Science vs. Fiction: YOU Mörderische Liebe: Der "nette" Stalker von nebenan und seine Traumata

Er ist attraktiv, fürsorglich und der Traum jeder Schwiegermutter – zumindest auf den ersten Blick. Doch Joe aus der Netflix-Serie "YOU" hat extrem dunkle Seiten: Manipulation, Stalking und Mord gehören nämlich ebenso zu seinem Portfolio. Woran liegt das? Und wie realistisch ist die Serie in dieser Hinsicht?

Stalking ist ein ernsthaftes Problem. Jedes Jahr werden in Deutschland 20.000 Fälle angezeigt und die Dunkelziffer ist mit Sicherheit noch viel höher, denn die Hälfte aller Stalker sind Ex-Partner oder Ex-Männer und da ist die Hemmschwelle für eine Anzeige natürlich nochmal deutlich höher. Von Stalking spricht man im Normalfall, wenn eine Person willentlich und wiederholt verfolgt oder belästigt wird und dadurch auch deren physische oder psychische Unversehrtheit bedroht oder geschädigt wird. Das können zum Beispiel Anrufe oder Nachrichten zu allen Tages- und Nachtzeiten sein, verfolgen und auflauern vor der Wohnung oder dem Arbeitsplatz bis hin zu Beleidigungen, Bedrohungen oder Nötigungen.

Machtgefälle und Angst

Dem Stalkenden geht es darum, ein Machtgefälle aufzubauen, indem er zeigt, ich weiß jederzeit, wo du bist und was du tust, und bei seinem Opfer das Gefühl von Angst hervorzurufen. Dass das funktioniert, zeigt eine repräsentative Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. 88 Prozent der weiblichen Opfer gaben darin an, gestresst zu sein, 61 Prozent klagten über Angstgefühle, 30 Prozent lebten in der Furcht, dass der Stalker gewalttätig werden könnte.

Mareike Thomas
Psychologin Mareike Thomas von der Uni Halle Bildrechte: MDR Wissen / Tobias Thiergen

Doch warum gehen Menschen diesen Weg? Die Ursachen liegen, wie so oft in der Psychologie, in der Kindheit, sagt Psychologin Mareike Thomas von der Universität Halle: "Es ist oft so, dass bei Stalkern eine unsicher-ambivalente Bindung vorliegt, das heißt, sie haben in der Kindheit, auch schon im Säuglingsalter, viele Trennungserfahrungen erlebt und auf ihre Bedürfnisse wurde von ihren Bezugspersonen nicht wirklich eingegangen. Das heißt, sie haben gelernt, ich muss mir Liebe ein Stück weit verdienen und können es dann meist auch nicht lange in vermeintlich sicheren Bindungen aushalten."

Die Forschungseinheit von Mareike Thomas hat sogar belegen können, dass traumatische Erfahrungen in der Kindheit und sei es auch "nur" durch emotionale Vernachlässigung, Strukturen im Gehirn verändern, die wiederum die Wahrscheinlichkeit psychisch zu erkranken deutlich erhöhen – zum Beispiel an einer Persönlichkeitsstörung. Und das deckt sich auch mit den Erkenntnissen zu Stalkern.

Was wir bei Stalkern häufig sehen, ist eine "nicht näher bezeichnete Persönlichkeitsstörung", die immer dann vergeben wird, wenn die Persönlichkeitsstörung nicht im Vollbild oder vermischt mit anderen vorliegt. Da gibt es schon einige Studien, dass das gar nicht so ungewöhnlich ist.

Psychologin Mareike Thomas, Uni Halle

Darstellung in der Serie "YOU"

Auch in der erfolgreichen Netflix-Serie "YOU“ stalkt der Protagonist Frauen. Dabei ist Joe auf den ersten Blick gutaussehend und charmant. Doch ziemlich schnell wird klar: Manipulation, Stalking und Mord gehören ebenso zu ihm.

Joe Goldberg
Joe Goldberg - Protagonist in der Serie "YOU" Bildrechte: Netflix

Für Mareike Thomas ist Joe kein klassischer Stalker, denn er tut alles dafür, dass seine Opfer von seiner Obsession nichts mitbekommen und versetzt sie damit auch nicht in Angst. Doch sein Störungsbild entspricht dem, was auch die Studien in der Realität zeigen: Bei ihm liegt eine Mischung aus narzisstischer und dissozialer Persönlichkeitsstörung vor.

Das heißt, er überhöht sich selbst und die Frauen, die er liebt. Er allein weiß alles über die große Liebe und will die Frauen zu ihrem Glück zwingen. Dafür ist er sogar bereit, alle sozialen Normen zu ignorieren und Morde zu begehen. Oft wirkt er dabei emotional abgeklärt und distanziert – wie ein richtiger Psychopath.

Ist Joe ein Psychopath?

Einen Psychopathen zu erkennen, ist gar nicht so einfach – zumal Psychopathie keine eigenständige Diagnose ist, sondern die krasseste Form einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Es gibt eine Checklist des kanadischen Psychologen Robert Hare, der 20 Kategorien definiert hat, woran man einen Psychopathen erkennen kann. Je nachdem wie stark die Symptome auftreten, vergeben Therapeuten dann 0-2 Punkte. Joe kommt dabei auf 23 Punkte. Das sind tatsächlich viele, aber man spricht erst ab einem Wert von 30 von einem Psychopathen.

Wichtig ist auch: Nicht jeder, der psychisch krank ist, wird auch gefährlich für sich oder andere. Studien zeigen sogar, dass Betroffene eher zu Opfern werden, als zu Tätern. Deshalb bietet zum Beispiel der Weiße Ring nicht nur Hilfe für die Opfer, sondern auch für Stalkende selbst an.

Dreh Science vs. Fiction mit Mareike Thomas
Mareike Thomas beim Dreh mit Moderator Jack Pop. Bildrechte: MDR Wissen / Anne C. Brantin

Info: Wenn Sie noch mehr zur Diagnose von Joe Goldberg erfahren möchten oder sich schon immer gefragt haben, was passiert eigentlich bei Zaubertricks in unserem Gehirn – schauen Sie doch mal auf unserem YouTube-Kanal "Science vs. Fiction" vorbei. Dort finden Sie auch die aktuelle Folge "Was ist los mit Joe Goldberg" mit der Psychologin Mareike Thomas

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