, Beratungsstellen, positive Lösungsansätze, darauf, dass bei der Polizei Trainings gibt, wie man häusliche Gewalt erkennt."

Unsichtbare Gewalt in Abenteuerfilmen

Kinder schauen einen Film und Naschen
Geschlechtsspezifische Gewalt in Animationsfilmen: in zehn Prozent des Untersuchungsmaterials. Bildrechte: imago/emil umdorf

Aber es sind nicht nur Fernsehfilme wie Krimis oder Nachrichtensendungen, in denen geschlechtsspezifische Gewalt gezeigt wird, sagt Forscherin Christine Linke: "Sehr überraschend fanden wir zum Beispiel geschlechtsspezifische Gewalt in Kinderanimationen. Die kommt so nebenbei vor, da muss man schon mehrfach hingucken. Da wird zum Beispiel als Anschub für die Geschichte eine Krise gebraucht, die Familienmutter wird zu Beginn des Films von einem Vampir bedroht, und wenn sie nicht seine Partnerin wird, passiert was Schlimmes."

Situationen mit geschlechtsspezifischer Gewalt sind demnach quasi der dramaturgische Los-Tritt für die Abenteuergeschichte, erläutert Professorin Linke weiter: "Hier wird das Narrativ der weiblichen Charaktere, die verfügbar sein müssen, erzählt. Das ist, wenn man so will, ein klassisch patriarchalisches Muster." Das man, weil man es kennt, auf den ersten Blick gar nicht als Form von Gewalt versteht. Diese unauffällige, weil gelernte Form von Gewalt findet sich Linke zufolge auch in anderen Genres, da, wo Frauen wirtschaftlich in Bereiche gedrängt werden, die stereotypen Frauen zugeschrieben werden.

Brauchen wir Warnhinweise auf Gewalt in Krimis?

Lächelnde Frau mit kurzen Haaren
Prof. Dr. Christine Linke Bildrechte: Tom Wagner

Ein weiterer Fund der Analyse: Es gibt keine Triggerhinweise für Menschen mit selbsterlebten Gewalterfahrungen, sagt Dr. Linke. Triggerhinweise? Die kennt man vielleicht aus sozialen Medien, in denen vor dem Abspielen eines Videos ein Hinweis erfolgt auf explizite Gewaltdarstellungen im Video. Braucht es aus Sicht der Forschung also derartige Hinweise in Nachrichtensendungen, oder vor einem Krimi, gar währenddessen? Wer Krimis mag, schüttelt an der Stelle unwillkürlich mit dem Kopf. Wie soll das denn bitte gehen?! Pauschale Vorgaben sind hier schwierig, findet Linke; aber es muss nach Lösungsansätzen gesucht werden.

Gewaltbetroffene würden von mehr Wissen in Redaktionen profitieren

Aber dass derlei Hinweise komplett fehlen, die Sichtweise der Gewaltbetroffenen nicht stattfindet, das ist aus Linkes Sicht definitiv ein Manko. "Menschen mit Gewalterfahrungen sind im Denken der Medienschaffenden unsichtbar. Darüber sollten wir reden, das ist eine Debatte, die geführt werden sollte. Hier könnte die Medienbranche sensibler werden."

Menschen mit Gewalterfahrungen sind im Denken der Medienschaffenden unsichtbar.

Prof. Dr. Christine Linke, Hochschule Wismar
Häusliche Gewalt
Häusliche Gewalt im Film: Es ist auch möglich, nicht nur die Täterperspektive, sondern auch Lösungsansätze oder Hinweise auf Hilfsangebote im Film zu zeigen. Bildrechte: colourbox.com

Dass es funktioniert, hat Linke in zwei Produktionen, die ihrem Untersuchungsmaterial vorkommen, gesehen. In einer Heimatfilm-Produktion, in der eine Hebamme mit häuslicher Gewalt konfrontiert wird, und in der nicht nur die Vielschichtigkeit der Situation gespiegelt wurde, sondern auch Lösungswege. "Offenbar eine Redaktion mit Hintergrundwissen", sagt Linke, "das ist das, was wir mit der Studie anstoßen wollen". Dafür sind bereits erste Schritte getan, sagt die Wissenschaftlerin: "Wir sind bereits im Gespräch mit mehreren Filmhochschulen." Damit wird dort angesetzt, wo die Fernseh-Stoffe der Zukunft entstehen. Medienschaffende von morgen könnten die heute noch "unsichtbaren" Rezipienten-Gruppen und deren Perspektiven, in ihren Drehbüchern und Dramaturgien mitdenken, ebenso die Anlaufstellen und Angebote in Institutionen, in denen Gewaltbetroffenen geholfen wird.

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