Gesundheitsökonomie Gesundheit und Einkommen: Der Osten holt auf

Klar: Das heutige Gebiet des ehemaligen Ostens ist in Sachen Wohlstand schlechter aufgestellt als der Westen. Aber ein genauer, differenzierter Blick lohnt sich und zeigt: Es gibt keinen Grund für Schwarz-Weiß-Denken im Lande. Zum Beispiel bei der Sterblichkeit, sagt die Uni Halle.

Geteiltes Bild: Norddeutsche Dorfansicht mit kleinem Kanal bzw. Hafen und alten Segelbooten im Vordergrund. Sowie: Kleiner Hafen mit bunten Hütten und weiteren Gebäuden auf blauem Wasser und vielen Segelbooten.
Krummhörn im Landkreis Aurich und der Markkleeberger Hafen Zöbigker im Landkreis Leipzig: Die beiden Orte haben mehr gemeinsam als Bötchen und Wasser. Bildrechte: imago/Dieter Mendzigall, Sylvio Dittrich (M)

Dass auch im vierten Jahrzehnt nach dem Mauerfall die Debatte um Unterschiede auf den Gebieten des ehemaligen Ostens und Westens Deutschlands nicht abgeflacht sind – nun, das hat seine Gründe. Und die bewegen sich bekanntermaßen zwischen einem berechtigten Anprangern von Ungleichheit und Jammern auf hohem Niveau. Hilfreich in dieser Angelegenheit: keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern ein Blick auf Details, so wie das die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) jetzt getan hat.

Landkreise Aurich und Leipzig – wer hat die Nase vorn?

Die bescheinigt dem Osten nämlich eine gelungene Aufholjagd in Sachen Lebenserwartung. Die ist durchaus ein brauchbarer Maßstab für die Ermittlung des Lebensstandards, das zeigt sich immer wieder – zum Beispiel hier, hier und hier. Im deutsch-deutschen Vergleich hieß ähnliches Einkommen aber nicht immer ähnliche Lebenserwartung. Darauf weist Amelie Wuppermann, Gesundheitsökonomin an der MLU hin:

"Vom Einkommen her waren 1995 die stärksten Kreise in den neuen Bundesländern ähnlich gestellt wie die ärmsten Kreise im Westen. Und gleichzeitig waren die Todesfälle pro 1.000 Personen über alle Altersgruppen hinweg im Osten deutlich höher, also war die Lebenserwartung deutlich niedriger." Am Beispiel heißt das: Im vergleichsweise für den ehemaligen Ostteil des Landes wohlhabenden Landkreis Leipzig* (Land) lag sie bei 76 Jahren. Im hinsichtlich der Einkommenswerte ähnlichen Landkreis Aurich allerdings bei 78,8 Jahren – ein erheblicher Unterschied.

Allerdings: Bereits 2003, also 13 Jahre nach der Wiedervereinigung, waren die großen Unterschiede bei der Sterblichkeit passé. Ein Trend, der sich im darauffolgenden Jahrzehnt fortgeschrieben hat. Und nicht nur das: Die Verhältnisse haben sich teilweise sogar umgekehrt. Neugeborene Mädchen hatten im Landkreis Leipzig 2015 eine Lebenserwartung von 83,6 Jahren, in Aurich hingegen nur 82,3. Die Einkommenszuwächse waren in beiden Regionen hingegen gleich.

Die Lebenserwartung ist im Osten also stark angestiegen. Generell lässt sich sagen: Die Menschen in Deutschland werden im weltweiten Vergleich ohnehin sehr alt, regionale Unterschiede sind nach globalen Gesichtspunkten also eher marginal. Und auch da lohnt sich kein Ost-West-Denken. Am ältesten, das zeigen die aktuellsten Zahlen, werden Frauen und Männer in Baden-Württemberg.

Lebenserwartung von Frauen in Deutschland

Lebenserwartung von Männern in Deutschland

Die geringste Lebenserwartung haben Frauen im Saarland und Männer in Sachsen-Anhalt. In Sachsen ist die Lebenserwartung für Frauen höher als etwa in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen und fast genau so hoch wie in Bayern. Bei Männern ist sie in Thüringen höher als in Bremen und im Saarland. So ist also zumindest auf Landkarten zu diesem Thema der alte Grenzstreifen inzwischen weitestgehend verschwunden.

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* Der Name Landkreis Leipzig bezieht sich auf das Gebiet des heutigen Landkreises.

Link zur Studie

Die Studie Geographic Inequality in Income and Mortality in Germany erschien zuerst im April 2021 im Journal Fiscal Studies. (DOI: 10.1111/1475-5890.12259) Sie ist Teil der Studie Inequality in mortality between Black and White Americans by age, place, and cause and in comparison to Europe, 1990 to 2018, die am 5. Oktober 2021 in PNAS erscheint. (DOI: 10.1073/pnas.2104684118)

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