Psychologie Lockdown trifft Frauen härter als Männer

Zu Hause arbeiten, Kinder unterrichten und betreuen, kochen, trösten, Mut machen – 24 Stunden am Tag, 7 Tage pro Woche. Das ist für viele der Alltag im Lockdown, ein Härtetest für unsere die Psyche, besonders für Frauen. Forschende aus Chemnitz haben untersucht, wie sich die ersten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie im März 2020 psychologisch ausgewirkt haben und sie empfehlen maßgeschneiderte Hilfsangebote.

Berufstätige Mutter mit Kindern im Homeoffice.
Kein Klischee, sondern Realität. Berufstätige Frauen und Mütter trifft der Lockdown am härtesten. Bildrechte: imago images/Jochen Eckel

Welche psychischen Spuren hat der erste Corona-Lockdown im März 2020 hinterlassen? Das wollten Bertolt Meyer, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der TU Chemnitz, und sein Team wissen. Von April bis Juni letzten Jahres befragten sie dazu 3.862 Männer und Frauen, davon 2.900 Berufstätige. In drei Wellen erfassten die Wissenschaftler, wie die Teilnehmer die Belastungen durch die Einschränkungen empfanden und wie sich ihr Erschöpfungszustand im Lauf der Zeit veränderte.

Abhängigkeit im Beruf und wenig Unterstützung zu Hause macht vor allem Frauen zu schaffen

Wie gut oder wie schlecht wir durch den Lockdown kommen, hängt unter anderem von diesen sechs Faktoren ab, die die Wissenschaftler genauer betrachteten: vom Zeitverlauf der Pandemie, davon, inwieweit sich die Teilnehmer ihre Arbeit selbst gestalten konnten, wie sicher ihr Arbeitsplatz war, wie sehr sie sich unterstützt fühlten, ob es einen Konflikt zwischen Privatem und Beruflichem gab und ob sie selbst eine Möglichkeit sahen, etwas Positives zur Pandemiebekämpfung beizutragen.

Das Ergebnis: Auf die durchschnittliche Erschöpfung wirkten sich alle Faktoren gleich aus. Doch die Autonomie im Beruf und die Unterstützung zu Hause hatten erheblichen Einfluss darauf, wie sich die Erschöpfung im Lauf der Zeit verändert. Wenig Selbstbestimmung im Beruf und wenig Unterstützung zu Hause führten zu einem steilen Anstieg des Erschöpfungszustandes, vor allem bei den Frauen. Dieses Ergebnis überraschte die Forschenden. Natürlich hätten sie mit einem Geschlechtereffekt gerechnet, so Studienleiter Meyer:

Prof. Bertolt Meyer
Prof. Bertolt Meyer Bildrechte: TU Chemnitz/Jacob Müller

Dass Frauen in so einem erheblichen Maß eine stärkere Belastung empfinden, das hatte ich nicht erwartet.

Prof. Dr. Bertolt Meyer, Organisations- und Wirtschaftspsychologe, TU Chemnitz

Vor allem wenn jüngere Kinder im Haushalt leben, die "neben" dem Homeoffice zu betreuen sind, koste das enorm Kraft. Eigentlich könnte man annehmen, wenn alle zu Hause seien, würde jeder mithelfen, den Alltag zu stemmen. Doch offenbar ist das Gegenteil der Fall, das zeigt eine aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Ipsos. So gaben in der Umfrage 69 Prozent der Frauen an, den Haushalt zu versorgen, hingegen lediglich 11 Prozent der Männer. Ähnliche Ergebnisse liegen zur Kinderbetreuung und zum Homeschooling vor. Mehr als 50 Prozent der Frauen fühlen sich dafür verantwortlich, nur etwa 15 Prozent der Männer.

