Medizin Weshalb die Haut mehr Erforschung verdient

Mehr als alles andere am Körper ist die Haut mit unserer Individualität verbunden. Sie gibt unserem Gegenüber Informationen über das Lebensalter, den Gesundheitszustand und über den Lebensstil. Und schützt uns vor dem Austrocknen, vor Krankheitserregern und gewissen Chemikalien. Obwohl sie so komplex und vielseitig ist, spielte die Haut in der Forschung lange Zeit eine untergeordnete Rolle. Dermatologen erklären, warum die Haut heute längst zu den Organen zählt, die am meisten erforscht werden.

Ein Mann kratzt seinen linken Handrücken
Sie leitet Reize weiter, sie sondert Stoffe und Schweiß aus, und sie wehrt gegen Viren und Bakterien ab - unsere Haut ist eines der komplexesten Organe. Bildrechte: imago images / Panthermedia

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Die Illustration zeigt einen jungen Mann mit Brille, Bart, kurzen dunklen Haaren und einem grauen Shirt.
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Sinnesorgan und Schutzmantel

Unsere Haut ist zwar nicht aus Metall wie die Rüstung von Iron Man – als Schutzmantel verstehen Wissenschaftler sie aber dennoch. Schon im Mutterleib, umgeben von Wasser, als Embryonen schützt sie uns, erklärt Dermatologe Christos Zouboulis. Er leitet die Hochschulklinik für Dermatologie, Venerologie, Allergologie und Immunologie am Städtischen Klinikum in Dessau und lehrt an der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane. "Wenn die Haut nicht hervorragende Eigenschaften hätte, dieses Wasser abzuweisen, dann würde kein Mensch gesund geboren werden." Das Ektoderm, wie es in der Embryologie genannt wird, ist nicht nur eine Sammlung an Zellen, sondern es ist schon ein rudimentäres Organ.

Vom ersten Moment unseres Lebens präsentiert die Haut ihre Eigenschaften. Wenn wir älter werden, arbeitet der Körper diese Schutzfunktionen aus. Zum einen wird die Haut lernen, eine Barriere zwischen unserem Drinnen und dem Draußen zu schaffen, erklärt Christos Zouboulis – also Umwelteinflüsse von unseren Organen, unserem Lymph- und Blutsystem fernzuhalten. Zum anderen wird sie die Zellen entwickeln, die wir brauchen, um Informationen weiterzuleiten.

Dermatologe Christos Zouboulis
Der Stellenwert der Haut in der Forschung hat sich verändert, sagt Dermatologe und Hochschulklinikleiter Christos Zouboulis. Bildrechte: MDR/Christos Zouboulis

Zum Beispiel über sensorische Nervenfasern, dank derer wir tasten und fühlen können. "Wenn Kinder nicht richtig in die Arme genommen werden, und nicht tasten können, haben sie Probleme. Dieses erste Gefühl, bei dem man Sensibilisierungen positiver Art entwickelt, da spielen die Nervenzellen der Haut eine immens große Rolle". Denn die Haut ist unser am stärksten innerviertes Organ.

Die Haut - ein fast eigenständiges Organ

Wie vielfältig die Haut wirklich ist, sieht man aber erst, wenn man von den grundlegenden Aufgaben weggeht, und sich die biochemischen Abläufe anschaut – da, wo Hormone und Botenstoffe des Körpers auf den Plan treten. "Wenn Sie keine Hormone hätten, also die Drüsen des Körpers nichts produzierten, würde die Haut das kompensieren.", sagt Christos Zouboulis. Denn sie kann Cholesterol, also Fette, aus dem Blut nehmen und hat alle Enzyme, um zum Beispiel Hormone wie Sexualhormone zu bilden. "Sie ist fast schon ein eigenständiges Organ und jede Zelle an der Haut (und die an die Haut kommt) hat die Aufgabe uns zu schützen!"

Blickt man auf die Barrierefunktion unserer Haut, spielen auch diese Drüsen eine wichtige Rolle. Dank ihr bildet die Haut eine Art Fettfilm, der es Krankheitserregern schwerer macht, in unseren Organismus zu kommen. Zwar leben auf der Haut selbst Mikroben, Viren und Bakterien aller Art, doch hier handelt es sich um eine "gesunde Mischung" aus neutralen und guten Bakterien, die in der Kombination dem Körper nicht schaden. Erst wenn unsere Hautbarriere nicht mehr funktioniert, kippen solche Bakteriengruppen hin zu mehr schlechten Bakterien, was dann wiederum zu Hauterkrankungen aber auch inneren Krankheiten führen kann.

Jede Zelle an der Haut oder die an die Haut kommen kann, hat die Aufgabe uns zu schützen.