Nun könne man vielleicht noch mutmaßen, ob Frauen eher zugeben, dass sie an ihre Grenzen kommen, so Prof. Bertolt Meyer. Fakt aber sei, im Vergleich zu Daten aus der Zeit vor der Corona-Pandemie gaben die meisten weiblichen Probanden ein doppeltes Maß an empfundener Belastung an.

Kraftraubender Frühjahrs-Lockdown

Die Ergebnisse der Studie hätten gezeigt, dass bereits nach dem Frühjahrs-Lockdown "der Tank leer, die Nadel im roten Bereich" gewesen sei, so Meyer. Ist es einmal so weit, ist es schwer, wieder auf die Beine zu kommen. Am besten sei, mit den Kräften so lange gut zu haushalten, wie es eben möglich ist, rät er. Dem ständigen Soll auch wieder ein Haben entgegensetzen – wie geht das?

Mehr Eigenverantwortung im Beruf, nein sagen, Pausen machen

Prof. Bertolt Meyer und sein Team sehen in ihrer Studie Indizien dafür, dass die psychische Belastung durch den Lockdown abgefedert werden konnte, wenn Arbeitnehmer ihre Aufgaben weitgehend selbstbestimmt erledigen konnten. Hier sehen die Wissenschaftler durchaus Potential in der Kommunikationskultur:

Einfach mal sagen, wenn es zu viel wird. Sich mehr Zeit einräumen, wenn die Qualität stimmen soll. Den Druck rausnehmen und damit für psychische Entlastung sorgen.

Prof. Bertolt Meyer

Auch regelmäßige Pausen können helfen. Aller 60 Minuten mindestens fünf Minuten lang etwas ganz anderes zu machen, empfiehlt Bertolt Meyer. Ein jeder von uns verfüge nur über ein begrenztes Maß an Kraft und sei diese erst einmal völlig ausgeschöpft, sei es umso schwerer, wieder auf die Beine zu kommen.

Füreinander da sein

Glücklich kann sich schätzen, wer über einen stabilen Rückhalt, über Ressourcen verfügt, um solch einer Krise zu begegnen. Familiärer Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung, Freundschaften und soziale sowie wirtschaftliche Sicherheit liefern die nötige Energie. Aber auch schöne Erlebnisse wie auszugehen, Kultur zu erleben und auch mal mehr als nur zwei Freunde zu treffen, hilft der Seele durch schwierige Zeiten. Doch genau das ist derzeit schwierig und Teil eines Teufelskreises.

Vielleicht sollten wir wieder mehr über das Wort Solidarität nachdenken und denen helfen, die Hilfe brauchen.

So gibt Bertolt Meyer es aus privater Sicht zu bedenken. Vor allem diejenigen, die mit Existenzängsten zu kämpfen haben und kein stabiles familiäres Umfeld haben, stünden im Lockdown auf dünnem Eis. Sie hätten eben keine großen Ressourcen, um der Krise zu begegnen. Ein Patentrezept dafür, wie man besonders die Frauen unterstützen könne, die psychisch am Lockdown stark zu tragen haben, besonders wenn sie im Homeoffice arbeiten und zugleich Kinder betreuen, gebe es leider nicht. Aber Optionen, über die man nachdenken könne.

Vielleicht könne man zuerst die Kinder in die Schulen und Kindertagesstätten zurückholen, deren Eltern den Alltag nicht mehr bewältigten können. Vielleicht sei auch ein staatlicher Babysitterdienst denkbar, nicht flächendeckend, aber stundenweise, da wo Not am Mann ist. Und nicht zu vergessen: Das bisschen Haushalt macht sich eben doch nicht von allein, und so ist jede Hilfe willkommen.

Link zur Studie

Die Studie „Employee psychological well‐being during the COVID‐19 pandemic in Germany: A longitudinal study of demands, resources, and exhaustion“ wurde in einem Sonderheft zu den psychologischen Auswirkungen der COVID-19 Pandemie des International Journal of Psychology veröffentlicht und ist dort frei zugänglich.

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