Prof. Dr. Christos Zoupoulis, Dermatologe und Klinikleiter am städtischen Krankenhaus Dessau
Illustration - Epidermis des Menschen
In der mittleren der drei Hautschichten liegen die Talgdrüsen. Sie ähneln Knäueln. Sie bilden den Fettfilm auf unserer Haut, der uns vor dem Eindringen von Krankheitserregern schützt. Bildrechte: IMAGO/GILLES / BSIP

Die Haut ist also oft neben Körperöffnungen und den Schleimhäuten die erste Barriere, die Viren und Bakterien überwinden müssen, um in unseren Organismus zu gelangen. Dass die Haut am Ende einer langen Kette an Reaktionen im Körper steht, diese Annahme gilt als längst überholt. Das Gegenteil ist der Fall. "Bis vor 20 Jahren kannte man in der Dermatologie nur Medikamente, die irgendwo an anderen Erkrankungen überprüft worden sind", erklärt Christos Zouboulis. Anschließend hat man geschaut, ob sie vielleicht auch etwas an der Haut machen. "Inzwischen werden aufgrund dieser neuen Erkenntnisse sehr viele Substanzen in klinischen Studien erst an der Haut getestet!" Ein Paradigmenwechsel fand statt.

Heute werden grundlegenden Funktionsweisen neu unter die Lupe genommen. Von der Talgdrüse glaubte man lange Zeit, dass sie in Verbindung mit Akne steht. Aufgrund der neuen Erkenntnisse schaut man jetzt viel grundsätzlicher und fragt sich, ob die Drüsen beispielsweise die schützenden Fette produzieren, deren Fehlen Ursache von Krankheiten wie Neurodermitis sein können. Die Herangehensweise ist also mitunter eine andere. Es wird zuerst geschaut, was kann das Organ und anschließend wird untersucht, wo die Fehler auftreten.

Reaktionen der Haut auf Stress

Ein anderes Beispiel ist die Verbindung der Haut zum körpereigenen Abwehrsystem, dem Immunsystem. In den letzten Jahren gewannen Forscher zahlreiche neue Erkenntnisse darüber, dass die Haut eigene immunregulierende Botenstoffe produzieren kann, erklärt Eva Peters, Fachärztin für Dermatologie und Psychosomatik.

Zum Beispiel hat die Haut die Fähigkeit, das Stresshormon Cortisol selbst zu produzieren. Die Ausschüttung des Cortisols wird über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse getriggert und kommt aus der Nebenniere ins Blut und damit auch in die Haut. Es wird aber auch in der Haut selbst Cortisol produziert, so die Wissenschaftlerin. "Die Zellen, die die äußerste Hautschicht machen, die Keratinozyten, können alle Cortisol selber produzieren. Sie haben den ganzen enzymatischen Aufbau und sie benutzen Cortisol, um lokal Entzündung zu regulieren".

2021 konnte ein Team aus Forschern an der Haut von Mäusen zeigen, dass sich bei furchteinflößendem Lärm, der für die Mäuse Stress bedeutete, die Produktion von jenen Botenstoffen erhöhte, die Entzündungszellen in der Haut aktivieren. Psychosozialer Stress kann laut ihrer Studie als Mitursache von Hautkrankheiten wie Neurodermitis verstanden werden.

Wie Darm und Haut zusammenhängen

Dass die Haut und das Immunsystem zusammenhängen, lässt sich noch aus anderer Warte bestätigen. Auch die Bakterien auf der Haut spielen da eine Rolle, sagt die Hautärztin Yael Adler. "Die Bakterien sind Teil des Immunsystems. Sie trainieren das Immunsystem, bilden Botenstoffe, kommunizieren mit dem Immunsystem und dem Nervensystem." Gemeint sind einerseits Bakterien auf der Haut, aber auch Bakterien im Darm.

Haut und Darm sind extrem eng verbunden.

Dr. Yael Adler, Dermatologin
Dermatologin Yael Adler
Wenn die Bakterienvielfalt im Darm zunimmt, kann sich das positiv auf die Haut auswirken, erklärt Yael Adler, Fachärztin und Autorin. Bildrechte: MDR/Jenny Siebold

Sollten wir, wenn wir unserer Haut etwas Gutes tun wollen, uns also viel mehr auf unseren Darm konzentrieren? "Bei der Ernährung hilft es mehr Pflanzen zu essen. Pflanzen bringen ganz viel für uns. Sie bringen Mikronährstoffe, also Vitamine, Spurenelemente und Mineralien, erklärt Yael Adler. Alles, was dem Darm guttut, zahlt also direkt auf die Haut ein.

"Vor allem die löslichen Ballaststoffe aus den Pflanzen sind gut. Sie tragen dazu bei, dass man gute Darmbakterien anfüttert." Das liegt daran, dass die Bakterienvielfalt im Darm zunimmt und somit zu mehr Hautgesundheit und körperlicher Gesundheit beiträgt. "Die Bakterien produzieren zum Beispiel B-Vitamine, die die Haut braucht, um die Schleimhaut gesund zu halten.", ergänzt Yael Adler.

Wer seine Haut also lange gesund halten möchte, sagt Bakterien nicht unbedingt den Kampf an, sondern desinfiziert mit Bedacht. Und unterstützt die schützende Hautbarriere durch Obst oder Gemüse im Speiseplan. Weniger heiß duschen und Duschgels und Cremes mit Duftstoffen sparsam einsetzen, unterstützen die Haut in ihrer Abwehrfunktion. Wer sich hin und wieder ein Bad oder Entspannung gegen Stress gönnt, tut seiner Haut ebenfalls Gutes. Damit wird sie zwar noch lange nicht zur Superhelden-Rüstung von Tony Stark, ihre Schutzfunktion erhält sich aber wesentlich länger.

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